Kula_Industrielle Revolution

Text 1:
Anmerkungen zur industriellen Revolution
in den Ländern Osteuropas

von Witold Kula

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In einem seiner Aufsätze über die industrielle Revolution[1] hat Jürgen Kuczynski als erster die Frage nach der Spezifik des industriellen Umbruchs in den Ländern des so genannten preußischen Weges der Kapitalismusentwicklung in der Landwirtschaft aufgeworfen. Daran anknüpfend möchte ich in diesem Beitrag Überlegungen anstellen, worauf diese Spezifik beruht und dabei ihre Hauptbestandteile aufzählen.

       Alle hier formulierten Thesen haben Diskussionscharakter, einige sind auf Grund des engen Rahmens eines polemischen Artikels ohne Belege formuliert. Ziel ist es, die Aufmerksamkeit der Forschung auf eine nach meiner Meinung wichtige Gesetzmäßigkeit zu lenken. Wenn ich dieses Ziel erreiche, werde ich zufrieden sein, unabhängig davon, ob die Thesen verifiziert oder falsifiziert werden. Operieren werde ich im Prinzip mit Material aus der Geschichte Polens. Aufgabe der Diskussion wird es sein, zu zeigen, welche der hier aufgezählten Elemente, die auch in anderen Ländern vorhanden sind, als typisch für ganz Osteuropa bzw. eine Gruppe von Ländern aus dieser Region anzusehen sind, und welche eine speziell polnische Spezifik aufweisen.

       Die Länder Osteuropas kennzeichnet, wie bekannt, die lange Dauer der Gutswirtschaft, also eine von Großgrundbesitzern betriebene Produktionstätigkeit in großem Maßstab. Die Massenproduktion, die typisch ist für die Gutsherrschaft, stand im Grunde genommen im Widerspruch zum klassischen Typ der feudalen Produktionsorganisation. Sie wurde so lange nicht zerschlagen, solange sie entweder gar keinen ernsthaften Warencharakter hatte (die These von Baranowicz für den Großgrundbesitz im ukrainischen Wolhynien), oder aber ihren Warencharakter auf Kontakte mit dem Exportmarkt beschränkte (charakteristisch für den Großgrundbesitz im Weichselgebiet). Die Konzentration eines enormen Teils der Verarbeitungskapazitäten in den Händen der Großgrundbesitzer ist meiner Auffassung nach der erste Faktor von enormer Tragweite, der den Geburtsverlauf des Kapitalismus und damit den Verlauf des industriellen Umbruchs in Osteuropa determinierte.

       Der zweite Faktor ist meiner Meinung nach die frühere Entwicklung des Kapitalismus, besonders der kapitalistischen Industrie, in anderen Ländern, in Sonderheit in Westeuropa. Man muss nicht nachweisen, dass der Kapitalismus seiner Natur nach ein expansives System darstellt. Daher musste er sich anders entwickeln im ersten kapitalistischen Land der Welt, anders in den Ländern, die diesem Land in der Entwicklung unmittelbar folgten und wieder anders in den Ländern, in denen die Entwicklung des Kapitalismus stattfand, als es bereits eine große Anzahl von industrialisierten Staaten gab, die, gestützt auf ihre höhere technische Entwicklung und gesellschaftliche Organisation der Produktion immer neue Absatzmärkte suchten.

[...]

       Die oft präsentierte Erklärung für die Rückständigkeit der gesellschaftlich-ökonomischen Strukturen des kapitalistischen Polen mit der Tatsache, dass es dort keine radikale bürgerliche Revolution gab, ist meiner Meinung nach nicht ausreichend. Eine radikale bürgerliche Revolution war gar nicht denkbar unter Bedingungen, in denen die Bourgeoisie niemals in einem antagonistischen Konflikt mit der Feudalklasse, also dem Adel, gestanden hat, sondern im Gegenteil in grundsätzlichen Fragen ein Interesse an der Zusammenarbeit mit der Klasse der Großgrundbesitzer hatte.

