Wyka_Die abgekoppelte Wirtschaft

 

Einleitende Bemerkungen
von Matthias Barelkowski und Agnieszka Pufelska

zu

Die abgekoppelte Wirtschaft

von Kazimierz Wyka

 

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Das im wesentlichen während des Zweiten Weltkriegs und in der unmittelbaren Nachkriegszeit verfasste Buch „Życie na niby“ [Leben als ob] gehört zu Kazimierz Wykas (1910–1975) wirkmächtigsten Werken und lässt sich vielleicht am besten mit dem berühmten Diktum Adornos „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ beschreiben. Ähnlich wie der deutsche Philosoph in seinen „Minima Moralia“, die er ebenfalls in den vierziger Jahren und unter dem Schock des nationalsozialistischen Terrors geschrieben hat, schildert der Krakauer Literaturwissenschaftler einerseits die Unmöglichkeit, während der deutschen Okkupation ein „richtiges Leben“ inmitten einer Welt voller Grausamkeit, Unterdrückung und Ausbeutung führen zu können. Andererseits befasst er sich ausgiebig mit der Ideologie der Nationalsozialisten und deren praktischer Umsetzung in Polen.

Wenn Wyka und Adorno die Frage stellen, ob man ein richtiges oder gutes Leben im falschen führen kann, dann geht es ihnen an erster Stelle um das Verhältnis zwischen moralischem Handeln und dessen gesellschaftlichen Bedingungen, genauer gefasst um die Auswirkung des Krieges auf die conditio humana. Nur vom Unmöglichen her können wir unsere Möglichkeiten verstehen – dieser Maxime folgt ihr Denken, das wiederum an eine lebendige Praxis der Kritik gebunden ist. Doch im Gegensatz zu Adorno, der seine kritischen „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ in Form von Aphorismen vermittelt, liefert Wykas historisch-literarische Essaysammlung eine ausführliche und differenzierte Auseinandersetzung mit dem polnischen Alltag unter der Nazi-Herrschaft und den deutschen Plänen zur „Ausrottung“ alles Polnischen überhaupt. Vor allem interessieren ihn jedoch die Übergänge zwischen Unabhängigkeit und Besatzung, zwischen Befreiung und Neuanfang sowie die daraus resultierenden Spannungen und Konflikte.

Wykas kritischer Ansatz scheut keine Konfrontation mit den moralischen Dilemmata und liebgewordenen Mythen wie dem angeblich einhelligen Widerstand gegen die Besatzung. So beschreibt er die polnische Kollaboration mit den Nazis, Gleichgültigkeit und passive Zustimmung vieler katholischer Polen zur Judenvernichtung oder den weitverbreiteten und allgemein akzeptierten Diebstahl, Betrug und Raub von privatem und öffentlichem Eigentum. Diese radikale Absage an den faulen Lebenskompromiss, an das „Sicheinrichten“ in ungerechten und unmenschlichen gesellschaftlichen Verhältnissen impliziert bei Wyka gleichzeitig eine Warnung für die Nachkriegszeit. Denn für ihn ist es selbstverständlich, dass die kriegsbeschädigte Moral der Polen nicht am 9. Mai 1945 verschwand. Die Judenpogrome in der unmittelbaren Nachkriegszeit seien dafür der beste Beweis. Das Streben nach einem moralischen Leben unter den Nachkriegsgegebenheiten musste für Wyka daher notwendig mit einer Auseinandersetzung mit dieser gefährlichen Erbschaft einhergehen. Aus dieser Haltung heraus verstand er sein Abrechnungsbuch als historische Orientierungs- und Entscheidungshilfe für die moralische Protestbereitschaft gegen psychopathologische Erscheinungen in der polnischen Gesellschaft. Im Polen von Stalins Gnaden, das sich als „Volksrepublik“ verstand, war Kritik allerdings nur zulässig an einer vergangenen, nicht aber an der gegenwärtigen oder kommenden Gesellschaft. Die Ausgaben vor 1990 enthielten daher nicht den kurzen Essay „Potęga ciemnoty potwierdzona“ [Die Macht des Pöbels ist bestätigt], der noch im September 1946 als scharfe Reaktion auf die Nachkriegspogrome an jüdischen Überlebenden in polnischen Städten in der Zeitschrift „Odrodzenie“ [Wiedergeburt] veröffentlicht worden war.

Der studierte Polonist war während der Besatzung Mitglied der katholischen Untergrundorganisation „Unia“. Dennoch sieht er den Einmarsch der Sowjetarmee, die gewaltsame Unterdrückung des der Londoner Exilregierung unterstehenden Untergrundapparates und die Schaffung der Volksrepublik Polen unter kommunistischen Vorzeichen offensichtlich als Chance auf ein gerechteres Polen an; er ist 1952 Mitbegründer der Gesellschaft für polnisch-sowjetische Freundschaft und 1952–1956 Abgeordneter des Sejm. Als Redakteur der Literaturzeitschrift „Twórczość“ [Schaffen] (1945–1950) und langjähriger Leiter des Institutes für Literaturforschung in Krakau (1953–1970) ist er dennoch bestrebt, die moralische Selbstwahrnehmung der Polen – zumeist aus der literarischen Perspektive – kritisch zu analysieren. Fern jeder Doktrin oder psychologisch-formalistischen Betrachtung von Kultur setzt sich Wyka nach dem Krieg für eine historisch-soziologische Verortung der Literaturforschung ein und begründet damit eine Forschungsrichtung, die unter dem Namen „Krakauer Schule der Kritik“ bekannt wurde und mehrere bedeutende Literaturkritiker und -theoretiker hervorgebracht hat. „Leben als ob“ kann durchaus als programmatische Schrift dieser Schule gelten, auch wenn sie nicht unbedingt das politische Verhalten ihres Autors in der Volksrepublik erklärt.

Die vier Auflagen der Essaysammlung in der Volksrepublik unterscheiden sich in der Anzahl der aufgenommen Essays voneinander. Während die erste Ausgabe von 1957 die Essays zum Leben unter der Besatzung bzw. den ersten Monaten danach enthielt, war die zweite Auflage, die schon 1959 erschien, um die historisch-philosophischen Essays „Goebbels, Hitler, Kato“ sowie „O porządkach historycznych“ [Über historische Ordnungen] erweitert. Die Ausgabe von 1984 enthielt darüber hinaus den über 80 Seiten starken Essay „Pamiętnik po klęsce“ [Tagebuch nach der Niederlage], in dem sich Wyka kritisch mit dem Erbe der 1939 untergegangenen Zweiten Polnischen Republik (1918–1939) auseinandersetzt. Dieser war, versehen mit handschriftlichen Verbesserungen des Autors von 1944, im Nachlass Wykas entdeckt worden und wurde nun erstmalig gemeinsam mit „Leben als ob“ in Buchform veröffentlicht, wobei beide Titel gleichberechtigt auf dem Umschlag genannt wurden. Ob Wyka versucht hatte, dieses „Tagebuch“ bereits früher zu veröffentlichen, bleibt indes offen. Nur ein Jahr später erschien dann 1985 in einem anderen Verlag eine neue separate Auflage von „Leben als ob“.

Erst 2010 wurde eine weitere Ausgabe veröffentlicht, die nun neben der Essaysammlung „Leben als ob“ und dem „Tagebuch nach der Niederlage“ zum ersten Mal auch den bereits erwähnten kurzen Essay über die Nachkriegspogrome enthielt, versehen mit einem ausführlichen Nachwort von Adam Michnik zur politisch-historiografischen Einordnung der Essays und der Person des Autors.

Obwohl der Gesamttitel „Leben als ob“ mit der Zeit fast sprichwörtlich wurde und Gabriele Lesser ihn sogar als Titel für ihre 1990 erschienen Dissertation über die Untergrunduniversität in Krakau verwendete,[1] kam es dennoch bisher zu keiner Teil- oder Gesamtübersetzung ins Deutsche.

Der 1945 verfasste Essay „Gospodarka wyłączona“ [Die abgekoppelte Wirtschaft], der in allen polnischen Ausgaben seit 1957 enthalten war, wird hier daher zum ersten Mal in deutscher Übersetzung präsentiert. In keinem anderen Teil des Buches kommen Wykas kritische Reflexionen über Kriegsmoral sowie über Stimmungen und Haltungen in der okkupierten Gesellschaft deutlicher zum Ausdruck. Er diskutiert dieses Thema anhand der herrschenden sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen in den einzelnen Gesellschaftsschichten und zeigt auf, von wie vielen unterschiedlichen Faktoren das Überleben des Einzelnen abhing. Die passive Abhängigkeit ging mit der steten Gefährdung durch die deutschen Besatzer einher, die sich entweder korrumpieren ließen oder aber nach Gutdünken verhafteten, deportierten, folterten und mordeten. Das deutsche Ausbeutungssystem war vollständig auf die Bedürfnisse der Kriegsmaschinerie ausgerichtet und sah offiziell für die polnische Bevölkerung nur Bezugskarten vor, die ohne illegale Zukäufe letztlich zum Verhungern führen mussten. Der Gesellschaft, in der Wyka Arbeiter, Angestellte und Intelligenzler, Juden, Bauern und Großgrundbesitzer unterscheidet, musste daher jeweils eigene Strategien entwickeln, die das unmittelbare Überleben sicherten.

Der Zeitzeuge Wyka ist ein kritischer Beobachter und sieht, dass dieser wirtschaftliche Ausnahmezustand neben Verlierern und Geschädigten auch Profiteure und Nutznießer hervorbrachte. Die florierende „Raubökonomie“, die durch Erpressung, Zwangsvertreibung und Mord an den jüdischen Polen von der deutschen Okkupationsmacht in Gang gesetzt wurde, verschaffte manch einem nicht-jüdischen polnischen Neubesitzer die Chance, aus den schwierigen Kriegsbedingungen Profit zu schlagen oder zumindest die eigene Existenz auf Kosten anderer zu sichern.

In dieser aufschlussreichen und differenzierten Darstellung liegen die Aktualität und Brisanz des stark literarisch und sozial-psychologisch konzipierten Essays „Die abgekoppelte Wirtschaft“, denn Wyka setzt sich darin bereits 1945 mit dem bis heute dominierenden und von der aktuellen polnischen Geschichtspolitik stark forcierten Bild eines gequälten, aber dennoch heldenhaft Widerstand leistenden Volkes auseinander. Im Gegensatz zu vielen Historikern nicht nur seiner Zeit vollzieht er keine eindeutige Aufteilung in „deutsche Täter“ und „polnische Opfer“, sondern ist bemüht, diese moralischen Kategorien zu entnationalisieren und zu erklären, wie beide Seiten auf perfide Weise voneinander abhingen, weil die „Raubwirtschaft“ sonst gar nicht hätte funktionieren können. Die moralische Frage nach dem richtigen Leben in der Okkupationszeit bedenkt Wyka im Licht ihrer sozialen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen neu. Er zeigt Grauzonen auf, verurteilt aber nicht nur klar die Verbrechen der deutschen Besatzer, sondern auch das Beharren einzelner polnischer Schichten auf alte und neue Besitzstände und Privilegien (etwa von Großgrundbesitzern), die nach dem Krieg neu verteilt bzw. beseitigt werden hätten müssen. Es ist offensichtlich, dass die richtige Antwort auf diese Frage für Wyka die Bedingung dafür ist, überhaupt ein ethisch gutes Leben führen zu können. Deshalb lehnt er alle Formen von Gewalt, Ausbeutung und Nutznießung ab, die für ihn den sozialen Frieden zerstören, bedrohen oder unmöglich machen.

