Legitimations- und Repräsentationsstrategien russischer Herrschaft an der Ostsee:
Von den Ostseeprovinzen Russlands zu den baltischen Sowjetrepubliken

Dr. Karsten Brüggemann (ehem. Projektmitarbeiter, DFG-Bewilligung vom 06.04.2005)

Die Relevanz einer historischen Untersuchung der Frage, wie Russland bzw. die Sowjetunion die eigene Herrschaft über die baltische Küstenregion von Narva bis zur Kurischen Nehrung definiert, kontextualisiert und legitimiert hat, ist nicht zuletzt durch die tagespolitische Entwicklung im Förderzeitraum 2005 bis 2009 demonstriert worden. Von den Feierlichkeiten auf dem Roten Platz im Mai 2005 über die Versetzung des Tallinner „Bronzenen Soldaten“ im April 2007 bis hin zur 2009 beschlossenen Einsetzung einer russischen Präsidentenkommission, die sich mit „Fälschungen“ der Geschichte auseinandersetzen soll, hat sich gezeigt, wie sehr die diversen, von den jeweiligen nationalen Narrativen überlagerten Interpretationen der Vergangenheit bilaterale Kontakte aktuell belasten. Gerade weil im Falle der baltischen Staaten und ihrem Verhältnis zur Russischen Föderation die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts im Mittelpunkt der geschichtspolitischen Diskussionen steht, ist eine Studie zu den Tiefenströmungen im historischen Gedächtnis, aber auch zu den historischen Bedingungen der „ersten russischen Zeit“ unter den Zaren wertvoll.

Ziel der von der DFG geförderten Arbeit ist es, den Prozess der russischen mentalen Aneignung des – im Gegensatz zu Sibirien – „nahen Auslands“ an der Ostsee sowie die Strategien russischer Herrschaftslegitimation im 19. und 20. Jahrhundert systematisch zu analysieren. Am Beispiel des Baltikums als imperial borderland soll somit eine spezielle Facette des russischen kolonialen und nationalen Diskurses untersucht werden: der „baltische Spiegel“ des Imperiums. Im Zentrum der Arbeit stehen die verschiedenen argumentativen Strategien, mit denen die russische Herrschaft an der Ostseeküste begründet wurde (und wird). Dabei gilt es, diese (geo)politischen bzw. -kulturellen Denkmuster in den breiteren Kontext der russischen bzw. sowjetischen kulturellen Perzeption des Baltikums, des russischen kulturellen Archivs „Pribaltika“, einzuordnen. Prinzipiell folgt aus dieser Aufgabenstellung eine Konzentration auf die späte Zarenzeit, während der in einer vom Nationalismus beeinflussten diskursiven Umgebung die grundsätzlichen Argumentationsmuster formuliert und der intellektuelle Aneignungsprozess der ethnisch und kulturell fremden Region abgeschlossen wurden, einer Region, die sowohl als potentieller Gefahrenherd als auch als kulturelle Bereicherung für das Russische Imperium verstanden werden konnte.

Die Studie geht somit von einer Kontextualisierung von Land und Leuten an der Ostseeküste im imperialen Spiegel des Russischen Reichs aus. Welche Wahrnehmungsparadigmen der „deutschen“ Ostseeprovinzen sind im Laufe der sich verändernden innerrussischen Debatte um „Russland“ und sein Verhältnis zu „Europa“ zu erkennen? Was bedeutet europäisch konnotiertes Fremdsein – die deutsche Kultur an der Ostsee – im Kontext einer sich nationalisierenden russischen Öffentlichkeit seit den 1860er Jahren für die Innenpolitik St. Petersburgs? Wie wird das zunehmend national aufgeladene soziale Spannungsverhältnis zwischen der deutschbaltischen Elite und den „erwachenden“ Völkern der Esten und Letten im Zusammenhang des multiethnischen Reiches interpretiert? Wie werden traditionelle Merkmale der russisch-imperialen Perzeption von Land und Leuten in die Sowjetzeit transformiert?

Im Laufe der Arbeit hat sich die These erhärtet, dass die bolschewistische Revolution 1917 sich zwar semantisch hinsichtlich der Perzeption der baltischen Region (nun um Litauen erweitert) geändert hat, die strukturellen Prämissen jedoch unverändert geblieben sind: Es gibt „Freunde“ des Imperiums (die Orthodoxen bzw. Proletarier unter den Esten und Letten) und es gibt „Feinde“ des Imperiums (die „Separatisten“ bzw. „Kulaken“ und „Nationalbolschewisten“). So wurde in der landeskundlichen Literatur der 1920er und 1930er Jahre aus der „deutschen Zitadelle“ der Slawophilen marxistisch-korrekt ein „imperialistischer Vasall“ mit einem eher noch gesteigerten Aggressionspotential. Wie schon im Zarenreich wurde seit der sowjetischen Annexion 1940/44 auch die positive Seite der Betrachtungsmedaille reaktiviert. Die Gründe, die Region als „russisches Deutschland“ bzw. (in der Sowjetzeit) „unseren Westen“ anzusehen, bleiben vergleichbar – von der aktiveren Zivilgesellschaft im Zarenreich bis hin zur „freieren Luft“, die an der Ostseeküste gerade dem Sowjetregime kritisch gegenüberstehende Personen zu schätzen wussten.

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