       Ein charakteristisches Merkmal der Industrialisierung in Osteuropa ist der Import von höherer Technik. Dieser Import tritt in Polen deutlich früher auf als der Import von fremdem Kapital. Die Tatsache des Imports von höherer Technik hat erhebliche Konsequenzen, denn er zieht eine enorme Ausdehnung der Ungleichzeitigkeit in der wirtschaftlichen Entwicklung nach sich.

       Im klassischen Verlauf der industriellen Revolution (England) stellt der ökonomische und technische Umbruch eine innere Einheit dar. Auch wenn er natürlich nicht in allen Bereichen der Produktion gleichzeitig stattfindet, so greift doch ein Zahnrad ins andere usw. In sich später entwickelnden Ländern sind diese Verbindungen ernsthaft geschwächt oder gestört. Ein Produktionszweig kann für seine Zeit die modernste Ausrüstung bekommen, während andere noch nach archaischen Methoden arbeiten. Dies lässt sich sogar für einzelne Etappen eines Produktionsprozesses zeigen. Da die ökonomischen Abhängigkeiten jedoch weiterhin funktionieren, kommt es dadurch zu zahlreichen Fehlentwicklungen, Insolvenzen etc. und damit zu relativ hohen gesellschaftlichen Kosten der Industrialisierung.

[...]

       Die Formen der Abhängigkeit des Kleingewerbes vom Großkapital sind sehr vielfältig – das Kleingewerbe selbst hat sich jedoch in der Phase der industriellen Revolution und sogar noch danach quantitativ entwickelt (z.B. Tuchweberei, Schuhmacherhandwerk, Schmiedehandwerk, besonders auf dem Lande).

       Neben den Bereichen, die eine Domäne des Handwerks blieben, behielten im kapitalistischen Polen nach der industriellen Revolution auch Manufakturbetriebe ihre Daseinsberechtigung. Dazu gehörten: Hammerwerke mit Wasserantrieb, Hochöfen auf Holzkohlebasis, die mit dem Großgrundbesitz verbunden sind etc. Die Betriebe zeigten im Verlauf der kapitalistischen Epoche keine Tendenz zum Verschwinden, was hier nachdrücklich unterstrichen werden soll.

       Wenn der ökonomische Motor des unternehmerischen Strebens die Einsparung von menschlicher Arbeitskraft durch zunehmende Mechanisierung war, dann lohnte sich dies in den Ländern Osteuropas, wo der Großgrundbesitz dominierte und Arbeitskräfte billig zu haben waren nur in einigen Industriezweigen oder Etappen des Produktionsprozesses, nicht aber in den überbevölkerten Landregionen, die vor allem als Arbeitskräftehinterland der großen kapitalistischen Mächte dienten. An erster Stelle standen hier diejenigen Bereiche, die bei generell kleiner Produktion nicht in der Lage waren, Produkte entsprechender Qualität zu produzieren. Daher rührte das Verschwinden solcher Bereiche wie z.B. der handwerklichen Seifenproduktion. Die Mechanisierung von qualifizierten und unqualifizierten Arbeiten gestaltete sich in Osteuropa etwas anders als im Westen. Die Billigkeit der unqualifizierten Arbeitskraft im Osten führte dazu, dass unqualifizierte Arbeitsplätze nur sehr langsam mechanisiert wurden. Bei der geringen Ausprägung des Binnenmarktes lag das Primat der Mechanisierung häufig auf den Produktionszweigen, die für den Export produzierten.

       Im Ergebnis erhielten wir deshalb einen lang andauernden Zustand, der sich in Polen bis zum Ende der kapitalistischen Epoche und darüber hinaus erstreckte, d.h. in der Volkswirtschaft bestanden industrialisierte Branchen neben nichtindustrialisierten, ja es gab sogar innerhalb einzelner Branchen mechanisierte Produktionsetappen neben nichtmechanisierten.

[...]