Wyka vermittelt eindringlich die Botschaft, die „abgekoppelte Wirtschaft“ habe während des Krieges viele katholische Polen zu Nutznießern der deutschen Verbrechen werden lassen, insbesondere hinsichtlich des Umgangs mit „verlassenem jüdischem Eigentum“. Dies habe die gesamte Gesellschaft unausgesprochen geprägt und müsse daher aufgearbeitet werden. In der jüngeren Forschung ist dies von Soziologen und Historikern aufgegriffen worden, die den selbstkritischen Blick auf die deutsche Okkupationszeit und deren Folgen nicht scheuen und am Beispiel der Eigentumsfrage untersuchen, wie die polnische Gesellschaft nach 1945 mit diesem „Erbe“, aber auch den deutschen „Hinterlassenschaften“ in den neuen polnischen Westgebieten unter wechselnden politischen Verhältnissen umging.

Im Anschluss an die hier vorgelegte Übersetzung von Wykas Essay werden daher zwei solcher Arbeiten erstmalig in deutscher Übersetzung präsentiert. Dabei handelt es sich zum Einen um einen Beitrag aus dem Sammelband mit dem Titel „Klucze i kasa“ [Schlüssel und Kasse],[2] der ein Zitat aus Wykas Essay darstellt und metaphorisch darauf anspielt, dass viele Polen die Läden und Kassen bzw. Häuser ihrer von den Deutschen ermordeten jüdischen Nachbarn übernommen haben. Alina Skibińska untersucht in diesem Zusammenhang Versuche der Rückgabe von Immobilien an jüdische Überlebende bzw. deren Erben und den politisch-juristischen Umgang mit Immobilieneigentum zwischen 1945 und 1950.

Zum Anderen wird ein Beitrag von Maria Rutkowska vorgelegt, der den zwischen Plünderung, Zerstörung und Bewahrung schwankenden Umgang mit dem von den Deutschen hinterlassenen Kulturgütern in den neuen polnischen Nord- und Westgebieten in der untermittelbaren Nachkriegszeit schildert.

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[1] Gabriele Lesser: Leben als ob. Die Untergrunduniversität Krakau im Zweiten Weltkrieg, Köln 1990.

[2] Jan Grabowski, Dariusz Libionka (Hrsg.): Klucze i kasa. O mieniu żydowskim w Polsce pod okupacją niemiecką i we wczesnych latach powojennych 1939–1950 [Schlüssel und Kasse. Zum Umgang mit jüdischem Eigentum in Polen unter deutscher Besatzung und in den ersten Nachkriegsjahren 1939–1950], Warschau 2014.

 

Empfohlene Zitierweise:
Agnieszka Pufelska u. Matthias Barelkowski: Einleitende Bemerkungen  zu Kazimierz Wyka: Die abgekoppelte Wirtschaft, in: Übersetzte Geschichte, hrsg. v. Nordost-Institut, Lüneburg 2018, URL: http://www.ikgn.de/cms/index.php/uebersetzte-geschichte/beitraege/wyka-die-abgekoppelte-wirtschaft.

 

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Die abgekoppelte Wirtschaft

von Kazimierz Wyka

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Wer die Verhaltensökonomie der polnischen Gesellschaft an der Schwelle zur dritten Unabhängigkeit verstehen will, muss die ökonomischen Gegebenheiten während der Okkupationszeit analysieren. Hinsichtlich des Wirtschaftslebens bewahrheitet sich die Feststellung, dass die psychologischen Folgen immer länger bestehen als die Ursachen, welche sie objektiv bewirkt haben. Daher stammt, nebenbei bemerkt, auch die irrige Annahme von der Selbstständigkeit psychologischer Prozesse.

Das Problem, das ich im Folgenden betrachten möchte, ist in zweierlei Hinsicht bedeutsam: einerseits als Beschreibung von Phänomenen, die noch bis vor kurzem präsent waren und dennoch kaum erinnert werden bzw. bewusst geworden sind, andererseits als Beschreibung von Auswirkungen in der kollektiven Psyche unserer Gesellschaft, die weiterhin präsent sind, obwohl die wirtschaftliche Struktur des ehemaligen Generalgouvernements zerschlagen worden ist. Ein Zeitraum von fünf Jahren war schließlich ausreichend lang, um mit systematischer und konsequenter Hartnäckigkeit, an der es den Deutschen nicht fehlte, Fakten zu schaffen, die in eben dieser Psyche ihren Abdruck hinterlassen haben. Insbesondere dann, wenn man berücksichtigt, dass diese Fakten vielen Hoffnungen entsprachen, die bisher nicht erfüllbar waren. Und noch eine Warnung vorab: Die Rede wird nur vom Generalgouvernement sein, denn nur in diesem Gebiet Polens konnten sich die Phänomene, die hier analysiert werden sollen, voll entfalten.

 

Die Prämissen der deutschen Wirtschaftspolitik

Welches waren die Prämissen der deutschen Wirtschaftspolitik im Generalgouvernement? Eine erste Antwort darauf findet sich in zwei Umständen: im Verlauf der Grenze zwischen dem Generalgouvernement und dem Reich sowie dem Bezugskartensystem als gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Fiktion. Die Grenze ist so gezogen worden, dass die gesamte Industrie, die Kohlegruben und die Hütten nicht zum Generalgouvernement gehörten, dieses also zu einem Gebiet mit reinem Agrarcharakter wurde, evolutionär zurückgeblieben im Vergleich mit jedem europäischen Land, mal abgesehen von solch merkwürdigen und unnatürlichen Konstrukten wie den Staaten Litauen, Lettland und Estland in der Zwischenkriegszeit. Natürlich ließ sich dieser Plan nicht in Idealform verwirklichen. Starachowice, Tomaszów, Mościce, Stalowa Wola und die entwickelte Industrie Warschaus konnten nicht einmal die Deutschen ins Reich verlegen, aber das Prinzip blieb klar: Es ging darum, dass das „unabhängige“ Rumpfpolen nichts exportieren konnte außer Frauen zum Rübenziehen und den Rüben selbst. Die einzige Grube mit ziemlich mieser Kohle (Tenczynek bei Krzeszowice/Kressendorf), die im Generalgouvernement verblieb, verdankte dies der Residenz Hans Franks in Kressendorf, denn schließlich musste sich sein Sitz in seinem Herrschaftsbereich befinden. Trotzdem kam alle paar Monate in dem Gebiet das Gerücht einer neuen Grenzziehung auf, denn das „großschlesische“ Gebiet konnte nicht ein Kohleflöz ausbeuten, das nicht im Großdeutschen Reich, sondern im Nebenland lag.

Ein derartiger Grenzverlauf stellte aus deutscher Sicht keinerlei Neuigkeit dar. Als während des Ersten Weltkriegs unter Generalgouverneur Hans von Beseler ein Königreich Polen entstehen sollte, forderte der deutsche Generalstab eine ähnliche Grenzziehung. Auch das Ziel dieses Vorhabens war nicht neu, denn im Ersten Weltkrieg drängten die Deutschen gleichfalls darauf, die Industrie Kongresspolens abzuwürgen, während sie das von ihnen kontrollierte Gebiet Polens bzw. den dort zu errichtenden Staat als Absatzmarkt für ihre Industrie ansahen.

Das Generalgouvernement sollte also für die Zeit des Krieges eine landwirtschaftliche Kolonie werden, solange der noch ausstehende Sieg über Russland es den Deutschen nicht erlaubte, das Problem endgültig zu lösen: Das von seiner Intelligenz befreite polnische Volk sollte irgendwo an der Wolga angesiedelt werden, während die russische Bevölkerung hinter dem Ural verschwinden sollte. Dieses Endziel wurde diesmal auch nicht verborgen. Die entsprechenden Reden Franks lohnt es nicht zu zitieren, denn wir erinnern uns auch ohne Zitate an sie. Bis zur Umsetzung dieses Endziels mussten die Beziehungen zur autochthonen Bevölkerung der Kolonie jedoch geregelt werden. Dazu diente die zweite erwähnte Tatsache: das Bezugskartensystem als gesellschaftliche Fiktion. Denn für die einheimische Bevölkerung wurde ein solches System geschaffen, mit dem niemand überleben konnte. Jeglicher Handel mit Agrarprodukten wurde untersagt, so dass jeder Gendarm, der einer Bäuerin die Butter aus dem Korb zog, rechtmäßig handelte. Offiziell wurde der polnischen Bevölkerung nichts gegeben, außer einer unzureichenden Menge Brot. Rechtmäßig habe ich, so wie Millionen meiner Landsleute, nicht ein Gramm Fett, nicht einen Fingerhut voll Milch und keine Scheibe Wurst verzehrt – und dennoch haben wir von diesen Produkten eine ziemliche Menge genossen.

Die so geschaffene fiktive Wirtschaft muss als Fundament der wirtschaftlichen Veränderungen im Generalgouvernement angesehen werden. Sämtliche, auch die verzweigtesten, psychosozialen Prozesse sind auf diesen Umstand zurückzuführen. Vor der Bevölkerung des Generalgouvernements stand im Winter 1939/40 ein einfaches Dilemma: Entweder man hält sich daran, was gegessen werden darf und verhungert oder man versucht, sich irgendwie zu helfen. Natürlich zog niemand die erste Lösung ernsthaft in Betracht, wichtig war nur die Frage, wie man entgegen den Vorschriften überleben sollte? Auf dieses „wie“ fand jede gesellschaftliche Schicht eine andere Antwort, verhielt sich anders und reagierte mit anderen kollektiven Lösungen. Dies soll hier im Einzelnen beschrieben werden, wobei die Einstellung von Bauern, Arbeitern, Intelligenzlern und Gutsbesitzern getrennt analysiert werden soll.

Am Beginn einer solchen Analyse müssen zwei Fragen beantwortet werden. Zum Einen: Was hat die Deutschen zur Schaffung einer solchen wirtschaftlichen Fiktion bewogen? Zum Zweiten: Wo befand sich die Lücke in diesem System? Ich bewerte die psychologische Stumpfheit der Deutschen nicht so hoch, als dass ich annehmen würde, sie hätten erwartet, dass die Polen sich an ihre Wirtschaftsvorschriften halten und ohne Protest verhungern würden. Sogar ein Volk, das nur aus Fakiren bestünde, hätte rebelliert. Also konnten diesen Unsinn nur sehr spezielle Umstände hervor gerufen haben, nämlich abgrundtiefe Bosheit, der Wille, den Polen unbedingt zuzusetzen, ihnen um jeden Preis zu zeigen, dass sie Untermenschen sind. Darüber hinaus ließ dieses Wirtschaftsrecht den Okkupanten freie Hand hinsichtlich des weiteren Vorgehens gegenüber den Autochthonen: Alles war verboten, also konnte man im Bedarfsfall Lockerungen einführen, etwas mehr geben und dafür Dankbarkeit einfordern. Tatsächlich haben im Verlauf der Okkupation einige Klassen etwas bekommen. Es handelte sich also um eine Mischung aus angeborener Arroganz mit Anflügen von Gnädigkeit, die im Endeffekt ein wirtschaftliches Monster geschaffen hat, das so absurd war wie wohl in keinem anderen Teil des besetzten Europas. In diesem absurden Gebilde musste die polnische Gesellschaft jedoch leben und seine Schwachstellen finden.

