Gemeinsames Forschungsprojekt am Nordost-Institut

2011 - 2016 - Individuum und Gesellschaft in Ost- und Nordosteuropa

Lebensgeschichte, denn nichts anderes meint Biographie, ist die Geschichte des Individuums. Diese ganz eigene Erfahrung steht zwar zunächst vermeintlich in einem Gegensatz zu strukturgeschichtlichen Fragestellungen, ist doch das Biographisch-Singuläre Antonym des Generalisierend-Allgemeinen. Aber der Protagonist oder die Protagonistin agiert immer in einem historisch-sozialen Umfeld, das ihn oder sie prägt und sein Handeln und Verständnis (mit)bestimmt. Insofern spiegeln sich in der Biographie immer auch soziale Prozesse wider.

Die jüngere biographische Forschung löst die Person demnach nicht mehr aus den gesellschaftlichen Strukturen, in denen sie lebt, und versucht, keine Dichotomie zwischen dem Individuum und der Gesellschaft zu konstruieren. Weil die Einzelperson immer Teil der sie umgebenden sozialen, ökonomischen und kulturellen Wirklichkeit ist, verweist das Forschungsprojekt in seinem Titel nicht nur auf die biographische, sondern auch auf die soziale Komponente des Ansatzes. Eben weil Individuum und Gesellschaft aufeinander bezogen sind und in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis stehen, lassen sich über biographische Fragestellungen auch gesellschaftliche Bedingungen der individuellen Erfahrung, des Verhaltens und der Sozialisierung deutlich herausarbeiten.

Eine solchermaßen verstandene Biographie eröffnet eine integrierte Perspektive auf Lebensläufe und Lebenswelten, weil sie ein ganzes Spektrum von Methoden und Ansätzen vereinen kann. Dabei geht es nicht darum, scheinbar linear verlaufende Biographien zu rekonstruieren. Zum einen hat Pierre Bourdieu generell auf die „biographische Illusion“ hingewiesen – nämlich das Problem jeder Biographie – ein Leben so kohärent nachzuerzählen, dass es einen Sinn ergibt, und es von vornherein teleologisch auf das Ende ausgerichtet ist. Eine reflexive Auseinandersetzung mit dem „gemachten“ Leben ist daher auf jeden Fall vonnöten. Zum anderen weist jede biographische Narration zahlreiche Lücken auf, die aber ebenso in das erzählte Leben zu integrieren sind wie Brüche sowie ein partielles oder auch fundamentales Scheitern.  Auf diese Art und Weise lassen sich die für Ost- und Nordosteuropa so signifikanten Merkmale des 19. und 20. Jahrhunderts wie Fremdherrschaft, politische Umbrüche und Systemwechsel, wie sie sich in einzelnen Biographien niedergeschlagen haben, für eine Gesellschaftsgeschichte nutzbar machen.

Ein weiterer Vorteil des biographischen Ansatzes ist der der Diachronie, d.h. es lassen sich politische, soziale oder kulturgeschichtliche Zäsuren überwinden und Epochen übergreifend betrachten und bewerten. Biographische Lebens(einschnitte) periodisieren anders, sie bieten einen anderen Zugang, stellen gewohnte ereignisgeschichtliche Einschnitte in Frage und bieten sich damit an, sie auch zur Beantwortung generalisierender Fragestellungen zu nutzen. Darüber hinaus verfügen Biographien über ein prinzipiell demokratisierendes Potential: Sie können vergessene Leben in Erinnerung rufen, die zum Beispiel nach politischen Umbrüchen bewusst dem Vergessen anheimfielen, oder auch Lebensläufe, die unter den Bedingungen einer oder mehrerer Diktaturen oder einer Fremdherrschaft nicht einer Biographie für würdig befunden wurden. Ebenso können die Lebensgeschichten derjenigen, die unter solchen Bedingungen gezwungen waren, ins Exil zu gehen, in solche Narrationen re-integriert werden, in denen sie zuvor ausgeblendet waren. Auch die Wiederaneignung lange „verlorener“ oder marginaler Lebensgeschichten, wie es bei vergessenen Frauenleben zum Beispiel der Fall ist, gehört zu diesem Potential von Biographien.

