Unter dem wachsamen Auge des Staates: Religiöser Dissens der Russlanddeutschen in der Breschnew-Ära

Unter dem wachsamen Auge des Staates: Religiöser Dissens der Russlanddeutschen in der Breschnew-Ära

Monographie / Victor Dönninghaus zusammen mit Andrej Savin und Johannes Dyck (Bonn)
 
Die Politik gegenüber religiösen Organisationen unterlag in der UdSSR mit Beginn der 1960er Jahre wesentlichen Veränderungen. Der Staat gestand der Mehrheit von ihnen - soweit sie zur öffentlichen Bekundung ihrer Loyalität bereit waren - das Recht auf eine besondere Rolle in der Gesellschaft zu. Da unter Leonid Breschnew die politische Führung von Chruschtschows Plan Abstand nahm, in kürzester Zeit eine kommunistische Gesellschaft aufzubauen, wurde für die Mehrheit der religiösen Organisationen, besonders die Russische Orthodoxe Kirche, der Zwang zur Anpassung an das sowjetische Regime abgeschafft. Unter gelockerten Bedingungen erhielten nun diejenigen Kirchen, die sich parteikonform verhielten, in begrenztem Maße Entfaltungsmöglichkeiten. Diese Vereinbarung bestand bis zum Ende der UdSSR.
 
Jedoch wählten bei weitem nicht alle religiösen Organisationen den Weg des Kompromisses mit der Sowjetmacht. Besonders Protestanten und die Mehrheit religiöser Organisationen der Russlanddeutschen waren nicht bereit, sich mit der Nische zufriedenzugeben, die ihnen der Staat zuwies. Sie kämpften hartnäckig für ihre Rechte. Während der Staat die zahlenmäßig schwächere Bewegung „weltlicher“ Dissidenten verhältnismäßig leicht „politisch neutralisieren“ konnte, gelang es ihm bis zum Zerfall der Sowjetunion nicht, die große Zahl religiöser Dissidenten zu Loyalität zu zwingen.
 
Ende 1989 gab es auf dem Gebiet der Russischen Föderation ca. 900 protestantische Gruppierungen, die auf jegliche staatliche Registrierung verzichteten. Das entsprach ungefähr der Hälfte der protestantischen Gemeinden in Russland. Die Russlanddeutschen spielten in der Bewegung der religiösen Dissidenten eine äußerst bedeutende Rolle. Nach den Aufzeichnungen des Rates für Religionsangelegenheiten beim Ministerrat der UdSSR bestanden die „extremistischen religiösen Vereinigungen“ zu 90 Prozent aus „Personen deutscher Nationalität“.
 
Unter Anwendung von Methoden der modernen Geschichtswissenschaft (politische Geschichte, Alltagsgeschichte) und mit der Erschließung bisher unbearbeiteter Quellen russischer Archive sollen Schlüsselstrategien, Mechanismen und Praktiken religiöser Dissidenten, in diesem Fall Gruppierungen der Russlanddeutschen, untersucht werden. Ein Ziel ist es dabei auch, spezifische Richtungen der Konfessionspolitik der Breschnew-Ära aufzudecken. Zum anderen sollen Sozialverhalten, Wertesystem und Mentalität erforscht werden, die die Russlanddeutschen entwickelten, um gesellschaftliche und ökonomische Probleme zu lösen. Das Wissen um den religiösen Widerstand der Russlanddeutschen soll einen Beitrag leisten zum Verständnis der komplexen sowjetischen Gesellschaft während der Periode der sogenannten „Stagnation“ und damit zur politischen Geschichte Russlands.

Letzte Aktualisierung: 30.12.2015

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