Solche Stellen gab es viele. Insbesondere kompromittiert sich jedes System, das zu rigoristisch ist, um vollständig überwacht und gelenkt werden zu können, von selbst und keine noch so drastischen Strafen bringen ihm die Anerkennung zurück. Wenn illegale Schweinhaltung grundsätzlich mit dem Tode bestraft wird, die Schweinzucht aber sehr einträglich ist und der zuständige Gendarm monatelang nicht ins Dorf kommt, hält niemand die Leute von der fürsorglichen Pflege einer Muttersau ab. Wenn man mit Fettprodukten in jedem Zug aufgegriffen werden kann, es aber die Kräfte auch der effektivsten Polizei übersteigt, Tag und Nacht alle Züge zu kontrollieren, die in größere Städte fahren,  dann hält nichts die Leute davon ab, mit entsprechenden Produkten zu reisen. Diese Gewissheiten wurden von der polnischen Gesellschaft schnell und scharfsinnig erkannt, schneller als die Deutschen erkennen konnten, dass ihr gesamter Damm lediglich ein Sieb ist. Als sie drakonische Strafen ausprobierten, war es schon zu spät, denn die Gesellschaft hatte sich bereits an die Fiktion gewöhnt und auch die gefletschten Zähne der Bestie konnten sie nicht erschrecken. Das war, wenn man so will, die Lücke von unten in der Fiktion. Eine Lücke, die jedem zugänglich war, die auf Erfahrungen basierte, zum Risiko animierte, sich aber in der Regel lohnte. Wenn ich hier schreibe „lohnte“, dann habe ich zwei Dinge im Sinn: Es hat sich gelohnt, weil es lebenstechnisch unvermeidlich war, denn ohne dieses Risiko einzugehen, wären die Menschen unter das Existenzminimum gesunken. Aber es hat sich auch und sehr einträglich als Erfahrung mit dem Handel gelohnt. Von den Folgen dieser zweiten Erfahrung soll weiter unten die Rede sein.

Kein kleineres Loch zeigte sich alsbald am oberen Ende der Fiktion, an der Spitze des Systems selbst. Dieses wurde von jenem Polen geschlagen, der als erster nicht vor den strengen Minen der Kontrolleure zurückschreckte, sondern intuitiv erfasste, dass man Schmiergeld zahlen musste und dieses Schmiergeld auch angenommen wurde. Diese obere Lücke trägt schlicht den Namen Korruption und Bestechlichkeit der Deutschen. Hier muss ich auf persönliche Erinnerungen zurückgreifen. Als die ersten Wirtschaftsverordnungen erlassen wurden, nahm ich als Mensch an, der von Natur aus alle Anordnungen der Machthaber ernst nimmt, dass dies tatsächlich eine starke Schlinge ist. Ich glaubte zwar, dass das Leben sie etwas lockern würde, aber in vielen Gedankenspielen und nächtlichen Reflektionen kam ich nicht auf die Idee, dass sich Bestechung als kollektive Verteidigung erweisen könnte, etwas in der Art einer allgemein angewandten Impfung. Heute weiß ich, dass dies naiv war. Ich hatte einfach zu sehr an das äußere Aussehen der Deutschen geglaubt, ihre angebliche Strenge, um vorhersehen zu können, dass die moralische Verkommenheit bei ihnen direkt unter der Haut steckt. Die Ausmaße dieser Verkommenheit hat im Übrigen niemand in Polen vorhergesehen, denn wenn dies der Fall gewesen wäre, hätte sich schnell das bezeichnende Gefühl der psychologisch unterdrückten moralischen Verachtung eingestellt, das wir immer gegen Menschen hegen, die sich schnell in den Dreck ziehen lassen, von dem sie sich eigentlich fern halten sollten.

Die Deutschen erwiesen sich als fantastische Schmiergeldempfänger. Alle ließen sich schmieren – von der untersten Ebene bis zu den Parteispitzen. Dieses Bestechungssystem wurde schnell zur ungeschriebenen, aber ehrenvollen beiderseitigen Vereinbarung. Dem regelmäßig zahlenden Metzger, Bäcker oder Müller machte man keine „Scherereien“. Bestechlichkeit wurde so schnell zum Panzer, der unser wirtschaftliches Leben vor dem Untergang durch eine Fiktion bewahrte. Bestechlichkeit hat jedoch zwei Seiten: eine nehmende und eine gebende. Es reicht nicht, die nehmende Hand abzuschlagen, um das gesamte System zu zerstören. Es bleibt die im Geben geübte Hand, die sich neue Empfänger sucht. Dies sieht man heute, wo es weiterhin viele Hände gibt, die diskret geben oder zustecken.

Dem Bestechungswesen kamen recht schnell neue Umstände zu Gute. Schon in der zweiten Hälfte des Jahres 1940 stellte sich heraus, dass, um einen Vorkriegsbegriff zu verwenden, die Preisschere auseinanderging. Diesmal bestand die Schere einerseits aus den offiziellen Preisen und Löhnen, andererseits aus den tatsächlichen Preisen und Bedürfnissen. Bald stellte sich zudem heraus, dass die Wirtschaftspolitik bemüht war, die offiziellen Preise und Löhne, also jene, die in der Rüstungsindustrie und für den Bedarf der Deutschen galten, mithin also den Lebenssaft der Kolonie bezifferten, auf unterstem Niveau zu halten. Dagegen kümmerte man sich nicht darum, wie sich die reellen Preise für die „nichtdeutsche Bevölkerung“ gestalteten und wie diese Bevölkerung mit der zunehmend stärker auseinander klaffenden Schere zwischen Preisen und Löhnen zurechtkam. Wiederum eine Fiktion, die schnell zu weiteren notwendigen Fiktionen führen sollte. Zunächst geht es jedoch um die Bestechlichkeit und deren Gründe auf deutscher Seite. Den Großhandel mit Waren und Rohstoffen beherrschten ausschließlich Deutsche und schnell gerieten diese in eine Versuchung, der niemand von den Parteibonzen widerstehen konnte. Diese Versuchung stellte eben der Unterschied zwischen dem fiktiven und dem reellen Wert dar, einem illegalen Handel mit der Perspektive eines Geldgewinns, der für die Deutschen keinen abgesenkten Marktwert, sondern einen amtlichen hohen Wert besaß. Um zu überleben, mussten die Deutschen also nicht zu Kapitalisierungsmaßnahmen greifen; wohl erst in den letzten zwei Jahren änderte sich dies, während das Phänomen der Bestechlichkeit schon früher da war. In den letzten beiden Besatzungsjahren sahen sich die Deutschen – entgegen ihrer offiziellen Selbstsicherheit – gezwungen, ihr Geld in Gold anzulegen. Deshalb waren die Endabnehmer des Goldes, das sich aus der Hand der Juden in die polnische Gesellschaft ergoss, zum großen Teil die Deutschen. Ich spreche hier natürlich nicht von der vereinfachten Kapitalisierung, die darauf beruhte z.B. den Opfern ihre Goldkronen herauszureißen, denn diese „Kapitalisierung“ besaß im deutschen System staatlich-offiziellen Charakter.

Die Fiktion niedriger Preise und niedriger Löhne zog seitens der Machthaber eine weitere Fiktion nach sich, die sich als nützlich für die Gesellschaft selbst, insbesondere die Kaufleute herausstellte. Infolge der offiziellen Maßgabe, dass sich die Preise nicht von denen der Vorkriegszeit unterscheiden durften, konnte man auch nur Vorkriegssteuern erheben. So kam es dazu, dass in einer Zeit, in der die Umsätze und Preise um mehrere dutzend Prozent über denen von 1939 lagen, die Steuern darauf nur minimal wuchsen. Man hätte natürlich höhere Preise anerkennen können, was jedoch zu Gunsten der Fiktion nicht geschah. Warum dies so war, entzieht sich meiner Kenntnis.

Für die gesellschaftliche Moral ist der Umstand, dass sich die Wirtschaft dem Steuersystem quasi entzog von enormer Wichtigkeit. Auf diese Weise wurde schließlich bei den Beteiligten das Bewusstsein ausgeschaltet, ökonomisch-moralisch am Kollektivleben beteiligt zu sein. Die Polen im Generalgouvernement haben schnell gelernt, dass das augenscheinlich so strenge System in diesem Bereich auf einer andauernden Fiktion beruhte. Die Deutschen selbst begannen hingegen, das Loch auf die einfachste Weise zu stopfen: durch Inflation, also den Druck von Papiergeld. Im Verlauf des sich hinziehenden Krieges wuchsen die Bedürfnisse von deutscher Armee und Industrie. Das Generalgouvernement musste dafür nicht nur mit Millionen Zwangsarbeitern bezahlen, die ins Reich transportiert wurden, sondern vor allem mit den leeren Mägen der Einwohner, sprich dem Unterschied zwischen Verdienst und Lebenshaltungskosten, also der versteckten Inflation dieser Jahre. Die scheinbare wirtschaftliche Belebung dieser Jahre lässt sich nicht verstehen ohne die klare Erinnerung daran, dass dies ein Zeitraum der Inflation war mit all ihren kollektivpsychologischen Nebenwirkungen, der künstlichen Lebendigkeit und Erhitzung, der einfachen Geldbeschaffung und der Verachtung dieses aus unklaren Quellen stammenden Geldes. Diese Inflation zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass „wir nicht dafür verantwortlich waren“. Wir waren wie ein Kind, das Wodka zu trinken bekommt und aus Gewohnheit schluckt. Die Folgen dieser Euphorie bezahlen wir heute und wir werden noch lange dafür bezahlen müssen.

Es gab also derartig viele konsequente und inkonsequente Fiktionen im Vorgehen der Deutschen, dass es scheinbar schwer fällt, deren erklärende Ursache zu finden. Tatsächlich ist es jedoch gar nicht schwer, die Ursache zu benennen. Man muss nur von der Annahme ausgehen, dass alles, was seitens der Deutschen im Generalgouvernement geschah, ein Provisorium für die Dauer des Krieges darstellte. Die Deutschen kümmerten sich nur um diejenige wirtschaftlichen Vorgänge, die für sie offensichtlich von Bedeutung waren. Vor allem also die billigen Arbeitskräfte vor Ort und deren Deportation ins Reich nach Bedarf, weiterhin die absolute Verfügungsgewalt über die Industrie, an dritter Stelle dann die landwirtschaftlichen Abgaben zu Gunsten der Armee und der deutschen Verwaltung, was rücksichtslos umgesetzt wurde. Zudem war ihnen die absolute Verfügungsgewalt über die Rohstoffe wichtig, die sich im Generalgouvernement rauben ließen. So erklärt sich beispielsweise die Wald- und Holzpolitik. Alles jedoch, was die genannten Punkte nicht betraf, war den Okkupanten schlicht egal. Aus Prinzip griffen sie zwar ein, aber zurückhaltend.

Auf diese Weise entstand ein Wirtschaftssystem, das in einigen seiner Funktionen in einen fremden Körper integriert wurde, während andere Funktionen in der Luft hingen, aus jeglichem gesellschaftlichen Zusammenhang gelöst wurden. So hing vor allem die natürliche wirtschaftliche Vorsorglichkeit des Menschen in der Luft, die Sorge um das tägliche Leben, mit einem Wort: Die einfachsten psychologischen Motoren des Wirtschaftslebens wurden durch Geringschätzung außer Betrieb gesetzt. Die Einwohner des Generalgouvernements, die erkannten, dass sich die Besatzer in keiner Weise um sie kümmerten, kamen ihrerseits – richtiger Weise! – zu dem Schluss, dass sie von der moralischen Verantwortung am ihnen aufgezwungenen Leben befreit sind. Da sie jedoch bisher aktiv und vorsorglich agiert hatten, gab es etwas auszuschalten. Dieser Mechanismus führte dazu, dass in der Gesellschaft die Überzeugung Raum gewann, dass die eigenen wirtschaftlichen Aktivitäten unabhängig von allem sind, man also mithin tun dürfe, was man wolle. Mehr noch: Die Arbeit als unmoralisch anzusehen, war sogar eine patriotische Verpflichtung. Auf diese Weise entstand in der Psychologie der Gesellschaft ein Konglomerat, das ich für das zentrale psychosoziale Phänomen der Okkupationszeit halte: Die moralisch abgekoppelte Wirtschaft, die abgetrennt war von der staatlich-gesellschaftlichen Gemeinschaft.

Wie sich dies in den einzelnen gesellschaftlichen Klassen ausdrückte, soll im Folgenden untersucht werden.

