Nordost-Institut
IKGN / Institut f?r Kultur und Geschichte der Deutschen in Nordosteuropa e.V.
veranstaltungen




Revolution(en) in Nordosteuropa


Tagung des Nordost-Instituts in Reinstorf bei Lüneburg

07.-10.10.2004

Nordost-Institut Lüneburg/IKGN - Revolution(en) in Nordosteuropa

Das Projekt

Das Projekt "Revolution(en) in Nordosteuropa" ist ein Teilprojekt im Rahmen des Gesamtprojektes "Nordosteuropa im Wirkungsbereich Deutschlands und Russlands im 18.-20. Jahrhundert: Begriffe, Prozesse, Diskurse", welches neben dem genannten Begriff der Revolution auch Begriffe wie "Kollaboration", "Bildung", "Sprache und Nation" diskursiv behandeln wird und zu einem tieferen Regionenverständnis des Nordostens unseres Kontinents führen soll.

Den äußeren Anlaß für das Teilprojekt „Revolution(en) in Nordosteuropa“ und die Jahrestagung 2004 bildet der bevorstehende 100. Geburtstag der Russischen Revolution von 1905. Gerade die Abwendung von der revolutionären Geschichte hin zu den Themen, die von Kontinuität geprägt sind, wie etwa die Geschichte der baltischen Staaten im 20. Jahrhundert und deren exogen bewirkten Brüche, nach Wende von 1987 bis 1991 legt nahe, sich dieses bislang überwiegend unter den Vorzeichen der sowjetischen Historiographie behandelten Themas unter dem Vorwand eines Jubiläums wieder erneut zuzuwenden – zumal die Archivlage sich zumindest in den baltischen Staaten seit 1989 dramatisch verbessert hat.

Die Region

Im Mittelpunkt stehen die baltischen Provinzen und Staaten. Im Westen und Osten gruppieren sich Deutschland und Russland als Länder, die die Entwicklungen in diesem Raum maßgeblich beeinflußt haben, und im Norden und Süden Polen und Finnland, ebenfalls als (ehemalige) Teilgebiete des russischen Zarenreiches, hinzu.

Eine Tagung, die 1990 in Bad Wiessee vom Collegium Carolinum zum Thema 1848/49 "Revolutionen in Ostmitteleuropa“ veranstaltet wurde, beschränkte sich weitestgehend auf Polen, die Tschechoslowakei und Ungarn. Auch in diesem Sinne ergänzt das Teilprojekt den wissenschaftlichen Forschungs- und Diskussionsstand.

Betrachtet man die Geschichte der baltischen Staaten und deren Vorgänger, so findet man eine erstaunlich Anzahl von Aufständen, angefangen mit bäuerlichen Unruhen, die seit dem Ende des 18. Jahrhunderts das gesamte 19. Jahrhundert durchziehen, über die polnisch-litauischen Aufstände von 1830 und 1861, Arbeiterunruhen und -streiks in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts - so z. B. der berühmte "Rigaer Aufstand von 1899", sowie Revolutionen: die Revolution von 1905, von 1917 bis 1919, die Agrarreformen zu Beginn der zwanziger Jahre, die von ihren Gegnern auch als Agrarrevolutionen bezeichnet wurden, dann die autoritären Staatsstreiche von 1926 und 1934, die, als "nationale Revolutionen" bezeichnet, möglicherweise eher in die Reihe antirevolutionärer autoritärer Umstürze und Machtergreifungen in fast ganz Europa gehören; ferner die "sozialistischen Revolutionen" des Jahres 1940, in Finnland übrigens im sogenannten "Winterkrieg" knapp gescheitert, die als interventionistische Revolutionen der Expansion einer fremden Macht dienten, nicht ohne allerdings wenigstens in Teilen auf einheimische revolutionäre Traditionsstränge zurückgreifen zu können. Ferner ist ebenfalls auf die sogenannte Studentenrevolution 1968 in Westeuropa hinzuweisen, die auch jenseits des Eisernen Vorhangs Wirkungen zeitigte, die bisher allerdings kaum erforscht sind und auch in den Zusammenhang der Niederschlagung des Prager Frühlings gehören.

