Der jüdische Arbeitseinsatz in Litauen 1941-1944                                          Info zur Monographie

Habilitation / Joachim Tauber

Die Holocaust-Forschung hat ihr Hauptaugenmerk in Litauen vor allem auf die Vernichtungsaktionen im Herbst 1941 gerichtet, wobei in den letzten Jahren auch die Beteiligung von Litauern an den Massakern der Einsatzgruppe A der Sicherheitspolizei und des SD immer stärker in den Fokus rückte. Die Massenmorde in Litauen heben sich durch die Rasanz und Dynamik des Prozesses sowie durch die Beteiligung von Einheimischen hervor. Bis Anfang Dezember 1941 war die große Mehrheit der litauischen Juden den Mordkommandos zum Opfer gefallen.


Dagegen ist die Geschichte der litauischen Ghettos zwar dokumentiert, doch wird der Arbeitseinsatz der Menschen meist nur am Rande erwähnt. Im Vordergrund stehen die Politik des Judenrates, die schrecklichen Lebensumstände, die 1941 immer wieder durchgeführten Selektionen unter den Menschen im Ghetto (unter den Opfern als Aktien bekannt) und der Widerstand gegen die deutschen Besatzer und ihre einheimischen Helfer.

Der Schwerpunkt des Projektes liegt auf der Arbeit, die die Juden aus den Ghettos für deutsche und litauische Institutionen leisteten. Die Vielfalt der ‚Arbeitgeber‘ reichte von Wehrmachtdienststellen über die Sicherheitspolizei und die deutsche Zivilverwaltung bis zu litauischen Behörden, Firmen und Privatpersonen. Um die human resources möglichst effizient zu verteilen und zu nutzen, entwickelte sich ein relativ ausdifferenziertes System der Erfassung und Zuteilung der jüdischen Arbeiter. Die Organisation erfolgte über Einrichtungen innerhalb der deutschen Verwaltung und im Ghetto selbst. Dem deutschen Arbeitsamt nach- und zugeordnet waren Arbeitseinsatzstellen im Ghetto.

Bislang ist über die Vergütung für die Menschen in den litauischen Ghettos nur sehr wenig bekannt. Wie diese Lohnzahlungen vor sich gingen, an wen die Gelder flossen und welche Bedeutung sie für die Infrastruktur des Ghettos besaßen, ist eine zentrale Fragestellung des Projektes. Neben dem organisationsgeschichtlichen Teil geht es um die Erfahrungen, die die Menschen bei ihrer Arbeitsstelle machten. Es war von eminenter Bedeutung für die jüdischen Arbeiter, wo und bei wem man arbeitete. Je nach Arbeitsplatz boten sich gute Möglichkeiten, zusätzliche Nahrungsmittel und Waren zu erlangen. Außerdem war das Verhalten der ‚Arbeitgeber‘ ein völlig unterschiedliches; das Spektrum reichte von antisemitisch geprägten Brutalitäten über Desinteresse bis zu einer gewissen Unterstützung der Betroffenen.

Schließlich geht es um die Bedeutung des Arbeitseinsatzes für den Ghettoalltag, denn die Zwangsgesellschaft des Ghettos war stark durch den Arbeitseinsatz geprägt. Das Leben drehte sich – im wahrsten Sinne des Wortes – um den Arbeitsausweis, der das zentrale Dokument im Ghetto darstellte.

Ein weiteres Untersuchungsfeld stellen die Beziehungen zwischen Litauern und Juden dar. Dabei wird besonders deutlich, wie sehr die jüdischen Erinnerungen und Wahrnehmungen dadurch geprägt wurden, dass Litauer an entscheidenden Stellen der jüdischen Leidensgeschichte als Täter in Erscheinung traten. Das spiegelte sich auch im Arbeitseinsatz wieder: Stellen bei deutschen Behörden und Einrichtungen galten allgemein als ‚besser‘ als bei litauischen.

Die Quellen für das Projekt bilden vor allem Dokumente aus den Ghettos (Materialien des Judenrates und Erinnerungen) und von deutschen und litauischen Einrichtungen, die sich im Litauischen Staatsarchiv befinden. Daneben wurden Materialien des United States Holocaust Museum verwendet. Hinzu kommen freigegebene persönliche Angaben, die jüdische Kläger in Verfahren zur Erlangung von Rentenansprüchen vor bundesdeutschen Sozialgerichten machten, bei denen der Verfasser als historischer Gutachter hinzugezogen wurde.


Bereits erschienene Publikationen zum Forschungsprojekt:


Joachim Tauber, Die litauische Verwaltung und die Juden in Vilnius, 1941-1943, in: Johannes Hürter und Jürgen Zarusky (Hrsg.): Besatzung, Kollaboration, Holocaust. Neue Studien zur Verfolgung und ermordung der europäischen Juden, München 2008, S. 103-114.

Joachim Tauber, Coming to terms with a difficult past, in: Alvydas Nikžentaitis u.a. (Hrsg.): The vanished World of Lithuanian Jews, Amsterdam and New York 2004, S. 297-305.

Jochaim Tauber, 14 Tage im Juni: Zur kollektiven Erinnerung von Litauern und Juden, in: Vincas Bartusevičius, Joachim Tauber u.a. (Hrsg.): Holocaust in Litauen, Köln u.a. 2003, S. 40-50.

Joachim Tauber, "Juden, Eure Geschichte auf litauischem Boden ist zu Ende!" Litauen und der Holocaust im Jahr 1941, in: Osteuropa, 52, (2002) H. 9/10, S. 1346-1360.

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Im September 2015 erschienene Monographie zum abgeschlossenen Forschungsprojekt mit dem Titel:

Arbeit als Hoffnung
Jüdische Ghettos in Litauen 1941-1944

erschienen im Verlag Walter de Gryter GmbH, zu beziehen über den Buchhandel.

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