 

Die Arbeiter

Von Beginn bis zum Ende der Okkupation war zweifellos die Situation der Industriearbeiter die schwierigste. Nur die Spitze der Intelligenz wie beispielsweise Universitätsprofessoren befanden sich in einer ähnlich schwierigen Lage, aber diese Gruppe hatte Helfer, über welche die Arbeiter nicht verfügten. Da den Deutschen an einer hohen Zahl an billigen Arbeitskräften gelegen war, zielten ihre ersten Verordnungen ab auf die rechtliche und faktische Garantierung dieser Arbeitskräfte. Eingeführt wurde also ein breites und unbestimmtes Rechtsprinzip der Arbeitspflicht für alle Polen, das als Grundlage für alle möglichen späteren Verordnungen dienen konnte. Die Arbeiter wurden an ihren Betrieb gebunden durch das Verbot, den Arbeitsplatz zu wechseln. Über das System der Arbeitsbücher wurden die Berufe segregiert. Alle männlichen Arbeiter erhielten ein derartiges Dokument, das in den letzten beiden Jahren sicher genauso wichtig war wie der Geburtsnachweis. Auf diese Weise wurden alle Grundlagen für die rechtliche Unfreiheit der Arbeiter gelegt.

Diese Arbeitspflicht, verbunden mit der Schwierigkeit, akademische Berufe auszuüben bzw. der Unmöglichkeit für die Jugend, normale Mittel- und Hochschulausbildungen zu absolvieren, führte zu Veränderungen innerhalb der Arbeiterschicht, deren Auswirkungen auf die Psyche der Gesamtgesellschaft bislang schwer abzuschätzen sind. Es scheint jedoch so, dass diese Umstände nur wenige positive Auswirkungen für die Nachokkupationszeit gezeitigt hat. Konkret geht es darum, dass nur ein Teil der Menschen, die zur Intelligenz gehören wollten, aber von ihren bisherigen Stellungen auf der gesellschaftlichen Leiter geworfen wurden, es schaffte, sich durch Handel und Spekulation das Privileg zu sichern, nicht physisch arbeiten zu müssen, was als notwendig für den Erhalt der bisherigen Klassenposition galt. Der größere Teil hingegen, der besonders groß war unter der heranwachsenden Jugend in der Provinz, musste letztlich die Arbeiterklasse verstärken, in den Fabriken und Steinbrüchen arbeiten, wodurch sie in täglichen Umgang mit den physisch arbeitenden Menschen kamen.

Alle diese Menschen werden mit der Wiedererlangung der Unabhängigkeit die Reihen des Proletariats verlassen, in denen sie sich für einige Jahre befanden. Gleichwohl werden die Auswirkungen dieser gesellschaftlichen Durchmischung wohl positiv sein, besonders für die Jugend, die zu Beginn des geistigen Erwachsenseins für längere Zeit die Arbeiter und ihr Klassenbewusstsein studieren konnte. Gesellschaftliche Vermischung und Aufstieg von Bauern und Arbeitern stellen zwar ein normales Phänomen dar, indessen gehört die Vermischung durch gesellschaftliche Deklassierung während der Okkupationszeit zu den selteneren Phänomenen, weshalb gerade darauf zu Beginn hingewiesen werden soll. Denn genau in dieser Deklassierung drückt sich das Gesamtvorgehen der Besatzer gegenüber unserem Volk aus: Arbeitern und Bauern wurde jeglicher gesellschaftlicher Aufstieg versperrt, Geistesarbeiter wurden hingegen auf eine niedrigere Position gedrückt als die, welche sie bereits erreicht hatten.

Die polnischen Sklavenarbeiter wären nicht so passiv gewesen, wie sie es aus Notwenigkeit letztlich geworden sind, wenn nicht weitere Gründe dazu geführt hätten, dass das Übel der Arbeit im Generalgouvernement für die Arbeiter das geringere Übel war und deshalb akzeptiert wurde. Wegen der Arbeit als Saisonarbeiter ins Reich zu ziehen, hat, wie alle Migrationsbewegungen aus den südlichen Ländern, auch in Polen eine positive Wertung erfahren. Es war bekannt, dass man zwar einige Monate sehr hart arbeiten musste, dafür aber mit gutem Geld nach Hause kam. Diese Migrationsbewegungen hörten, wie auch alle anderen Migrationsbewegungen, in der Zeit der Unabhängigkeit auf, aber man erinnerte sich an sie und sie stellten so etwas wie ein verkleinertes Photo des Mythos Amerika und der „amerikanischen Verdienstmöglichkeiten“ dar.

Die Deutschen haben in den ersten Monaten der Okkupation diese Anknüpfungsmöglichkeit ziemlich geschickt ausgenutzt: Wir öffnen euch den Weg zu guten Einkünften, wie euren Vätern, fahrt also ins Reich. Die Bedingungen der Geldübermittlung schienen nicht schlecht zu sein, solange noch nicht klar war, wie stark die Preise steigen würden. Erinnernswert ist in diesem Zusammenhang der Witz, an den heute kaum noch jemand denkt: Im Herbst 1939 zahlten die frisch eröffneten deutschen „Arbeitsämter“ jedem Unterstützung aus, der sich als arbeitslos registrieren ließ ohne zu kontrollieren, ob dies tatsächlich der Fall war. In meinem Städtchen bildeten sich deshalb damals Schlangen, wie ich sie später nicht einmal beim Verkauf von Wodka gesehen habe. Der Trick beruhte darauf, dass jeder, der Unterstützung erhielt, einen Zettel zu unterschreiben hatte, auf dessen Rückseite vermerkt war, dass der Inhaber sich bei Aufforderung zur Arbeit ins Reich zu begeben habe.

Diese Vorsichtsmaßnahme erwies sich jedoch sogleich als unnötig. Die ersten Ausreisegruppen entstanden nicht durch Zusammentreibung, sondern bestanden tatsächlich aus Freiwilligen. Sie bildeten sich vor allem aus der armen Landbevölkerung, die angestachelt wurde vom Mythos der Arbeit im Ausland. Die Arbeiter, die politisch bewusster und nicht so vertrauensselig waren, haben sich fast nicht beteiligt bzw. schnell die dort gemachten Erfahrungen verarbeitet. Diese ließen sich einfach zusammenfassen: Es handelt sich nicht um Saisonarbeit wie ehemals. Nicht nur die Rückkehr mit dem Verdienst in der Tasche ist eine Fiktion, sondern auch irgendeine Hilfe für die im Land Zurückgebliebenen. Für Junggesellen war dies zwar kein Problem, wohl aber für Verheiratete. Auch machte die Erfahrung, dass Polen wie Vieh mit aufgeprägtem „P“ außerhalb des Rechts behandelt wurden, schnell die Runde, ebenso wie die, dass die Ausreise zur Arbeit nach Deutschland bedeutet, bis zum Ende des Krieges keine Rückkehrmöglichkeit mehr zu haben. In den Urlaub wurde man aus dem Reich sehr ungern geschickt, wusste man dort doch um die Schwierigkeiten, diejenigen wieder einzufangen, die den Urlaub zur Flucht nutzten. Die bald einsetzenden ständigen Luftangriffe auf das Reich bei gleichzeitiger vollständiger Ruhe am Himmel des Generalgouvernements ließen einen Aufenthalt dort zudem als lebensgefährlich erscheinen.

Im Ergebnis all dieser Umstände kam es schließlich zur einfachen Erkenntnis: Die schlimmste Arbeit im Generalgouvernement ist besser als die Ausreise ins Reich. An Ort und Stelle, im Land, konnte man immer irgendwie dazu verdienen, zur Not darben, während die Ausreise eine Katastrophe darstellte, insbesondere für Familien. Genau dies und nicht etwa die Fürsorglichkeit der Machthaber war der Grund, warum der Arbeitsmarkt im Generalgouvernement nicht nur voll, sondern bis an die Grenze des Absurden überfüllt war. Um eine Arbeitskarte, insbesondere eine gute, die bei Zwangsrekrutierungen anerkannt wurde, wurde gekämpft, um so möglichst stark vor einem Abtransport nach Deutschland geschützt zu sein.

Die Situation entwickelte sich so, dass mit fortschreitender Besatzungsdauer zwar alle gelernt hatten, unter diesen Bedingungen zu existieren, die Drohung des Abtransports ins Reich aber immer mehr zunahm. Die Besatzer mussten zu drakonischen Mitteln greifen, zu Razzien und auf Menschenkontingente, zumal die eigentlich für den Arbeitskräftenachschub zuständige Pumpe, die Arbeitsämter, nicht funktionierte, denn sie war durch Korruption verstopft. Es gab zwar Arbeitsämter, deren Leitungen nach deutschem Maßstab ordentlich arbeiteten und sämtliche abkömmlichen Kräfte verschickten, aber diese machten nur einen geringen Prozentsatz aus. Generell gab es wohl keine käuflichere Institution, die dies zudem kaum kaschierte. Erpressungen mit einer angeblichen Ausreiseverpflichtung, um Lösegeld einzufordern, waren an der Tagsordnung. Gerade während der Massentransporte im Frühling und Sommer zeigte sich dies in Bergen von Gänsen und Würsten sowie einem Meer von Wodka. So kam es schließlich zu der absurden psychologischen Situation, dass der deutsche Betriebschef widerspenstigen Mitarbeitern als letzte Sanktion mit der Verschickung ins Reich drohen musste und dies von Zeit zu Zeit auch als Exempel statuierte.

Die Arbeiter wussten also, dass es sich lohnt, selbst unter den miesesten Bedingungen zu bleiben und nicht zu fahren. Aber wie sollte man leben? Die polnischen Arbeiter haben als Klasse dennoch überlebt, wofür es viele Gründe gibt. Vor allem außerhalb der großen Industrieansiedlungen und Bergwerksgegenden hat sich die hiesige Arbeiterklasse noch nicht abschließend als soziale Klasse herauskristallisiert, sich also noch nicht vom Ackerboden gelöst, um nur von der Lohnarbeit zu leben. Dies trifft besonders auf die Industriegebiete zu, die im Generalgouvernement liegen. Das Proletariat in Lodz und dem Dąbrower Gebiet und in Schlesien hat diese Übergangseigenschaften bereits abgelegt, ist vollständig an die Fabrik und deren Kontrollmechanismen gebunden. In den Gebieten, die im Generalgouvernement verblieben, stehen die Arbeiter hingegen noch zwischen den Vätern vom Lande und dem rein städtischen Proletariat; sie besitzen noch ein Stück Ackerland, in vielen Fällen eine ererbte Hütte. Es gibt zahlreiche Berufe – klassisches Beispiel sind die polnischen Eisenbahner –, die in diesem Übergangsstatus verharren.

Der größte Teil von ihnen musste sich auf eine Art und Weise helfen, die leider negative psychosoziale Folgen gezeitigt hat. Um zu überleben, mussten sie mit jeder Arbeitsmoral brechen. Der gut bezahlte und mit seinem Betrieb verbundene Arbeiter, der auch noch die effektive Kontrolle wahrnimmt, trägt keine Produkte aus seiner Fabrik; der Pförtner verschließt nicht die Augen vor den verdächtig ausgebeulten Taschen. Unter der Besatzung stahlen die Arbeiter und mussten stehlen. Es half keine Kontrolle, keine drohende Gefahr. Man schmuggelte genauso Wodka heraus wie Waffenteile aus den Rüstungsbetrieben. Als, wohl 1943, in der Krakauer Zigarettenfabrik eine unerwartete Kontrolle des Personals angesetzt wurde, färbte sich der ganze Hof innerhalb kürzester Zeit weiß von weggeworfenen Zigarettenschachteln. So konnte niemand bestraft werden, denn alle waren schuldig.

