Parallele Biographien: Jan Czochralski und Ludwik Hirszfeld

Parallele Biographien: Jan Czochralski und Ludwik Hirszfeld in ihren deutschen und polnischen Wissensräumen

Teilprojekt Katrin Steffen

des gemeinsamen Forschungsprojekts "Individuum und Gesellschaft in Ost- und Nordosteuropa" (2011-2016)

Das Leben der Wissenschaftler Jan Czochralski (1885-1953) und Ludwik Hirszfeld (1884-1954) verlief bis zum Jahr 1939 in ähnlichen, fast parallelen Bahnen – beide verließen die polnischen Teilungsgebiete im späten 19. Jahrhundert, um sich im benachbarten Deutschland ausbilden zu lassen, zu studieren und im Anschluss zu forschen, Hirszfeld in der Blutgruppenforschung in einem universitären Umfeld, Czochralski in den damals gerade aufsteigenden großen Forschungslabors der Metallindustrie. Dort machten sie jeweils, oft gemeinsam mit Kollegen, Entdeckungen, die in ihren jeweiligen Wissensgebieten bedeutende Fortschritte verkörperten. Nach 1918 kehrten beide Wissenschaftler nach Polen zurück. Ihrem beruflichen Aufstieg in Deutschland ließen sie also Stationen in Polen folgen, einem Land, das nach dem Ersten Weltkrieg dringend technologisches, wirtschaftliches und auch medizinisches Expertenwissen benötigte und neue Funktionseliten ausbilden musste – dementsprechend gelang es beiden relativ schnell, auf neuem Terrain und unter gänzlich anderen Bedingungen Fuß zu fassen, aufgrund ihrer Forschungen gefördert und anerkannt zu werden und zahlreiche auch prestigereiche Ämter und Funktionen zu übernehmen.

Die Parallelität der Entwicklung bis 1939 erfährt mit dem Überfall Deutschlands auf Polen und somit in der zweiten Lebenshälfte beider Protagonisten einen Bruch, obwohl man eine Parallelität darin erblicken kann, dass der Krieg in beider Leben, wenngleich auf höchst  unterschiedliche Art und Weise, tiefe Spuren hinterlässt: Czochralskis Wirken während des Zweiten Weltkriegs in Warschau an einer der Technischen Hochschulen wurde ihm nach dem Krieg zum Verhängnis, als man ihn wegen einer vermeintlichen Kollaboration mit den Besatzern anklagte und er alle seine Ämter und Funktionen verlor. Er starb vereinsamt in seinem Heimatdorf. Hirszfeld hingegen wurde gezwungen, ins Warschauer Getto überzusiedeln, wo er sich in der medizinischen Versorgung und der Ausbildung junger Mediziner engagierte, bevor er fliehen und sich bis Kriegsende erfolgreich verstecken konnte. Er setzte seine Laufbahn nach dem Krieg an der Universität bzw. Medizinischen Hochschule Wrocław fort und blieb ein international anerkannter Wissenschaftler.

 

Stand: 19.12.2014

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