Der Begriff

Schließlich münden die zweihundert Jahre seit der „Mutter aller Revolutionen“, der Französischen Revolution von 1789 in die "Singende Revolution" von 1989, und spätestens hier wird die Frage nach dem Revolutionsbegriff gestellt, der auf die zusammenbrechende Sowjetunion angewendet wurde. War diese "Revolution" möglicherweise das Ende einer sogenannten „prozessualen Revolution“, begonnen bereits auf dem XX. Parteitag der UdSSR 1956 unter Chruščev, eines schleichenden Dekompositions- ja sogar Dekolonisationsprozesses, der auch anderswo in der Welt zur Unabhängigkeit alter bzw. neuer Staaten führte?

Unter Revolution wird allgemeinst die besondere Form eines Verlaufsprozesses verstanden, der als geschichtlicher Wandel bezeichnet wird. Die Formen des Wandels wechseln: Langsam, nicht intendiert als Evolution; langsam, aber intendiert als Reform und beschleunigt, nichtintendiert oder intendiert, als Revolution. Dass Geschichte nicht mehr als Folge langsamer Wandlungen unter Wahrung gleichbleibender Grundstrukturen und Aufrechterhaltung von Kontinuität und Tradition, sondern als Ergebnis ständiger Veränderungen und Umwälzungen begriffen werden kann, wird seit der Renaissance sichtbar. Die Erfahrung einer sich in ihrer Geschwindigkeit immer mehr steigernden Veränderung der menschlichen Lebensverhältnisse verdichtet sich mit dem Beginn der industriellen Revolution, der demographischen Revolution in Europa im 19. Jahrhundert, den Wandlungen von einer agrarisch-ländlichen in eine industriell-städtische sowie der Ablösung feudal-ständischer durch demokratisch-egalitäre Ordnungen seit dem Stichjahr 1789. In der Tat ist es die Französische Revolution, die die Bedeutung des Wortes Revolution als Bezeichnung für totale Veränderung im politischen, sozialen und geistigen Sinn endgültig festschreibt, wobei Begriffe wie "Unruhe", "Aufstand", "Rebellion", "Restauration", "Reaktion" und „Gegenrevolution" dem Revolutionsbegriff zugeordnet werden können.

Gerhard Botz, der 1980 einen informativen Beitrag über die verschiedenen sozialwissenschaftlichen Revolutionstheorien seit Entstehen der modernen Sozialgeschichtsforschung bzw. Soziologie im 20. Jahrhundert veröffentlicht hat, favorisiert als in ihrer Breite äußerste Definition einen Vorschlag von Volker Rittberger, der unter Revolutionen jeden politischen Wandel versteht, „der auf eine von zwei Arten vonstatten geht: (a) Es gelingt sozialen Gruppen, die vom Zugang zur Inhaberschaft von staatlichen Herrschaftspositionen mehr oder minder vollständig und permanent ausgeschlossen sind, einseitig die Inhaberschaft von Herrschaftspositionen so umzuverteilen, dass damit neue effektive Kriterien zur Regelung des Zugangs zu … Herrschaftspositionen begründet werden. (b) Wenigstens ein Teil der Inhaber von staatlichen Herrschaftspositionen verfügt einseitig eine derartige Umverteilung“. Samuel P. Huntingtons Definition von Revolution als „eine schnelle, grundlegende und gewaltsame innere Veränderung“ ergänzt jenes Verständnis um den Aspekt den Dynamik, der ja auch und gerade bei den Zeitgenossen das subjektive Gefühl, eine Revolution mitzuerleben, mitbestimmt. Werner Sombart schließlich ergänzt, dass „Aufstand (Revolte) und Revolution“ beide einen „Einbruch der Masse in die Gesellschaft“ bedeuten. „Sie unterscheiden sich dadurch voneinander, dass die Revolte Teilziele hat (Bauernaufstände), die Revolution aber aufs Ganze geht, d. h. einen Umsturz der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung…bezweckt“.

Bezogen auf den Handlungsrahmen, die Akteure, deren Handlungstiefe sowie den zeitlichen Ursachen- und Wirkungsbereich weisen solche und ähnliche Definitionen eine unterschiedliche analytische Reichweite auf. Sie verdeutlichen oder verwischen, sie präzisieren oder verallgemeinern. Grundsätzlich gilt daher für den Versuch zu definieren, was eine Revolution sei, was der amerikanische Revolutionsforscher Johnson bereits 1966 erkannte, dass nämlich Revolutionen von außerordentlich vielen Variablen determiniert werden, „und beim gegenwärtigen Stand der sozialwissenschaftlichen Theorie ist es praktisch unmöglich, alle diese Variablen zu isolieren und dann wieder zu verschiedenen abstrakten Modellen zusammenzusetzen. Befriedigender ist ein Ansatz mittlerer Reichweite, nämlich der Versuch, Unterschiede zwischen ein paar besonders herausragenden Variablen zu kategorisieren.“