       Klar ist hingegen, dass diese beiden Phänomene – das Vorherrschen einer automatisierten Produktion auf dem Markt und die Produktion von Maschinen durch Maschinen als Indikatoren der vollendeten industriellen Revolution – sich in einem Land, in dem der Bereich der Kleingewerbeproduktion noch sehr stark ist, archaische Produktionstechnik noch massenhaft vorhanden ist und lokale Märkte für eine Reihe von Produkten noch nicht zerschlagen wurden etc.

       Ein derartiger Zustand ist in den rückständigen Ländern die Regel – je stärker die Rückständigkeit, desto verbreiteter sind diese Phänomene einer relativen ökonomischen Zurückgebliebenheit, die dadurch weiter anhält.

       Wir haben es also einerseits zu tun mit einer Symbiose von mechanisierten und nichtmechanisierten Produktionszweigen und -etappen und andererseits mit einer analogen Symbiose im gesellschaftlich-ökonomischen Bereich der Produktionsorganisation, konkret mit einer Symbiose von Großindustrie und Kleingewerbe. Diese Phänomene lassen sich nicht nur durch „Verspätung“ erklären, denn sie erweisen sich als dauerhaft. Sie dauerten an bis zum Ende des Kapitalismus und nichts deutet darauf hin, dass eine Fortdauer des Kapitalismus diesen Zustand beendet hätte. Die Ursachen dafür liegen tiefer und das Ergebnis dieses Zustands ist eine dauerhafte Andersartigkeit der wirtschaftlichen Struktur der rückständigen kapitalistischen Länder im Verhältnis zu den entwickelten. Diese Andersartigkeit lässt sich nicht auf eine einfache zeitliche Zurückgebliebenheit reduzieren. Mit anderen Worten: die Behauptung, dass die wirtschaftliche Struktur Polens zu einem beliebigen Zeitpunkt der kapitalistischen Epoche ihre Entsprechung in der wirtschaftlichen Struktur Englands zu einem entsprechend früheren Zeitpunkt findet, erscheint wenig zweckmäßig.

       Bedeutet dies, dass in Osteuropa, konkret im kapitalistischen Polen, der Konzentrationsmechanismus und die damit verbundene Polarisierung außer Kraft gesetzt waren? Er funktionierte natürlich, sehr brutal sogar, aber eben anders. Tatsächlich hat eine Abhängigkeit des Kleingewerbetreibenden auf dem Lande oder im Handwerk vom großen Kapital stattgefunden. Formal blieb das Kleingewerbe jedoch erhalten. Für das Großkapital war dies oft einfach bequem. Die Dauerhaftigkeit der engen lokalen Märkte und der große Bereich der Naturalienwirtschaft in bäuerlichen Kleinwirtschaften – das alles wirkte in die gleiche Richtung.

       Die These, dass die industrielle Revolution in jedem Land des Westens und des Ostens erst dann beendet ist, wenn die Manufakturproduktion in der Industrie verschwindet, ist meiner Meinung nach falsch. Die industrielle Revolution in den rückständigen kapitalistischen Ländern beherrschte dort nur einige Bereiche und Produktionsetappen und bildete so bis zum Ende der kapitalistischen Epoche eine dauerhafte Wirtschaftsstruktur, in der die handwerkliche Produktion eine anhaltend wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung spielte.

       Eben darin drückt sich die wirtschaftliche Stagnation aus, die die polnische Ökonomie gekennzeichnet hat, und nicht nur diese – bis zum letzten Augenblick des Kapitalismus. Nichts deutet darauf hin, dass eine Fortdauer des Kapitalismus es Polen erlaubt hätte, sich von dieser Stagnation zu befreien […].

1958

Aus dem Polnischen übersetzt von Matthias Barelkowski, Berlin

 

Empfohlene Zitierweise:
Witold Kula: Anmerkungen
zur industriellen Revolution in den Ländern Osteuropas, in: Übersetzte Geschichte, hrsg. v. Nordost-Institut, Lüneburg 2016, URL: http://www.ikgn.de/cms/index.php/uebersetzte-geschichte/beitraege/kula-industrielle-revolution.

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[1]        Jürgen Kuczynski: Zum Problem der industriellen Revolution, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 4 (1956), S. 501-524.

 

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21.12.2016