

Die Vorstellung davon, was Kunst ist, wird gemacht. Sie ist ebenso ein diskursiver Begriff wie der der Nation. Seit dem 19. Jahrhunderts verflochten sich beide Diskurse. In dieser Zeit ‚entdeckten‘ Historiker, Archäologen und Kunsthistoriker die historische Kunst in Ruthenien, eine Region im östlichen Teil des damaligen Galiziens, die kulturell, sozial und historisch durch das Mit- und Nebeneinander verschiedener Ethnien und religiöser Glaubensgemeinschaften geprägt war. Katja Bernhardt untersucht in ihrer Studie „Kunstgeschichte in eigener Sprache? Ausstellungen ruthenischer Kunst in Lemberg 1885 und 1888/1889“ zwei kurz aufeinanderfolgende Ausstellungen, in denen ein erstes Bild dieser Kunst entworfen und konkurrierende Deutungen ihrer Geschichte vorgestellt wurden. Die erste Ausstellung (1885) prägte den Begriff einer ‚ruthenischen Kunst‘ und bemühte sich, diese in die Narration einer westlich Kunstgeschichte einzubinden. Die zweite Ausstellung (1888/1889) legte hingegen den Nachdruck auf eine eigenständige ruthenische Geschichte. Anhand der beiden Expositionen lässt sich der Prozess einer zunehmenden Institutionalisierung und Wissenskanonisierung historischer Kunstforschung nachzeichnen, der zu einer bis heute anhaltenden Trennung zwischen der sogenannten westlichen und östlichen Kunstgeschichte führte.
Der Artikel ist Teil des von Mateusz Kapustka herausgegebenen Bandes „Under Shelling. Art Historical Revisions in the Light of the War in Ukraine“. Die frei zugängliche Onlinepublikation (arthistoricum.net) ist der visuellen Kultur und der Kunstgeschichte der Ukraine gewidmet. Sie verbindet Analyse zeitgenössischer Bilder im Kontext des andauernden Krieges Russlands gegen die Ukraine mit visuellen Analysen und historischen Studien zur Geschichte der Kunst und ihrer Historiografie in den ukrainischen Ländern.