Was sollte jedoch z.B. der Arbeiter eines Steinbruchs hinausschaffen. Wer würde von ihm einen Block Porphyr kaufen? Diese Arbeiter mussten sich in kompliziertere Mechanismen flüchten. Da ich den Krieg in der Nähe einiger großer Steinbrüche verbracht habe, kann ich einige Beispiele dafür anführen. Um zu leben, musste man Handel treiben; um Handel treiben zu können, musste man zwei, drei Tage in der Woche frei haben, aber so, dass man offiziell am Arbeitsplatz war und sich wegen Fehlens nicht einer möglichen Strafdeportation aussetzte. Als weitere Unbekannte dieser Gleichung muss die Norm angeführt werden, die jeder Arbeiter täglich zu erfüllen hatte. Wie löst man diese Gleichung?

Durch vermehrte Arbeit und Verständigung mit dem Aufsichtspersonal „auf dem Platz“ und im Büro. Vier Tage lang ist man am Arbeitsplatz und schafft die Norm für sechs Tage. Aufseher und der Büroangestellte sind instruiert, diese erreichte Norm auf sechs Tage aufzuteilen und die Anwesenheitsliste entsprechend zu führen. Zwei Tage stehen dann zur eigenen Verfügung. Das Aufsichtspersonal manipuliert jedoch nicht umsonst, vielmehr steht ihm eine Belohnung zu, insbesondere den Büroangestellten, die leicht zu kontrollieren sind und täglich anwesend sein müssen. Nicht überall konnte man solche Lösungen arrangieren und deshalb waren diejenigen Betriebe, wo dies die deutschen Kontrollen nicht zuließen, mithin also kein Handel oder Schmuggel möglich war, als Quälanstalten verschrien, gegen die sich die Arbeiter mit Zähnen und Klauen wehrten. In meiner Gegend hatte die Aussage: „Er wurde der IG-Farben zugeteilt“, also dem Steinbruch dieses Konzern, eine ähnliche Bedeutung wie die Auskunft: „Sie haben ihn nach Płaszów geschickt“, also in eines der härtesten Arbeitslager.

Alle Bemühungen der Arbeiter gingen demnach in die Richtung, unrechtmäßig entweder Waren mit großem Handelswert oder Freizeit zu erlangen, die denselben Wert hatten,. Dann ging es darum, die Waren an geeigneten Orten zu verkaufen, zu handeln und zu verdienen. Insbesondere die städtischen Arbeiter gingen so vor. Konnten sie selbst nicht fahren, schickten sie ihre Frauen. Letztlich war dies ein notwendiger Handel aus Armut. Die damit Befassten muss man unterscheiden von den berufsmäßigen Händlern und Vermittlern. Mir ist kein Beispiel eines Arbeiters bekannt, der sich am Handel bereichert und dies in Dollar umgesetzt hätte. Was sie dabei verdienten, setzten sie in Lebensmittel für den Eigenbedarf um. Darüber hinaus war es ihnen kaum möglich, etwas zu verdienen. Das bekannte Bild von der weinenden Frau in einem Warschauer oder Krakauer Vorortzug, der sie in Koluszki oder Miechów fünf Kilogramm Buchweizen und ein Kilogramm Fett „abgenommen“ hatten, die für die Kinder vorgesehen waren, entspricht daher den wirtschaftlichen Gegebenheiten und ist realistisch. Ein Schriftsteller, der jene Zeit darstellen will und es nicht schafft, das Leid, die Entbehrungen und das bittere Los dieser Frauen darzustellen, ihre durchwachten Nächte und Wanderungen durch schlammige Gegenden, schreibt am Thema vorbei. Alleinstehende Männer gab es schließlich in diesem fliegenden Handel mit Ausnahme bandenmäßig organisierter Gruppen selten, denn sie wären leichte Beute für Fänger gewesen. Die Züge waren daher voll mit Frauen – von übergewichtigen Hyänen in Röcken bis hin zu Müttern, für die jene fünf Kilogramm Buchweizen tatsächlich ein ernsthaftes Problem darstellten.

Ich möchte keinesfalls behaupten, dass die psychologische Entwicklung der Arbeiter hinsichtlich ihres ökonomischen Verhaltens während der Okkupationszeit den Regeln entsprechend und moralisch einwandfrei war. Ich sage nur, dass sie mit ihrer Widerstandfähigkeit und Lebensschlauheit alle Prüfungen gemeistert haben. Allein die Psyche selbst hat dabei schweren Schaden gelitten. Wenn dies trotzdem in geringerem Umfang als in anderen gesellschaftlichen Klassen der Fall war, dann deshalb, weil die Arbeiter an diesen Umständen nicht schuld waren. Vielmehr stellte ihr Verhalten eine notwendige Selbstverteidigung gegenüber dem zerstörerischen Arbeitssystem der Besatzer dar. Gleichwohl wurden gewisse Verhaltensweisen dadurch zerstört bzw. degeneriert, vor allem das moralische Verhältnis der Arbeiter zu ihrer Arbeit, denn die Tätigkeit für ein verhasstes System führte dazu, dass sie so wenig und so schlecht wie möglich arbeiteten. Klassisches Beispiel ist hier der Meister in einer Fabrik, der den Ingenieur darauf hinweist, dass die Zeichnung des zu fertigenden Teils fehlerhaft ist und das Teil daher nach der Bearbeitung nicht passen wird. Er erhält zur Antwort: Was geht Euch das an? Macht es so wie die Zeichnung es vorgibt. Beide verrichten also eine Arbeit, von der sie wissen, dass sie schlecht ist.

Das Markenzeichen der Arbeiter während der Okkupation bleibt jedoch das Schneckentempo, was seinen Ausdruck in Zeichnungen an den Fabrikmauern fand. Diese Erfahrung machten die polnischen Arbeiter in einer Zeit, als alle Arbeiter der demokratischen Welt den tiefen Sinn ihrer Anstrengungen und Aufopferung erkannten, die zum Sieg beitrugen, als sie fühlten, dass ihre Arbeit und ihr Mangelleben der Preis sind, den sie für den gemeinsamen Triumph über den Faschismus zahlen mussten. Diese moralisierende und gesund machende Erfahrung fehlte den polnischen Arbeitern. Die moralische Ausschaltung der Wirtschaft aus dem kollektiven Leben vollzog sich bei ihnen mit einer Schärfe, die für die Psyche äußerst schädlich war. Denn wenn die Händler plündern, was das Zeug hält, dann maximalisieren sie lediglich ihre schändliche Funktion im Wirtschaftsleben, wenn die Arbeiter jedoch das Schneckentempo zu ihrer Devise machen, dann stehen sie im Widerspruch zu ihrer Funktion.

Mit solchen Ausgangspositionen aus der Okkupationszeit starten die Arbeiter in die dritte Unabhängigkeit. Trotzdem ist Pessimismus unangebracht, was sich seit den ersten Wochen nach der Befreiung beobachten lässt. Man muss der Arbeit nur ihren Sinn zurückgeben, dann verschwinden auch die schlechten Gewohnheiten. Es ist jedoch noch ein weiter Weg, bis diese Gewohnheiten endgültig verschwinden werden. Davon zeugen die Produktionsziffern, die erschreckend sind, sollten sie dauerhaft so bleiben. Dies wird jedoch nicht der Fall sein, weshalb auf längere Sicht Pessimismus gegenüber den Arbeitern und ihren ererbten schlechten Angewohnheiten fehl am Platze ist.

 

Die Angestellten und Intelligenz

Identisch mit der Situation der Arbeiter war die der Angestellten oder Lehrer, die von der deutschen Verwaltung übernommen wurden. Ähnlich gestaltete sich die wirtschaftspsychologische Lage der Intelligenz, die zur Büroarbeit gezwungen war, anders jedoch die der in den freien Berufen tätigen, also Rechtsanwälte, Ärzte, Apotheker.

Die Geistesarbeiter, die im Büro arbeiten mussten und vor dem Krieg in einem anderen Beruf tätig waren, standen vor dem gleichen Dilemma wie die Arbeiter: entweder sterben aufgrund eines Hungerlohns oder sich irgendwie helfen, ohne die Büroarbeit für die persönliche Sicherheit aufzugeben. Wie es scheint, ist niemand verhungert; viele litten Not, aber die Mehrheit hat sich ganz gut zu helfen gewusst. Auf den städtischen Straßen sah man gut gekleidete Menschen, die Mode wechselte im Laufe der Jahre, die Konditoreien und Vergnügungsorte hatte ihre feste, wenn auch auf die Gesamtbevölkerung bezogen, nicht sehr zahlreiche Kundschaft. Ein oberflächlicher Beobachter konnte zu der Feststellung gelangen, dass im Generalgouvernement im Vergleich zu anderen okkupierten Ländern Wohlstand herrschte. Die dortigen Deutschen schrieben diesen Zustand in ihrer maßlosen Dummheit, Eitelkeit bzw. ihrem Hass der eigenen Politik zu. Unter den Reichsdeutschen, vor allem den weit entfernt wohnenden, herrschte weithin die Überzeugung vor, dass im Gouvernement Milch und Honig fließen würden (umgedrehter Saisonarbeitermythos). Dies war ein schwerer optischer Fehler, doch wer die Straßen der Städte durchschritt, Absatzschuhe wahrnahm, aber die Plakate mit den Namenslisten der Erschossenen nicht verstand, wer mit dem Schnellzug aus Berlin kam und nicht mit den Vorortzügen aus Piaseczno oder Kocmyrzów fuhr, die voller Händler waren, dem war ein solcher Wahrnehmungsfehler vorherbestimmt.

Angestellte und Geistesarbeiter unterliefen die Bedrohung auf die gleiche Weise wie die Arbeiter: durch Handel. Allerdings einen Handel anderen Typs, der nicht so sehr an der Armut und der Deportation entlang schrammte. Dieser Handel beruhte auf einem unglaublich ausgedehnten Vermittlungssystem. Ein derartiges Vermittlungssystem, wie es zur Zeit der Okkupation blühte, ist in einer normal funktionierenden Wirtschaft ausgeschlossen, denn in dem Moment, in dem die Herkunft der Ware und ihre Bestimmung legal sind, braucht man nicht so viele Vermittler. Hier jedoch war beides außerhalb des Rechts angesiedelt. Die Ware stammte in der Regel von einem Deutschen, dem es verboten war, diese zu verkaufen, während der letzte Käufer ein Pole war, der die Ware auf keinen Fall kaufen durfte. Dies ging bis zu solch krassen Fällen wie dem Handel mit Waffen aus deutschen Quellen, der schließlich während der Okkupationszeit blühte und in dem der deutsche Soldat als Verkäufer, der Widerstandskämpfer hingegen als Käufer auftrat.

Eine typische Handelsaktion sah mehr oder weniger so aus: Beim Sonntagstee bei Frau Pensionistin erfährt deren Cousin, Herr Vermittler, Kassierer in der Bank des leichten Gewinns, vom dort zufällig ebenfalls anwesenden Herrn Provision, dass dieser beispielsweise eine größere Ladung, z.B. Kolophonium, zum Verkauf anbietet. Herr Provision merkt sich das, denn im Handel lohnt sich das Merken. Ein paar Tage später erzählt der Angestellte der Transportfirma, Herr Profiteur, an der Kasse, dass er eine größere Partie Kolophonium suche. Herr Vermittler antwortet: „Kann ich bieten.“ Der Preis? Herr Vermittler hat keine Ahnung, also antwortet er: „Es muss jetzt neu ‚kalkuliert‘ werden, rufen Sie morgen an!“ Herr Profiteur braucht das Kolophonium jedoch auch nicht für sich, sondern hat beim Wodka vom Kollegen Schwarzbrenner davon gehört. Gleichwohl rennt er sofort zu diesem und berichtet, dass er übermorgen Kolophonium bekomme. Nun setzt ein zweiseitiger unglaublicher? Ablauf ein: Herr Vermittler sucht über Frau Pensionistin Herrn Provision, der wiederum seinen Deutschen mit dem Kolophonium sucht. Auf der anderen Seite sucht Herr Schwarzbrenner mit der Nachricht von Herrn Profiteur Herrn Schaum, den Seifensieder auf, der das Kolophonium eigentlich braucht. So entsteht die Kette: Quelle der Ware – Herr Provision – Frau Pensionistin – Herr Vermittler – Herr Profiteur – Herr Schwarzbrenner – Herr Schaum – Bestimmung der Ware. Für jeden fällt natürlich etwas ab.

