„Urbanisierung.“

„Urbanisierung. Russlanddeutsche und andere nationale Minderheiten in der Stadt-Land-Migration nach 1953“

 

Monographie (Dissertation)  / Helene Henze

 

Für die Russlanddeutschen und andere nationale Minderheiten begann nach 1953 eine Phase der Rehabilitation. Vielen von ihnen gelang es, sich in der postsowjetischen Gesellschaft zu behaupten und zu assimilieren. Nicht selten erfolgte diese Normalisierung im Kontext der Landflucht-Wellen in den 1960er und 70er Jahre.
Am Beispiel zweier Regionen (Russland und Kasachstan) wird herausgearbeitet, wie die Russlanddeutschen und andere nationale Minderheiten auf die Urbanisierung der spätsozialistischen Phase der Sowjetunion und ihre soziokulturellen Begleiterscheinungen reagierten. Anhand von alltagsgeschichtlichen Zeugnissen wird rekonstruiert, welche Migrations- und Aufstiegsstrategien die einzelnen nationalen Minderheiten verfolgten und ob und welche Unterschiede es hinsichtlich der Interaktion mit den neuen sozialen Räumen gab. Die Frage, wie die Erfahrung der „Sowjetisierung“ sich auf die Selbstwahrnehmung der imaginierten Gemeinschaften und ihre Bereitschaft, die Sowjetunion zu verlassen, auswirkte, steht ebenso im Fokus der Arbeit.

Die Geschichte der Sowjetunion ist auch eine Geschichte der Migrationen. Sie beginnt mit dem Dekret zur „administrativen Verbannung“ vom 10. August 1922 und findet in den Deportationen und Repressionen ethnischer Minderheiten in den 1930er und 1940er Jahren einen ersten, tragischen Höhepunkt. Die Rehabilitierung der Überlebenden von politischer Verfolgung, Zwangsmigration und Verbannung im Zuge der Entstalinisierung markiert den Übergang zu einer zweiten Phase der Rückkehr und Neuansiedlung, die fast nahtlos in eine dritte Phase mündet, welche vielfach mit der Modernisierung der Sowjetunion in Verbindung gebracht wird: die Land-Stadt-Migration.

Vor dem Hintergrund der dynamischen Jahrzehnte unter den Machthabern Nikita Chruschtschow und Leonid Breschnew wird im Dissertationsprojekt nach der Rolle und Reaktion der nationalen Minderheiten im und auf den Urbanisierungsprozess gefragt. Ein Schwerpunkt der Untersuchung liegt dabei auf den Russlanddeutschen und den Prozessen der Normalisierung und des Verwachsens mit dem sich neu formierenden gesellschaftlichen Gewebe der Sowjetunion. Dabei sollen sowohl die Strategien des sozialen Aufstiegs der Vertreter*innen der einzelnen Minderheiten dokumentiert als auch die Reaktionen der Familienverbände bzw. der Dorfgemeinschaften auf die Abwanderung ihrer Mitglieder in die städtischen Zentren nachverfolgt werden. Die Wirkungen der Binnenmigration auf die interpersonellen Netzwerke der Akteure*innen interessieren dabei ebenso wie die Selbstwahrnehmung der Individuen in den neuen Räumen im Hinblick auf ihre ethnische Identität. Mit der Bearbeitung der Fragestellung soll insbesondere die Geschichte der Russlanddeutschen aus ihrer Isoliertheit als „Leidensgeschichte“ und Sonderfall gelöst und in den Kontext der russischen und europäischen Geschichte eingebettet werden.

Das Dissertationsvorhaben wird von Prof. Dr. Tauber betreut und ist ein Teilprojekt am Forschungsverbund Ambivalenzen des Sowjetischen: Diasporanationalitäten zwischen kollektiven Diskriminierungserfahrungen und individueller Normalisierung, 1953 – 2018.

 

06.01.2021

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