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Band XVII: 2008 Über den Weltkrieg hinaus Verantwortlich: Joachim Tauber
Editorial und Inhaltsverzeichnis finden Sie als pdf-Dateien unter Downloads hier:
Sieht man einmal vom Mythos der Schlacht bei Tannenberg ab,
Die militärische Wirklichkeit im Osten war jedoch eine andere als bei Ypern oder am Chemin des Dames. Die Größe des Operationsgebietes (im Westen erstreckte sich die Front über ca. 700, im Osten über ca. 1 600 Kilometer) erlaubte keine Truppen- und Waffendichte wie in Frankreich, Belgien oder Italien, so dass im Osten ebenso wie auch auf dem Balkan ein begrenzter Bewegungskrieg möglich war.
Immer mehr deutsche Soldaten wurden an die Westfront verlegt, bis sich mit den russischen Revolutionen von 1917, dem Scheitern der Kerenski-Offensive in Galizien im Juli 1917 und schließlich dem erzwungenen Friedensschluss von Brest-Litovsk (3. März 1918) eine völlig neue Situation ergab. Im Mai 1918 waren von rund 5 Millionen aktiven deutschen Soldaten nur noch 950 000 im Osten eingesetzt.
Dies gilt mutatis mutandis auch für die Friedensschlüsse. Der Vertrag von Versailles überdeckte die maßlosen deutschen Kriegsziele in Osteuropa auch deshalb, weil in ihm der Diktatfrieden von Brest-Litovsk zwischen den Mittelmächten und dem sozialistischen Russland für nichtig erklärt wurde. Dieser Friedensschluss vom März 1918 hätte die deutsche Vorherrschaft in Ostmitteleuropa festgeschrieben. Auch wenn pro forma dem Selbstbestimmungsrecht der Völker mit einem ‘souveränen’ Litauen, Kurland und dem Königreich Polen Genüge getan worden wäre, wären diese de facto als Satellitenstaaten fest im deutschen Orbit verankert gewesen. Litauens Beispiel sei zur Illustration angeführt: Im Dezember 1917 war die Unabhängigkeitserklärung des Landes an ein ‘ewiges’ Bündnis mit dem Deutschen Reich sowie eine Zoll-, Münz- und Militärunion gekoppelt.
Dennoch zeigt sich am litauischen Beispiel eine Besonderheit des Ersten Weltkrieges in Osteuropa: Der Krieg im Osten vermischte sich mit den nationalen Aspirationen derjenigen Völker, die in dem von den drei Großmächten beherrschten Raum lebten. Nicht nur die Polen oder die Tschechen, sondern auch die Balten begriffen diesen Krieg, auf dem sie zunächst auf allen Seiten mit in die Schlacht ziehen mussten, als eine Chance auf nationale Selbstbestimmung bzw. zumindest Autonomie. Im Westen ist ein solches nationales Motiv, sieht man einmal von dem mit Recht als Sonderfall zu bezeichnenden Elsass-Lothringen ab, nicht erkennbar.
Hierin liegt einer der Gründe, weswegen der 11. November 1918 in Osteuropa bestenfalls eine Atempause darstellte. Die militärischen Auseinandersetzungen gingen nahtlos in die Phase der Befreiungs- bzw. Bürgerkriege über, bei dem die Frontlinien (vor allem im Baltikum) sich unentwegt überlappten, so dass es zu einem manchmal schwer zu verstehenden Konglomerat von nationalen und sozial(istisch)en Aspirationen und Bewegungen kam. Denn neben den nationalen Fragen waren es natürlich die revolutionären Ereignisse in Russland, die seit Februar 1917 die Frontlinien im wahrsten Sinne des Wortes (mit)prägten. Die militärische Niederlage des Deutschen Reiches im November 1918 schuf die Voraussetzung für das Vorrücken der Roten Armee nach Westen; Antibolschewismus und nationale Selbstbestimmung auf der einen, antikapitalistisches sozialistisches Experiment auf der anderen – so lauteten die extremen Pole jener Konfrontation, die die Entwicklung in Osteuropa von den Ereignissen im Westen wesentlich unterschieden. Vor diesem Hintergrund gingen die militärischen Auseinandersetzungen weiter und mündeten in die Nationalitätenkonflikte und Befreiungskriege der frühen 1920er Jahre, die bis heute die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg anders prägen als die in West- und Mitteleuropa tradierten Narrative. Wir haben es also mit verschiedenen Erinnerungsschichten zu tun, bei denen die ‘Weltkriegszeit’ durch die späteren kriegerischen Ereignisse vielfach überlagert und fast vollständig verdeckt wurde.
