"...unser Geschichtsgebäude bauen..."

„… unser Geschichtsgebäude bauen…“ Arveds Švābe (1888-1959) als lettischer Historiker

Teilprojekt Detlef Henning

des gemeinsamen Forschungsprojekts "Individuum und Gesellschaft in Ost- und Nordosteuropa" (2011-2016)


Arveds Švābe, 1888 im Gouvernement Livland geboren und 1959 in Stockholm verstorben, gilt in Lettland und im Umfeld der baltischen Geschichte als führender Historiker, der die lettische Geschichtswissenschaft der 1920er bis 1960er Jahre maßgeblich prägte und sie bis heute beeinflusst. Daneben wurde er als Lehrer, Schriftsteller, Volkskundler, Politiker, Rechtshistoriker, Enzyklopädist und Mitglied der lettischen Literatur-, Theater- und Kunstszene bekannt und zählt zu den herausragenden und gut vernetzten Vertretern der jungen lettischen Wissenschafts- und Kulturelite der Zwischenkriegszeit. Nach 1945 versuchte er unter den Beschränkungen des lettischen Exils in Deutschland und Schweden, auch „Kleines Lettland“ genannt, diese Rollen weiter auszufüllen.

Švābe gehörte - nach den bürgerlich-nationalen „Jungletten“ ab etwa 1850 und den Anhängern der sozialistisch orientierten „Neuen Strömung“ (lett. „Jaunā Strāva“) ab etwa 1880 - zur dritten Generation junger lettischer kultureller und politische Eliten überhaupt. Die Biographien dieser dritten Generation waren wie die ihrer Vorgänger zunächst noch „imperial“ geprägt: ihre Vertreter waren in den „Deutschen Ostseeprovinzen Russlands“ geboren, machten dort ihre ersten Sozialisationserfahrungen und später in den Zentren des Russischen Reiches ihre Bildungs- und Berufserfahrungen. Doch die Mitte ihres Lebens mit Karriereschüben und intensiven Schaffensperioden fällt in die Zeit nach Gründung der Republik Lettland gegen Ende des Ersten Weltkrieges. Sie waren diejenigen, die die alten deutschbaltischen Führungsschichten ablösten und ihnen einen Minderheitenstatus zuwiesen. Die Vertreter dieser dritten Generation definierten sich primär – von Altersgenossen, die als überzeugte Kommunisten nach 1917 in Sowjetrussland blieben, abgesehen - „als „bürgerlich“, vor allem aber als „lettisch“ und „national“. Sie engagierten sich im Aufbau der neuen staatlichen Institutionen, die ihnen gleichzeitig professionelle Etablierung und sozialen Aufstieg versprachen.

Švābe gilt dabei als ein Historiker, der über Umwege – er begann zunächst Naturwissenschaften zu studieren - verhältnismäßig spät zur Geschichtswissenschaft fand. Seit den 1920er Jahre gehört er zu den entschiedendsten Gegnern der bis dahin dominierenden deutschbaltischen Historiographie und sieht seine Aufgabe darin, deren Positionen inhaltlich, ideologisch und institutionell zu „bekämpfen“ und durch eine nationale Erinnerungskultur, die sich am lettischen Volksbegriff orientiert, abzulösen. Als paradigmatisch gilt in diesem Zusammenhang seine Auseinandersetzung mit Leonid Arbusow d.J., die 1935 zu dessen Abberufung vom Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Lettlands führte.

Gleichzeitigt beansprucht er, wie viele andere seiner lettischen Historikerkollegen auch, selbst gestaltend an der Geschichte Lettlands teilzunehmen, sei es als Abgeordneter der Verfassunggebenden Versammlung (1920-1922), als Mitglied (1936) und Stellvertretender Direktor (1939) des von Kārlis Ulmanis gegründeten staatlichen Geschichtsinstituts Lettlands oder zuletzt als Funktionsträger im lettischen Exil (ab 1945). Als Wissenschaftler, der den Gegenstand „Lettische Geschichte“ nicht nur untersuchte, sondern dessen jüngste Periode mit ihren bisweilen tragischen politischen Konflikten und Brüchen zwischen 1905 und 1945 selbst erlebte und gestaltete, war er auf vielschichtige Weise Historiker und Zeitgenosse zugleich. Dies macht ihn im Rahmen der Erforschung von Lebensläufen in Nordosteuropa im allgemeinen und im Hinblick auf ein Historikerleben einer kleinen Nation im besonderen für unterschiedliche methodische Ansätze und Fragestellungen interessant. Im Mittelpunkt des Teilprojektes stehen seine Genese als Historiker und seine Auseinandersetzung mit der deutschbaltischen Geschichtswissenschaft.

 

Stand: 16.02.2015

 

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok Ablehnen