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NOA XXVI: 2017

Der Verräter. Probleme der Loyalität in Zeiten des Wandels

Verantwortlich: Stefan Donecker, David Feest und Linda Kaljundi

In historischer Perspektive ist Loyalität ein mehrdeutiges Phänomen. Die unbestechliche Treue gegenüber einem Monarchen, einem Staat oder einer Idee wird oft als positive Tugend bewertet. Doch wenn sich die politische Wetterlage ändert, können diese Eigenschaften auch schnell zu unangemessenem Konserva-tismus, Sturheit oder sogar Fanatismus erklärt werden. Vice versa werden jene, die ihre Obrigkeit oder ihre Länder verraten von einigen als Verräter, von anderen aber als Helden des Widerstands oder Revolutionäre gefeiert. Verrat liegt im Auge des Betrachters. Dies macht den Verräter zu einer besonders enigmatischen Figur.
Nord-Ost-Europa war als Region des häufigen Herrschaftswechsels ein Ort vielfältiger Loyalitäten zu örtlichen und überregionalen Herrschern. Dies gilt für ältere Epochen ebenso sehr wie für das 20. Jahrhundert, in dem eine schnelle Abfolge politischer Systeme und Besatzungsregime die Menschen zwang, sich immer wieder mit neuen Obrigkeiten auseinanderzusetzen. Die Möglichkeit, durch den einen oder anderen historischen Übergang zum Verräter gemacht zu werden, war hier besonders groß.
Die vorliegenden Untersuchungen widmen sich einzelnen Personen, die als Verräter in die Geschichte eingingen. Bei der Behandlung ihrer Geschichten und – nicht weniger wichtig – der sich wandelnden historischen Repräsentationen ihres Verrats stehen zwei Fragen im Mittelpunkt: Die erste betrifft den unmittelbaren Handlungskontext: Hatte die jeweilige illoyale Person einen nennenswerten Handlungs-spielraum? Blieb sie zuverlässig bestimmten Prinzipien treu, oder war sie allein von Zweckmäßigkeits-erwägungen geleitet? Lassen sich unterschiedliche Typen von Verrätern ausmachen? Die zweite Gruppe von Frage betrifft das Nachleben von Verrat im öffentlichen Bewusstsein. Wer definierte, welche Menschen als Verräter gebrandmarkt werden sollten? Welche Mittel wurden gewählt, ihre Schandtaten zu vermitteln und zu repräsentieren? Und welche Funktionen erfüllte die Präsentation von Verrätern für die Gesellschaft als Ganzes?
Der Sammelband geht diesen Fragen anhand von Beispielen aus drei verschiedenen Epochen nach. Damit zeichnet er nach, welche Wandlungen die Figur des „Verräters“ über die Jahrhunderte erfuhr. Lassen sich dabei bestimmte Kategorien des Verrats ausmachen, die einen Vergleich über die Zeitepochen hinweg ermöglichen?