Im vorliegenden Nordost-Archiv sollen Schlaglichter auf diejenige Phase des Krieges geworfen werden, die gern als eine vergessene bezeichnet wird,
Ein weiterer Gesichtspunkt, der dieses Nordost-Archiv prägt, ist die Frage nach der Wahrnehmung des Krieges durch die verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die Besatzer und Kriegsteilnehmer. Christian Westerhoff beschäftigt sich in seinem komparativen Aufsatz mit der Zwangsarbeit in dem vom Militär kontrollierten Verwaltungsgebiet Ober Ost (Litauen, Kurland und die Gegend um Bia?ystok) und dem einer Zivilverwaltung unterstehenden Generalgouvernement Polen. Ebenfalls eine vergleichende Perspektive bietet der Aufsatz von Jens Boysen, der den polnischen und elsässischen Soldaten in preußisch-deutschen Uniformen gewidmet ist. Michael Klees schildert das intellektuelle Leben deutscher Offiziere in der Kownoer Etappe. Schließlich wäre jegliche Beschäftigung mit Minderheiten in Osteuropa unvollständig, wenn nicht auch die jüdische Bevölkerung Erwähnung finden würde. Frank M. Schuster hat diese Aufgabe für den vorliegenden Band übernommen.
Die Wahrnehmung eines Krieges und seine retrospektive Wertung zeigen sich vielleicht nirgends so deutlich wie im Umgang mit den überlebenden: Insofern leitet der Beitrag von Julia Eichenberg zu den polnischen Kriegsveteranen zum dritten Themenkomplex des Bandes über, der sich mit den Nachwirkungen des Weltkrieges und dem historischen Gedächtnis bzw. der Erinnerung beschäftigt. Am Beispiel Lublins zeichnet Christhardt Henschel die Vermischung von Erinnerungskultur und Politik in Polen zwischen 1918 und 1939 nach. Vejas Gabriel Liulevičius und Darius Staliūnas zeigen in ihren Beiträgen auf, wie die Republik Litauen versuchte, des Krieges zu gedenken und zugleich die eigene nationale Identität zu fördern. Während jener sich mit der Erinnerungspolitik auseinandersetzt, zeigt dieser, wie der in Westeuropa entstandene Kult des unbekannten Soldaten in einer speziellen litauischen Ausprägung seinen Weg an die Memel fand. Und schließlich setzt sich Nikolaus Katzer in seinem Forschungsbericht mit den russischen Erfahrungen des ‘Großen Krieges’ auseinander. Die Vielfalt der Beiträge belegt das bislang keineswegs ausgeschöpfte Potenzial, das diese Phase des Umbruchs in Ostmitteleuropa der internationalen Geschichtswissenschaft bietet, auch wenn die Forschung in den letzten Jahren sich verstärkt mit der Phase zwischen 1914 und 1918 beschäftigt hat.