Das Teilprojekt „Revolution(en) in Nordosteuropa“ soll diese besonders herausragenden Variablen, - man ist versucht zu sagen: die besonders bekannten Variablen – um zwei zu ergänzen: zum einen ist es der Bezug auf eine Region, die in besonderem Maße von zwei Außenmächten geprägt und beeinflusst wurde: Nordosteuropa im Spannungsfeld zwischen Deutschland und Rußland; zum anderen ist es die Gemengelage aus sozial-ökonomischen und ethnisch-nationalen Entwicklungen, die sich gegenseitig beeinflussen und überlagern.

Fruchtbarer als eine möglichst umfassende oder tiefschürfende Definition dessen, was Revolution sei, ist daher die Aufschlüsselung von Revolutionsbegriffen nach sechs Dimensionen oder Bereichen (hier nach A. S. Cohan):

  • den Wandel von Wertvorstellungen und Geschichtsbildern einer Gesellschaft;

  • den Wandel der Sozialstruktur;

  • die Veränderung von politischen Institutionen;

  • den Wechsel der Führungsschichten, sei es hinsichtlich der Personen oder ihrer sozialen bzw. nationalen Herkunft als Gruppe;

  • die Illegitimität und Legalisierung des Machttransfers und

  • die Gewaltsamkeit der Veränderungen.

Neben den Ursachen, Verläufen und Prozessen soll aber auch die Diskussion um den Revolutionsbegriff als solchen, mit dem Begriff der „Diskurse“ umrissen, in den jeweiligen Ethnien oder Nationalsprachen einen ganz wichtigen Aspekt der Tagung bilden.

Inwieweit werden über Begriffsbildungen, Imaginationen und Diskurse Revolutionen nicht nur nachgebildet, interpretiert oder fabuliert, sondern möglicherweise auch vorbereitet, imitiert oder – als Perhorrszierungen mit Gewalt assoziiert – verhindert? War möglicherweise der im Vergleich zu den Entwicklungen auf dem Balkan vergleichsweise unspektakuläre und friedliche Verlauf der „singenden Revolution“ in den baltischen Sowjetrepubliken sowie der „Wende“ in Polen und der DDR vor dem Hintergrund eines negativ konnotierten Revolutionsimages der sozialistischen Revolutionen eher die Verhinderung einer Revolution?

Methodischer Zugang

Betrachtet man die revolutionäre Geschichte der nordosteuropäischen Region, eröffnen sich dem Betrachter grob gesehen vier Zeitfenster, Jahrzehnte, die sowohl von der Ereignisgeschichte als auch von den handelnden Personen her Revolutionsplateaus bilden:

  • die Jahre der sich vorbereitenden, verlaufenden und sich transformierenden „Singenden Revolution“ zwischen 1968 (Prager Frühling) und 1994/95 (Abzug der ehemals sowjetischen Truppen und EU-Beitrittsanträge);

  • die Jahre zwischen den „nationalen“ Revolutionen 1926/34 (autoritären Staatsstreichen) und den „sozialistischen Revolutionen“ des Sommers 1940 (sowjetische Besetzung des Baltikums) bzw. deren Scheitern (Winterkrieg UdSSR-Finnland);

  • die Jahre der „Russischen Revolution“ 1905 bis 1917/19

  • das 19. Jahrhundert mit seinen bäuerlichen Unruhen, Arbeiterstreiks und –aufständen; den Revolutionen von 1848/49 und in Polen-Litauen mit zwei weiteren, national motivierten Aufstandsbewegungen.

Nach einer Einführung in die Geschichte des europäischen Revolutionsbegriffes sowie die Geschichte der Revolution(en) in Deutschland einerseits und Rußland andererseits soll zur Herstellung eines Mindesmaßes an Vergleichbarkeit zwischen den verschiedenen genannten Ländern, bezogen auf die oben genannten sechs Dimensionen, nach den

  • Ursachen (endogen und exogen)

  • Verläufen und

  • Wirkungen und Rezeptionen

des als "Revolutionen" diagnostizierten oder rezipierten historischen Wandels gefragt werden; darüber hinaus sollen

  • die wichtigsten binnennationalen Diskussionen und Kontroversen im Sinne einer Diskursgeschichte dargestellt werden.








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