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 | 09.-11.10.2009
| Nordost-Institut Lüneburg/IKGN - Lebenswelt Ghetto
Internationale Konferenz
des Nordost-Instituts Lüneburg und des Historischen Seminars der Universität Hamburg im Tagungshotel “Seminaris“ in Lüneburg
Das Konzept
Die von den Nationalsozialisten eingerichteten Ghettos für die jüdische Bevölkerung wurden in der Forschung bisher überwiegend als reine Verfolgungsorte und als Vorstufe der Vernichtung gesehen, was oft eine Konzentration auf die Perspektive der Täter beinhaltete. Als Lebens- und Handlungsraum, der partiell auch durch seine Bewohner gestaltet wurde, sind Ghettos dagegen bislang wenig beachtet worden. Gesellschaft und Kultur des Ghettos im weitesten Sinne, einschließlich der sozialen Organisation (Arbeit, Familie, Haus- und Arbeitsgemeinschaften), der gesellschaftlichen Stratifikationen (Eliten und Unterschicht, soziale Herkunft, Gender-Fragen) und einem selbstorganisierten Leben (Ghettoinstitutionen, Sozialfürsorge, Kultur, Religion, Politik) sind bisher zu großen Teilen eine Randerscheinung der Forschung geblieben und meist nur für einzelne große Ghettos überhaupt wahrgenommen worden.
Der Forschungsstand über Ghettos im Allgemeinen und kleinere Ghettos im Besonderen ist daher im Gegensatz zum äußeren Anschein in vielen Bereichen überaus dürftig. Allein aus der deutsch- und englischsprachigen Literatur lassen sich Fragen nach Lebens- und Arbeitsbedingungen, ghettointernen Institutionen und der sozialen Organisation nicht zufrieden stellend beantworten. Die über die größeren Ghettos Osteuropas veröffentlichten wissenschaftlichen Arbeiten sind nur sehr sporadisch außerhalb der Region rezipiert und in den Wissenschaftsdiskurs integriert worden. Die in hebräischen Schriftzeichen in jiddischer und hebräischer Sprache veröffentlichten Gedenkbücher der ehemaligen jüdischen Gemeinden, die wertvolle Informationen über zahlreiche Ghettos enthalten, sind den meisten Historikern schon aus sprachlichen Gründen nicht zugänglich. Große Archivbestände sind darüber hinaus unbeachtet geblieben. Damit wird eine große Forschungslücke deutlich: Während über das Sterben in den Ghettos einiges bekannt ist, liegt das Leben der Menschen in den Ghettos, welches in den meisten Fällen doch mehrere Jahre dauerte, noch weitgehend im Dunkeln.
Die geplante Konferenz soll anregen, Ghettos nicht nur als Raum der Verfolgung und Vernichtung, sondern auch als Raum wenngleich eingeschränkten Lebens, mehr noch als Zusammensetzung verschiedener Lebenswelten zu begreifen. Ghettos sollen über die reine Verfolgungslogik hinaus untersucht werden, ohne dabei den Verfolgungskontext, der die Basis für die Zwangslage Ghetto bildet, aus den Augen zu verlieren. So eröffnet sich ein Blick auf die Opfer, also die Bewohner des Ghettos, der diese trotz ihrer Zwangslage und der nur sehr eingeschränkten Einflussmöglichkeiten als handelnde Menschen begreifen lässt. Der Umgang mit der für ausnahmslos alle Ghettobewohner neuen Situation, Anpassungs- Widerstands- und Überlebensstrategien, Handlungsspielräume und Entscheidungsmuster, Interaktion und Kommunikation innerhalb und außerhalb des Ghettos sollen als relevante Themen der Holocaustforschung entdeckt und erschlossen werden.

Die Konferenz
Anhand von sechs thematischen Bereichen soll die Ghetto-Lebenswelt rekonstruiert und diskutiert werden.
Am Anfang stehen theoretische und methodologische Fragen, die bei der Rekonstruktion und Interpretation des Lebens im Ghetto von besonderer Relevanz sind.
Ein zweiter Bereich umfasst das Arbeits- und Wirtschaftsleben des Ghettos. Arbeitsvermittlung und Beschäftigungsverhältnisse, Zwangsarbeitseinsätze und Lohnarbeit, Arbeitsbedingungen, Hierarchien und Selbstbestimmung am Arbeitsplatz, aber auch bestimmte Branchen und Handwerke, die Abwicklung von Handelsbeziehungen mit der Außenwelt und Interessenkonflikte im Arbeits- und Wirtschaftsleben können hier Thema sein.
Der dritte Bereich steht im Zeichen der Kultur im weitesten Sinne. Dazu gehört neben Musik, Kunst und Literatur im Ghetto auch Bildung und Schulwesen, Unterhaltung und Freizeit, Religion und Spiritualität, Ritual und geistiges Leben in jeder Form.
Der vierte Themenbereich betrifft die Ghettoverwaltung und die Sozialorganisation. In diesen Bereich fallen Wohnen, Gesundheitswesen, Sozialfürsorge, Kinderfürsorge etc., also neben den Institutionen und Aktivitäten des Judenrates vor allem die Arbeit verschiedener sozialer Organisationen.
Der fünfte Themenbereich wird sich mit den sich im Ghetto neu entwickelnden sozialen Stratifikationen und Werteordnungen befassen: mit Eliten und Unterprivilegierten, Machtverteilung, sozialen Spannungen und Konflikten, Gender und Generationskonflikten im Ghetto.
Schließlich soll die Frage gestellt werden, welche Bilder – wörtlich wie metaphorisch – vom Ghetto überliefert wurden. Wie wird die grausame Lebenswelt Ghetto zu einem Erinnerungsort Ghetto? Wie erfolgt diese Umsetzung literarisch und in den Bildmedien?

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