Für die regionalen Arbeitsgebiete des Nordost-Institutes ist es in diesem Zusammenhang besonders gewinnbringend, Autobiographien, denen im Zusammenhang mit den politischen Umbrüchen erst nach 1989 eine größere Aufmerksamkeit zuteilwurde, vergleichend zu untersuchen.  Auf diese Weise lassen sich spezifische Zugänge zu gelebter Geschichte als Ergebnisse zwar zunächst individueller Erinnerungsprozesse, die aber mithin stets soziokulturell geprägt worden sind, herausarbeiten. In diesem Zusammenhang können auch Fragen nach Erinnerungskulturen und verdrängter Geschichte aufgegriffen werden, stellt sich doch in Ost- und Nordosteuropa die Frage nach Handlungsspielräumen von Individuen in unterschiedlichen politisch-sozialen Systemen mit besonderer Eindringlichkeit. Nicht zuletzt über vergleichende Biographie- und Autobiographieforschung lässt sich eine Annäherung an die in jüngster Zeit immer wieder diskutierte Frage eines gemeinsamen oder getrennten Gedächtnisses in Europa versuchen. Denn die Biographie (und auch die Autobiographie) ist eine Gattung, die auf verschiedenen Ebenen Gedächtnis prägt und ihrerseits von Gedächtnis und von in soziokulturellen Kontexten erworbenen Deutungsmustern geprägt wird. Gerade die individuell gelebten Erfahrungen von Menschen im Baltikum oder in Polen im 20. Jahrhundert machen deutlich, warum sich beispielsweise die Shoa nicht uneingeschränkt als ein negativer Gründungsmythos eines europäischen Gedächtnisses eignet, das ohnehin eher von seiner Pluralität und Diversität lebt als dass es sich normieren ließe.

Nicht zuletzt ist die Einzelpersönlichkeit dabei immer Teil einer Generation, deren Erfahrungshorizont in das eigene Leben einfließt. Diese Erfahrungen haben prägende Wirkung, sie heben eine Generation von der anderen ab – es kann sich ein bestimmtes Gedächtnis einer Generation ausbilden, das spätere Generationen bereits in jener spezifischen Ausformung möglicherweise nicht mehr teilen oder verändern. Dies entspricht dem Wesen des Gedächtnisses, ist es doch wandelbar, plural und sozial bedingt. Darauf aufbauend bietet sich dem Historiker die Möglichkeit, Einzelerfahrungen in Kollektivbiographien einer generationellen Gruppe aufgehen zu lassen, um Vernetzungen und Einflüsse, Verflechtungen, Parallelitäten, aber auch Unterschiede zwischen einzelnen Personen und Gruppen aufzuzeigen  Dieses Vorgehen ist prinzipiell auf verschiedene Gruppen (ethnische und religiöse Minderheiten, soziale Schichten, Land- oder Stadtbevölkerung) anwendbar und nähert sich damit methodisch der Biographieforschung an.

In diesem Umfeld fällt der deutschen Bevölkerung und der von Deutschen betriebenen Politik in Ost- und Nordosteuropa in vielfacher Hinsicht eine besondere Rolle zu, haben sie doch die Lebensläufe in dieser Region im 19. und 20. Jahrhundert in vielfältiger Weise mit beeinflusst. Sie traten sowohl als Nachbarn als auch als Eroberer auf, als Partner und Ideengeber in Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft, als ideologisch motivierte Täter oder „völkisch“ konstruierte Gegner. In der Folge von politisch, sozial und/oder ethnisch motivierter Gewalt wurden sie auch zu Opfern. Im biographischen Zusammenhang stellt sich die deutsche Geschichte in Ost- und Nordosteuropa anders dar; es bietet sich die Möglichkeit, das bisherige Geschichtsbild gleichsam explorierend zu neuen Erkenntnissen zu führen.