Fußnoten Klicken Sie auf die Fußnote, um zu der entsprechenden Stelle im Text zurückzukehren. 1) Ich danke Gerhard Hirschfeld für seine Hinweise und Anregungen. 2) Dazu jetzt Jesko von Hoegen, Der Held von Tannenberg. Genese und Funktion des Hindenburg-Mythos. Köln (u.a.) 2007. 3) Der Tod als Maschinist. Der industrialisierte Krieg 1914–1918, hrsg. v. Rolf Spiker u. Bernd Ulrich. Bramsche 1998. 4) Grundlegend George L. Mosse, Gefallen für das Vaterland. Nationales Heldentum und namenloses Sterben. Stuttgart 1993; Jay Winter, Sites of Memory, Sites of Mourning. The Great War in European History. 5. Aufl., Cambridge 2002. 5) Hierzu z.B. Gerd Krumeich, Langemarck, in: Deutsche Erinnerungsorte, hrsg. v. Etienne François u. Hagen Schulze. Bd. 3, München 2001, S. 292-309. 6) William C. Fuller, jr., Die Ostfront, in: Der Erste Weltkrieg und das 20. Jahrhundert, hrsg. v. Jay Winter, Geoffrey Parker u. Mary R. Habeck. Hamburg 2002, S. 59. 1915/16 sicherten im Westen 2 134 Soldaten der Entente jeden Kilometer der Front, im Osten nur 1 200. 7) Gerhard P. Gros, Im Schatten des Westens. Die deutsche Kriegsführung an der Ostfront bis Ende 1915; Boris Khavkin, Russland gegen Deutschland. Die Ostfront des Ersten Weltkrieges in den Jahren 1914 bis 1915; Lothar Höbelt, „So wie wir haben nicht einmal die Japaner angegriffen“. Österreich-Ungarns Nordfront 1914/15; alle in: Die vergessene Front. Der Osten 1914/15. Ereignis, Wirkung, Nachwirkung, hrsg. v. Gerhard P. Gros. Paderborn (u.a.) 2006, S. 49-64; S. 65-85; S. 87-119, jeweils mit weiterführender Literatur. Die immer noch beste Gesamtdarstellung der Kämpfe stammt von Norman Stone, The Eastern Front 1914–1917. London (u.a.) 1975. 8) Richard Bessel, Die Heimkehr der Soldaten. Das Bild der Frontsoldaten in der Öffentlichkeit der Weimarer Republik, in: „Keiner fühlt sich hier mehr als Mensch...“ Erlebnis und Wirkung des Ersten Weltkrieges, hrsg. v. Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich u. Irina Renz. Frankfurt a.M. 1996, S. 264. Zusätzlich dienten ca. 2 Millionen Deutsche im so genannten Besatzungsheer, also hinter der Front. 10) Vgl. Michael Jürgs, Der kleine Frieden im Großen Krieg. Westfront 1914: Als Deutsche, Franzosen und Briten gemeinsam Weihnachten feierten. München 2003. 11) Die Rückführung des Ostheeres, im Auftrage des Reichskriegsministeriums bearbeitet und herausgegeben von der Forschungsanstalt für Kriegs- und Heeresgeschichte. Berlin 1936, S.VII: „Das in unendlichen Kämpfen gehärtete Westheer hat auch diese letzte Probe bestanden und in seinem geordneten Rückzug sich selbst ein Denkmal gesetzt. An anderer Stelle glaubten die bisher durch die eisernen Klammern der Disziplin in Schach gehaltenen Kräfte der Zersetzung ihre Zeit gekommen... Die Folge davon war jener fast unbegreifliche Zusammenbruch, dem zuerst das Besatzungsheer und die Etappe erlegen waren und der nun im ungeeignetsten Augenblick die Osttruppen zu erfassen drohte und zum Teil erfasst hat.“ Diese Zeilen stammen übrigens von dem damaligen Generalstabschef des Heeres (1935–1938) und späteren Mitverschwörer des 20. Juli 1944 Generaloberst Ludwig Beck. 12) Vgl. z.B. Joachim Tauber, Stubborn Collaborators: the Politics of the Lithuanian Taryba, 1917–1918, in: Journal of Baltic Studies XXXVII (2006), S. 194-209. 13) Vgl. z.B. die Publikation Vergessene Front (wie Anm. 7). 14) Vgl. hierzu Enzyklopädie Erster Weltkrieg, hrsg. v. Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich u. Irina Renz. 2. Aufl., Paderborn 2004. 15) Wolfgang J. Mommsen, Der Erste Weltkrieg. Anfang vom Ende des bürgerlichen Zeitalters. Frankfurt a.M. 2004, S. 7. ![]()
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