Was heißt dies nun in weniger blumiger Sprache? Angesichts der Illegalität des Handels wurde die dazu nötige Kette ungeheuer verlängert, was bedeutet, dass überproportional viele Menschen davon lebten. Um ein kleines Stück Material, dass ein normaler Vorkriegshund mit Zähnen hätte transportieren können, trampelten nun hunderte Ameisen mühevoll herum und natürlich musste es ihnen scheinen, dass sie überaus aktiv sind. Schließlich lebten die Ameisen tatsächlich davon, denn vom erhöhten Normalpreis, zu dem der Deutsche verkaufte bis zum tatsächlich erreichten Marktwert war viel Raum, der tatsächlich die Beteiligung vieler Ameisen zuließ. Daher handelten in den Büros und Ämtern alle. Die Büros dienten lediglich als Treffpunkt, von dem aus sich ständig jemand aufmachte, um eine Transaktion in der Stadt abzuschließen. Die Telefone in den Ämtern dienten Tausenden Vermittlern, deren Umsätze und Verdienste kein Kontrollapparat erfassen konnte. Dies schuf, bei gleichzeitiger inflationärer Verfügbarkeit des Geldes, die Illusion einer großen wirtschaftlichen Belebung und viele Ameisen in den Büros schauten nach der Befreiung mit Bedauern auf die zurückliegenden Monate, als es so viel Bewegung gab.

Die Zwischenhändler in der Okkupationszeit waren Offiziere, die nicht in Gefangenschaft waren, Ingenieure, für die es sich nicht lohnte, in der Fabrik zu arbeiten, Ehefrauen von Professoren, deren Männer nicht das nötige Talent für den Handel besaßen, der Schriftsteller, der dieses Talent in sich entdeckt hatte, der verhinderte Abiturient, der mit Briefmarken begann und schnell merkte, dass es sich nicht lohnt zu lernen, die Schreibkraft aus dem Büro und der Kassierer aus der Bank, die Bibliothekarin aus einer großen Bibliothek und der Hausmeister aus dem Amt – alle möglichen menschlichen Typen, zusammengewürfelt auf phantastische Weise. Auch dies kann ich zukünftigen Romanschriftstellern als Thema nur ans Herz legen.

Nur einige wenige freie Berufe, insbesondere Ärzte und Apotheker, konnten normal von ihrer Arbeit leben. Diese Berufe galten als besonders wertvoll, denn neben den bedeutenden Einnahmen schützten diese – außer im Gebiet von Lublin – vor Razzien und Deportation. (Anmerkung aus dem Jahr 1948: Hierin muss man wohl den Grund für den massiven Ansturm auf die Studienrichtungen Medizin, Zahnmedizin und Pharmazie nach dem Krieg sehen.) Der Rest der Intelligenzschicht sank unter das Existenzminimum, verkaufte alles und verarmte oder lebte durch irgendein sich wiederholendes Wunder weiter. Keinen geringen Anteil an diesem Wunder hatten die schwedischen, türkischen oder portugiesischen Pakete. Kaffee, Tee, Sardinen aus diesen Paketen wanderten in die Bäuche der Neureichen und spielten eine entscheidende Rolle in der Budgetplanung vieler Familien der Intelligenz. Hinzu kamen bedeutende Summen, die – insbesondere in Warschau – von der Exilregierung ins Land gepumpt und für die unterschiedlichsten Ziele ausgegeben wurden. Ich nenne diese Quellen ein permanentes Wunder, denn ihr Funktionieren hing von der gnädigen Laune der Besatzer ab, die sich jeden Moment ändern konnte. Es steht schließlich nicht zu vermuten, dass die Deutschen nicht wussten, dass die Feigen und Mandeln aus Portugal die Verbindung zwischen den Westemigranten und dem Heimatland waren.

Unter allen Typen des Vermittlerwesens der Besatzungszeit nahm der Handel mit Valuta und Preziosen eine besondere Rang ein, denn es handelte sich dabei um eine Tätigkeit, die spezielle Fähigkeiten erforderte: Man muss den Markt richtig einschätzen, den richtigen Verkaufsmoment abpassen sowie die Psyche des Klienten bewerten können. Fähigkeiten also, die am ehesten beim Glücksspiel erforderlich sind, etwa dem Pokern mit verdeckten Karten. Spekulation in Reinstform also, bei der es um mathematisches Abwägen zwischen Risiko und Gewinn geht. An Valuta und Preziosen fehlte es während der Okkupation nicht; sie flossen aus verschiedenen Quellen: Klassenverschiebungen innerhalb der polnischen Gesellschaft, die Tragödie der Juden, ausländische Unterstützung für die konspirative Arbeit. Und obwohl dieser Handel streng verboten war, führte die enorme Verdienstmöglichkeit, die hohe Marge, die Mischung aus „harten“ und „weichen“ Faktoren, die nur durch Flüstern von Tisch zu Tisch erreicht werden konnte, zur täglichen Anwesenheit auf dem Vermittlermarkt im Generalgouvernement.

Wenn schon von Valuta die Rede ist, muss noch an eine andere harte Währung erinnert werden. Es gab viele Gründe, warum unter den Angestellten, der Intelligenz und den neuen Händlern die Frauen eine sehr aktive Rolle spielten. Sie handelten selbst, vermittelten selbst, erledigten für ihre Ehemänner und Familien die Geschäfte, wurden zu den Deutschen geschickt, insbesondere in den Pausen, während deren Aufenthalten in den Restaurants. Die Frauen, die sich in solchen Situationen zurechtfinden mussten, nahmen sehr schnell wahr, dass ihr eigener Körper eine weitere Währung im Geschäftsbetrieb darstellte. Selbst wenn sie während der Okkupation Kellnerin wurde, wusste die städtische Frau, dass sie das Recht, in einer Schürze herumrennen zu dürfen, vor allem ihrem Körper verdankte. Klar ist natürlich, dass eine gute Händlerin nicht bei jeder Gelegenheit und für jeden Mist mit dieser Währung zahlen wollte, aber sie lernte schnell, ihr Lächeln und den Umriss ihrer Waden als Groschen für kleine Ausgaben zu nutzen, bei Bedarf aber auch auf andere Reize zurückzugreifen, die auf dem männlichen Markt höher bewertet wurden. Dadurch kam es natürlich häufig zur Aufregung der Moralisten, die über den Verfall der Sitten wetterten, wie es in jedem Krieg der Fall ist. Leider fragen die Moralisten üblicherweise nicht, warum und aus welchen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gründen die Moral verfiel, also werden wir ihnen dabei helfen.

Auf diese Weise gelangt man schon zur zweiten gesellschaftlichen Schicht, bei der die Lebensnotwendigkeiten dazu führten, dass ihre eigentliche Funktion durch den Polypen des fliegenden Handels und des Vermittlerwesens angegriffen wurde. Die Bürokratie existiert eigentlich dafür, dem kollektiven Leben eine Kontrolle aufzusetzen, die individuellen Prozesse in ein allgemeines System einzubinden. Die Unterbrechung dieser Verbindung, welche das Wirtschaftsverhalten des Generalgouvernements auszeichnete, hat nirgends krassere und für das normale Leben verheerendere Formen angenommen als eben in der Tätigkeit des amtlichen Kontrollapparates. Dies betraf vor allem die Finanz- und Steuerämter.

Es ist bekannt, dass bis 1939 die Finanzämter der Schrecken für Kaufleute und Industrielle waren. Sie warfen mit Steuerforderungen um sich und es war schwierig, sie zufrieden zu stellen. Seit der Okkupation gab es hingegen keine größere Idylle als die zwischen Steuerzahlern und Finanzamt. Dieser paradiesische Zustand beruhte darauf, dass beide Seiten – die Steuerzahler sowie die Steuern eintreibenden Beamten – gleich stark an der gemeinsamen Aufrechterhaltung der Fiktion interessiert waren, als die angesichts der tatsächlichen Einnahmen die Höhe der Steuern bezeichnet werden muss. Die Steuerzahler waren daran aus den einfachsten Gründen interessiert: Sie möchten immer so wenig wie möglich bezahlen. Die Steuerbeamten waren hingegen daran interessiert, weil sie mit ihren Familie dadurch überlebten, dass sie die Steuerpflichtigen nicht bei der Pflege der Fiktion störten, sondern sie bei deren legaler Aufrechterhaltung berieten, also bei der Steuervermeidung. Dafür erhielten sie Mehl, Wurst und Wodka und mussten sich keine Gedanken darüber machen, wie sie Feiertagsessen und den Namenstag der Gattin finanzieren sollten. Alle zusammen hatten zudem ein reines Gewissen hinsichtlich ihres Vorgehens: Gemeinsam betrogen sie schließlich die Deutschen. Die Einen verdienten über die Maßen, die Anderen lebten anständig. Sie hatten nur vergessen, dass ihr Handeln den Deutschen schlicht egal war, denn wenn die Steuereinnahmen zu gering ausfielen, wurde einfach die Druckmaschine angeworfen, die dann schöne Banknoten mit Köpfen von Goralen auswarf.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das wirtschaftspsychologische Verhalten der Intelligenz während der Okkupation einer wesentlichen Degeneration unterlag. Diese wurde weniger unmittelbar hervorgerufen durch die drohende Armut, wie es bei den Arbeitern der Fall war. Genauer gesagt war diese Bedrohung nur der Auslöser, der alsbald zur eigenständigen Angewohnheit wurde. Als solche ist sie bedrohlich und beharrlich, insbesondere, wenn es um die staatliche Kontrolle der Steuerzahler geht. Diesem Apparat muss man deshalb seine eigentliche Funktion von Neuem beibringen. Auch der verbleibende Teil der Intelligenz hat keine positiven Eigenschaften aus der Besatzungszeit übernommen, selbst wenn er auf die Positionen zurückgekehrt ist, von denen ihn die Deutschen vertrieben hatten. Dies gilt solange wie die Bedingungen dafür andauern, also das Auseinanderdriften von Verdienst und tatsächlichen Bedürfnissen anhält, was die Versuchung nur größer macht. Nur der Polyp namens Vermittlerwesen trocknet heute aus und demnächst wird er nur noch Erinnerungsstaub sein.

 

Die Juden und der polnische Handel

Eine zentrale psychosoziale Tatsache der Okkupationsjahre bildet zweifellos das Verschwinden der Millionen von Juden aus dem Vermittlungswesen und dem Handel., Zählt man heute die wenigen Überlebenden und auch die Folgen so ist dieses Verschwinden endgültig unumkehrbar. Weniger endgültig, aber genauso wichtig ist der Versuch, den freigewordenen Platz passiv und automatisch mit Polen auszufüllen. Ich nenne diese Übernahme passiv und automatisch, weil der gesamte Prozess, kurz und brutal gesagt, folgendes Bild bot: An die Stelle der Ungetauften traten die Getauften, aber mit der ganzen ekelhaften Verhaltensweise von Schwindlern, Straßenhändlern und Ausbeutern, einer Verhaltensweise, die an die gesellschaftliche Funktion gebunden war und nicht an die nationale Zugehörigkeit. Die ganze Freude des polnischen „dritten Standes“ lässt sich de facto auf diese Hoffnung zurückführen: Es gibt keine Juden mehr, also übernehmen wir ihre Stellung ohne irgendetwas zu ändern, also mit allen schlechten Angewohnheiten, welche die nationalen Moralisten als typisch für die jüdische Psyche erachtet hatten. Jetzt ist das Ganze eben hübsch und tabu.