Eine Rückbindung persönlicher Erfahrungen an bestimmte Vergesellschaftungsprozesse in Ost- und Nordosteuropa bietet sich außerdem an, um einen länderübergreifenden Bezug und eine Basis für historische Vergleiche herzustellen. So lassen sich beispielsweise Bildungserfahrungen deutschbaltischer Persönlichkeiten mit denen deutscher Minderheiten in Polen oder Rußland oder auch mit anderen ethnischen Gruppen vergleichend untersuchen. Mutatis mutandis gilt dies auch für Themenbereiche wie Migration, Kriegs- oder Geschlechtererfahrungen. Biographische Erfahrungen (wie etwa die russischer Studenten an deutschen Universitäten) eröffnen zudem einen Zugang zur Frage nach sprachlich gebundenen Kommunikationsräumen.
Den wissenschaftlichen Mitarbeitern/Mitarbeiterinnen des Institutes steht es frei, ob sie selbst die Biographie(n) eines Protagonisten oder einer Gruppe erstellen oder stärker soziologisch orientiert im Sinne der Biographieforschung auf soziale Muster und Identitätskonstruktionen ihr Augenmerk richten möchten.

Dauer des Projektes : 5 Jahre

Umsetzung: Regelmäßige Treffen der Wissenschaftler/Wissenschaftlerinnen. Dabei sollen thematisch-methodisch interessante Texte zur Grundlage der Diskussion gemacht werden.

Ergebnisse: Schriftliche Ausarbeitung der individuellen Forschungsergebnisse, mehrere Workshops und eine internationale Tagung zum Forschungsgegenstand.

 

1 Hans Erich Bödecker, Biographie. Annäherungen an den gegenwärtigen Forschungs- und Diskussionsstand, in: Biographie schreiben, hg. v. dems., Göttingen 2003, S. 11-63, S. 20.
2 Pierre Bourdieu, Die biographische Illusion (Original 1986), in: BIOS 3 (1990), S. 75-81, dazu auch Lutz Niethammer, Kommentar zu Pierre Bourdieu: Die biographische Illusion, in: ebd., S. 91-93.
3 Ulrich Raulff, Das Leben – buchstäblich. Über neuere Biographik und Geschichtswissenschaft, in: Grundlagen der Biographik. Theorie und Praxis des biographischen Schreibens, hg. v. Christian Klein, Weimar 2002, S. 55-68, S. 65.
4 Siehe Scheitern und Biographie. Die andere Seite moderner Lebensgeschichten, hg. v. Stefan Zahlmann und Sylka Scholz, Gießen 2005.
5 Siehe Christian Klein (Hrsg.): Handbuch Biographie. Methoden, Traditionen, Theorien, Stuttgart u.a. 2009, Stichwort: Biographiewürdigkeit, S. 36.
6 Siehe jüngst zum Potential von Autobiographien für die Zeitgeschichtsforschung: Carsten Heinze: Autobiographie und zeitgeschichtliche Erfahrung. Über autobiographisches Schreiben und Erinnerung in sozialkommunikativen Kontexten, in: Geschichte und Gesellschaft 36/1 (2010), S. 93-128.
7 Michael Jeismann, Völkermord oder Vertreibung. Medien der Europäisierung?, in: Historische Anthropologie 13 (2005), S. 111-120; ähnlich Dan Diner, der von einem „veritablen Gründungsereignis“ schrieb: Der Holocaust in den politischen Kulturen Europas. Erinnerung und Eigentum, in: Klaus-Dietmar Henke [Hg.], Auschwitz. Sechs Essays zu Geschehen und Vergegenwärtigung, Dresden 2001, S. 65-74, S. 65.
8

Zur Frage von Kollektivbiographien siehe Levke Harders, Veronika Lipphardt: Kollektivbiografie in der Wissenschaftsgeschichte als qualitative und problemorientierte Methode, in: Traverse 13/2 (2006), S., 81-91, hier S. 82.

9 Vgl. etwa Bettina Dausien: Biografieforschung: theoretische Perspektiven und methodologische Konzepte für eine re-konstruktive Geschlechterfoschung, in: Ruth Becker u.a. (Hrsg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorien, Methoden, Empirie, Wiesbaden 2008, S. 354-367.
   

 Letzte Aktualisierung: 02.10.2013

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