Weil dieses ökonomische Verhalten während der Besatzungszeit tatsächlich eine zentrale Rolle spielte, muss es auf das Genaueste untersucht werden, wenn es die moralische Gesundheit des Volkes nicht belasten soll.

Deutlicher gesagt: Das Unglück des polnischen Wirtschaftslebens war nicht, dass überall, vom Marktstand bis zur größten Bank, die Juden den Ton angaben. Das Unglück beruhte darauf, dass bei uns die Wirtschafts- und Handelsprozesse aus dem, moralisch betrachteten, Geflecht des Staatslebens ausgeklammert waren. Kontakt gab es nur über die Steuerzahlungen, ansonsten galt das Ganze als von Gaunerei und Bestechung durchsetzt. Die Kleinbürger und Judenfeinde erklärten, dass dies eben die Schuld der Juden sei, dass der nationalbewusste polnische Kaufmann etc. – das alte Lied. Die Besatzung hat gezeigt, dass es sich genau umgekehrt verhielt: Die Juden wurden ausgeschaltet, wodurch endlich die „nationalen“ Kaufleute zum Zuge kamen. Hat sich dadurch etwas geändert? Herausgestellt hat sich, dass nicht die Gruppen- und Nationalpsychologie ausschlaggebend sind, sondern die Verfasstheit der wirtschaftlichen Basis im Gesamtsystem. Sofern in Folge der spezifischen deutschen Politik das Handelsleben von der gesellschaftlichen Verantwortung abgekoppelt wurde, sofern dieses Handelsleben als privater Futterplatz der Besitzer, als ihr Reservat für individuelle Beutezüge außerhalb des Rampenlichts diente, musste sich die Verhaltensweise derjenigen Schicht, die diesen Futterplatz übernahm, sofort an die Verhaltensweise der von den Besatzern zerstörten Schicht anpassen. Denn der Handel galt auch vor dem Krieg, aus anderen Gründen, als eine verspätete Form des Wirtschaftsliberalismus, als Futterplatz eben. Es ist bekannt, dass zu den Knochen immer die Hyänen streben, niemals die Löwen.

Die gewichtigere Frage ist jedoch, ob die Form, in der sich diese Eliminierung vollzog und die Art und Weise, wie die Gesellschaft sie ausnutzte und weiterhin ausnutzt, moralisch war und sachlich annehmbar? Und auch wenn ich nur für mich antworten würde und niemanden finden könnte, der mir beipflichtet, wird meine wiederholte Antwort sein: nein, hundertmal nein. Die Form und die damit verbundenen Hoffnungen waren schändlich, demoralisierend und niedrig. Die wirtschaftlich-moralische Haltung der durchschnittlichen Polen angesichts der Tragödie der Juden sah kurz gefasst so aus: Die Deutschen haben mit der Ermordung der Juden ein Verbrechen begangen. Wir hätten das nicht getan. Die Strafe für dieses Verbrechen müssen die Deutschen tragen, denn sie haben ihr Gewissen befleckt. Wir aber haben davon schon jetzt nur Vorteile und werden in Zukunft nur Vorteile haben, ohne unser Gewissen zu belasten und uns die Hände mit Blut zu beflecken. Es fällt schwer, eine ekelhafteres Beispiel für das Moralverständnis der polnischen Gesellschaft zu finden als dieses. Die Dummen, die weiterhin so denken, sollten sich daran erinnern, dass die Ausrottung der Juden nur die erste Etappe der Säuberung des „Weichselraumes“ war, nach der die Reihe an die Polen kommen sollte.

Es wiederholte sich damit, nur diesmal in größerem Rahmen und rein psychologisch gesehen, eine Situation, die schon einmal in der jüngsten Geschichte Polens stattgegefunden hat – der „moralische Schluckauf“, der von der Besetzung des Olsagebiets ausgelöst wurde und den niemand treffender als Churchill beschrieben hat: „Aus dem Tornister des deutschen Soldaten, der die Sudeten besetzte, hat Polen das Olsagebiet herausgezogen.“ Dieses Mal hat der polnische Ladenbesitzer unter dem Richtschwert des deutschen Henkers, der ein in der Geschichte bisher ungesehenes Verbrechen vollzog, seinem jüdischen Konkurrenten Schlüssel und Kasse aus der Tasche gezogen, wobei er der Ansicht war, äußerst moralisch gehandelt zu haben. Für die Deutschen Schuld und Verbrechen, für die Polen Schlüssel und Kasse. Der Ladenbesitzer hat jedoch vergessen, dass die „rechtskonforme“ Ausrottung eines ganzen Volkes nur das Fragment eines bisher beispiellosen Prozesses ist, den die Geschichte sicher nicht dafür inszeniert hat, damit sich das Schild über irgendeinem Laden ändert.

Die Art und Weise, in der die Deutschen die Juden liquidiert haben, fällt auf sie zurück. Die Reaktion auf dieses Verbrechen belastet jedoch das Gewissen der Polen. Ein der Leiche entrissener Goldzahn wird auch dann noch bluten, wenn sich niemand mehr an seine Herkunft erinnert. Deswegen darf man nicht erlauben, dass diese Reaktion vergessen oder fixiert wird, denn in ihr ist ein Hauch kleingeistiger Nekrophilie enthalten. Einfacher gesagt: Wenn das Verschwinden der Juden aus dem polnischen Wirtschaftsleben eine Tatsache ist, dann darf dies trotzdem nicht dazu führen, dass eine Schicht getaufter Ladenbesitzer daraus Vorteile zieht. Das Recht, daraus Vorteile zu ziehen, besitzen das gesamte Volk und der Staat. An die Stelle des liquidierten jüdischen Handels darf also nicht ein strukturell und psychologisch identischer polnischer Handel treten, denn dann hätte dieser ganze Prozess nicht den geringsten Sinn gehabt. Während des Provisoriums der Okkupation ist es jedoch dazu gekommen und es wurde angenommen, dass dies für alle Ewigkeit geschehen sei. Von Feststellungen, dass der „nationale Handel“ anders aussieht nach dieser kurzen Erfahrung und der Ersetzung der Nichtgetauften durch Getaufte sollte sich allerdings niemand täuschen lassen.

Kehren wir jedoch zur Okkupation zurück. Wurde diese außergewöhnliche Konjunktur vom polnischen Handel ausgenutzt? Ist der Typ eines wahrhaft unternehmerischen Kaufmanns mit erweitertem Horizont entstanden? Ich meine nicht und will nachweisen, warum er unter den speziellen Bedingungen der Okkupation nicht entstehen konnte. In der Gestalt des Kaufmanns hätten sich in diesen Jahren zwei zueinander im Widerspruch stehende Phänomene verbinden müssen: Risikobereitschaft und ausreichende Trägheit.

Zweifellos mussten die Kaufleute, um die amtlichen Vorschriften zu umgehen, ständige Risikobereitschaft zeigen. Der glückliche Ausgang ihrer Unternehmungen hing meistens von den Launen der Machthaber ab. Die größten Nummern gingen glatt über die Bühne, dagegen konnte man wegen Kleinigkeiten reinfallen, wenn die Verwaltung plötzlich Strenge zeigen wollte. Das Risiko wurde jedoch verringert durch die seit dem ersten Okkupationsjahr immer wieder verifizierte Tatsache, dass Geld in der Hinterhand immer die Rettung bringt. Das unternehmerische Risiko verhielt sich umgekehrt proportional zum verfügbaren Kapital: Der frisch gebackene Händler, der beim Handeln mit Tabak oder Speck erwischt wurde, wanderte, wenn er kein Glück hatte, in der Regel ins Lager, währenddessen der Großhändler, der ganze Wagonladungen aus „durchgelassenen“ Armeelieferungen verschob, imprägniert war vor der Gefahr allein durch die Größe der Unternehmung sowie natürlich durch die Anzahl der verschwiegenen Interessierten.

Das Risiko, das formal so groß war, dass die mit diesem Zustand nicht Vertrauten heute fragen, wie man überhaupt Handel treiben konnte im Generalgouvernement, war in der Praxis deutlich geringer. Wichtiger war jedoch noch der Umstand, dass dieses Risiko nicht den vermutbaren Einfluss auf die Psyche der Kaufleute hatte, denn es handelte sich schließlich nicht um ein schöpferisches Risiko, keinerlei Kampf mit echten Gefahren, wie man sie an den historischen Ursprüngen der großen Handelsnationen des Westens findet. Die Fähigkeit zu Initiative und Unternehmertum war also während der Okkupation nichts Erhabenes, sondern sie drückte sich in den Niederungen des Bestechungswesens herum, wo man die Geschäfte im beiderseitigen Bewusstsein von Schiebereien und Diebstahl begoss. Es war dies also die Wiederbelebung des Klein- und Mittelbürgertums in einer Epoche, in der man bereits sehr gut wusste, dass die liberalen Handelsformen der Vergangenheit angehören und durch andere Formen ersetzt werden: Genossenschaften und staatliche Regulierung. Es ist dies nicht das einzige Beispiel des plötzlichen Aufblühens einer bestimmten Wirtschaftsform zu einer Zeit, da diese in der allgemeinen Dialektik bereits der Vergangenheit angehört – weder zur Zeit der Okkupation noch in der sonstigen polnischen Geschichte. Als zweites ähnliches Beispiel lässt sich die Stellung des Großgrundbesitzes anführen.

Ausreichende Trägheit war die zweite Eigenschaft, welche die möglichen Folgen eines erhöhten Risikos positiv hätte aufheben können. In den Jahren der Okkupation konnten sich die Kaufleute aus vielerlei Gründen träge verhalten, was im Widerspruch zur eigentlichen Haltung von Händlern steht. Vor allem die Erfahrung lehrte sie schnell, dass man besser abseits sitzt und nicht die Initiative ergreift, denn dann fallen nur die kleinen Schieber den Ämtern und Aufsichtsorganen ins Auge. Die kaufmännische Vorsicht verbannte die Hauptgegenstände des Handels unter die Ladentheke, ins Hinterzimmer, zur Erledigung außerhalb des Geschäfts. Die Trägheit wurde jedoch noch durch andere Umstände vergrößert: die Konkurrenz der Juden fiel praktisch automatisch weg. Ein derartiges Geschenk lässt niemanden Anstrengungen unternehmen, wie immer, wenn einem etwas ohne Anstrengungen zufällt.

Das letzte Motiv für die Trägheit war das am meisten demoralisierende und je näher die Befreiung rückte, desto stärker wurde es. Es handelte sich um die mit den Jahren wachsende Kluft zwischen dem Preis, für den die Kaufleute ihre Ware erhielten und dem Preis, zu dem sie diese verkaufen konnten. Wenn sie darüber hinaus ihre Ware – Wodka oder Zigaretten – zum offiziellen Preis erhielten, wurde der daraus durch reine Trägheit erzielte Gewinn zu etwas geradezu Phantastischem. Der Wodka, dessen Zuteilungspreis bei einigen dutzend Złoty lag, konnte „in Gläsern“ 500-600 Złoty erbringen. Ein Kubikmeter Bretter für um die 150 Złoty brachte im Verkauf gut und gerne über 1 000 Złoty usw. Natürlich konnte dieser Trägheitsgewinn, der allein auf dem reinen Besitz der Ware beruhte, nur erzielt werden, wenn man die Ware reichlich und zu amtlichen Preisen erhielt. Dies hing wiederum von guten Beziehungen zu den Deutschen ab. Die gemeinsamen Interessen mit ihnen waren am meisten risiko- und trägheitsbehaftet. Eine Ladung Waren, zur rechten Zeit platziert und mit entsprechendem Gewinn verkauft, erlaubte es, sich für geraume Zeit ins Hinterzimmer des Ladens zurückziehen zu können, um auf eine neue Beutemöglichkeit zu warten. Dieses gemütliche Hinterzimmer konnte zudem mit neuen Möbeln und schlechten Gemälden ausgestattet, die Speisekammer aufgefüllt werden ... Dies war also kein Handel, sondern ein Sprung nach der Beute, verbunden mit einem satten Schnurren in den dazwischenliegenden Pausen.

Will man die bisherige Analyse kurz zusammenfassen, so ließe sich sagen, dass nicht einer der Gründe, die der polnischen Kaufmannschaft während der Okkupationszeit eine außergewöhnliche Stellung einräumten, fortschrittlich oder dauerhaft gewesen wäre. Ihre gute Aufstellung verdankte die Kaufmannschaft einer vorläufigen und fruchtbaren Laune der Okkupanten. Diese Laune verlor mit dem Moment des Sieges sofort ihre Bedeutung und nur die Neigung zum Selbstbetrug führte dazu, dass die verlassenen Geschäfte keine Aufschriften trugen wie in Gdynia, Poznań oder Łódź: reserviert für Frontsoldaten. Das Vertrauen, mit dem die polnischen Händler den Okkupanten deren gnädige Laune vergalt, war erstaunlich kurzsichtig und zeugt davon, dass es den durchschnittlichen Städtern am deutlichsten an gesellschaftlichem und nationalem Vorstellungsvermögen fehlte. Die Kenntnis der Verhältnisse im Reich, wo der polnische Kaufmannsstand völlig liquidiert worden ist, was für niemanden ein Geheimnis darstellte, hätte ihm eigentlich die Augen öffnen müssen, wie es durch den Vergleich bei den Bauern der Fall war. Den Städtern reichte es für ihre Lebenssicherheit, dass sie noch handeln durften, während nur wenige dutzend Kilometer weiter kein Pole mehr dazu in der Lage war.

Auch die Verbindung von Risiko und Trägheit erbrachte keine dauerhaften und bewahrungswürdigen Ergebnisse, denn es ist dies eher ein für die Spekulation typischer psychologischer Zustand, während sich der wahre Handel durch große Umsätze und kleine Gewinne auszeichnet. Dieser Zustand der Spekulation erzeugte bestimmte wirtschaftspsychologische Dispositionen, deren Zeuge wir weiterhin sind. Die Kaufleute sind daran gewöhnt, dass ihr tatsächlicher Umsatz und Gewinn sich jeder Kontrolle entziehen. Dies müssen sie sich erst abgewöhnen, genauso wie sie vergessen müssen, dass die Ware ihnen sofortigen Gewinn bringt, ohne dass sie sich groß um die Kundschaft bemühen müssen. Mit einem Wort: Wenn in der neuen polnischen Gesellschaft neben anderen, mehr vergesellschaften Formen des Handels auch die Privatkaufleute der Okkupationszeit ihren Platz bewahren wollen, müssen sie ihr leichtes Leben aus diesen Jahren vergessen.

 

Die Bauern

Die wirtschaftliche Verhaltensweise der Bauern zur Zeit der Okkupation ist die paradoxeste Erscheinung unter allen Einflüssen der Okkupation auf das Bewusstsein der unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten. Sie ist deshalb so paradox, weil die Fakten, wenn nur sie entscheidend gewesen wären, eigentlich andere psychosoziale Haltungen hätten bewirken müssen, als die, welche sich bei den Bauern des Generalgouvernements beobachten lassen. Den Bauern ging es wirtschaftlich so gut, wie zu keinem Zeitpunkt in der Zwischenkriegszeit. Der Preissprung bei Landwirtschaftsprodukten, der mit der Okkupation einsetzte, war grundlegend und andauernd, obwohl er sich langsam vollzog. Die Bauern begannen deshalb wie nie zuvor in ihre Höfe zu investieren. Was deshalb im Winter 1939/40 zuerst vom Markt verschwand, waren landwirtschaftliche Geräte und Maschinen. Die Deutschen erleichterten in ihrem Interesse den Fortschrift in der landwirtschaftlichen Produktion, so dass in den Dörfern mehr produziert wurde als vor dem Krieg, wobei das rücksichtslos betriebene Kontingentsystem – mit Ausnahme des Viehbestands, insbesondere in den letzten beiden Jahren – nicht zerstörerisch wirkte. Den Bauern verblieb nach der Ablieferung ihres Kontingents genug für die Aussaat, für besseres Essen als vor dem Krieg sowie für den Handel. Mit einem Wort: Alles in dieser Situation hätte zu einer positiven Einstellung der Bauern gegenüber den Okkupanten führen müssen.

Es passierte jedoch genau das Gegenteil. Die Dorfbevölkerung erlangte ein politisches Bewusstsein, konsolidierte sich national und misstraute den Okkupanten genauso heftig wie die Arbeiter, wobei Letztere wirtschaftliche Gründe für ihre Haltung hatten. Die Dörfer wurden zum Geburtsort des politischen Widerstands und keine noch so harten Repressionen, wie etwa im Lubliner Gebiet, konnten diesen eindämmen. Ist hier etwa der Fall eingetreten, dass die Verhaltensweise der Dorfbewohner im Widerspruch zur wirtschaftlichen Lage stand, sich also völlig unvorhersehbar gestaltete? Gewiss nicht, nur müssen die Verbindungen zwischen den wirtschaftlichen Grundlagen und deren psychosozialen Auswirkungen als äußerst kompliziert angesehen werden, was zu einer möglichst genauen Analyse auffordert.

Wie sahen die Fakten zur Jahreswende 1939/40 aus. Auf die Niederlage des der Dorfbevölkerung verhassten OZON-Systems.[1] eine Niederlage, die das Klassenbewusstsein der Bauern generell auf die Stadt, die Bürokratie und die städtische Intelligenz ausweitete, reagierte die Dorfbevölkerung mit typischer Schadenfreude. In der Bauernsprache: So viel Klugscheißerei habt ihr Herrschaften betrieben und seid im Ergebnis nur genauso viel in den Hintern getreten worden. Gleichzeitig gingen die Preise für landwirtschaftliche Produkte in die Höhe, während die Deutschen im ersten Herbst und der ersten Vorerntezeit des Krieges keine Kontingente einforderten. Die Reaktion der Bauern, die ich aus vielen Mündern vernommen habe, kann hier wörtlich wiedergegeben werden: „Endlich scheint für uns die Sonne, zwanzig Jahre mussten wir warten, aber wir erleben es noch.“ Diese Aussagen sollten uns nicht verwundern oder erbosen: Die Bauern, die seit der Krise von ca. 1930 an unterhalb der Rentabilität ihrer Höfe arbeiteten, konnten nun endlich mit Gewinn wirtschaften. Die Niederlage des verhassten politischen Systems, für die Bauern ein verspäteter politischer Triumph, verband sich mit der lang erwarteten wirtschaftlichen Genugtuung.

Wundern muss man sich über jemand anderen: die Deutschen. Sie verstanden es nicht, die kurze Konjunktur auf dem Lande, die bereits im Herbst 1940 nicht mehr bestand, für die Spaltung der polnischen Gesellschaft auszunutzen. Jeder, der im Herbst und Winter 1939/40 die Situation in den polnischen Dörfern beobachtete, der auf die Gespräche hörte, die nicht für ihn bestimmt waren bzw. sich nicht an Intellektuelle richteten, musste das Zittern kriegen bei dem Gedanken, dass die Deutschen das Eisen schmieden könnten, solange es heiß ist. Das Material des wirtschaftlichen Erfolgs und das Feuer der politischen Enttäuschung standen auf dem Lande bereit. Es fehlte nur der Schmied. Der kam jedoch nicht. Oder anders ausgedrückt: Er kam zwar, aber statt das Eisen zu schmieden, schlug er den bei der Schmiede versammelten Bauern „den Hammer in die Fresse“.

Es konnte auch nicht anders kommen. Ein System, das sich mit den Federn (aber solchen aus Tirol) des sozialen Fortschritts schmückte, ein System, das in Wirklichkeit jedoch rückwärtsgewandt war und die gesamte Entwicklung der Welt auf den darwinistischen Kampf von Nationalismen zurückführte, konnte gar keine ideologischen Instrumente besitzen, zu denen es in einer Situation hätte greifen können, die so schwierig war und große Umsicht sowie psychologisches Feingefühl für die Veränderungen bei den Besiegten erforderte. In den Schemata der sozialen Dummheit des Hitlerismus gab es keinen Platz für solche Handlungen. Das polnische Dorf war für die Deutschen einfach zu dreckig, die Bauern zu arm, als dass sie gerade von dort kollektive Veränderungen mit politischen Auswirkungen erwartet hätten. Die Deutschen waren im Übrigen der Auffassung, dass das Denken abhängig ist von der Menge der verwendeten Seife. Sie kamen nicht auf die Idee, dass man sein ganzes Leben ohne heiße Dusche verbringen konnte, aber trotzdem denken und sich erinnern konnte. Die Vorgänge, die ihnen im ungewaschenen polnischen Dorf ein hervorragendes Ansehen verschaffte, nahmen sie gar nicht wahr. Selbst wenn irgendwelche Echos zu ihnen drangen, probierten sie nur, diese nach dem Muster des siegreichen Nationalismus gegen einen anderen Nationalismus auszuspielen. Als Beispiel für diesen hochgradigen Idiotismus mag hier die Deklaration des „Goralenvolkes“ dienen, dessen „Führer“, der später gehängte Wacław Krzeptowski, am Jahrestag der FIS-Skimeisterschaften[2] zusammen mit Heinrich Himmler auf einem Foto verewigt wurde. Gleichzeitig konnte man nachlesen, dass die Bewohner von Łowicz einen eigenen Stamm bilden, denn sie tragen traditionelle gestreifte Kleidung. Ein populärer Witz der Besatzungszeit nahm die mikromanischen Nationalismus so aufs Korn: Es gibt einen ganz neuen polnischen Stamm – die Fornalen [poln. für Stallknechte; Anm. des Übersetzers].

Statt also die Konjunktur für sich auszunutzen, begannen die Deutschen sie mit ihrem wirtschaftlichen und politischen Vorgehen zu zerstören. Die ersten Bemühungen in diese Richtung waren hier nicht ökonomischer Natur, sondern psychologischer. Dass die Deutschen nie gute Psychologen waren, obwohl sie die weltweit meisten Traktate dazu verfasst haben, um mit tödlichem Ernst zu erklären, wann der „Wille“ in sein „Selbstdasein“ [beide Begriffe im Original deutsch; Anm. des Übersetzers] übergeht, ist allgemein bekannt. Zu wenig wird jedoch darauf eingegangen, wann sie von der ihnen angeborenen psychologischen Stumpfheit gegenüber Schwächeren geleitet werden. Die Deutschen, die herrschen, merken in der Erhabenheit ihrer Macht gar nicht, ob sich bei den von ihnen Beherrschten etwas tut. Je mehr sie herrschen, desto weniger bemerken sie.

Die polnischen Bauern schienen den Deutschen das ideale Objekt für solches Herrschen zu sein. Ihre Geduld wurde als Einverständnis mit allem und jedem gewertet. Schweigsamkeit und Misstrauen der Bauern, die immer erst die Gegenseite reden lassen, bevor sie sich selbst äußern, wurde als Fehlen jeglicher Meinung gedeutet. Die arbeitsame unerschöpfliche Ausdauer auf dem eigenen Grund und Boden wurde als viehartige Fähigkeit zu jeder Schwerstarbeit interpretiert. Mit einem Wort: Den Deutschen reichte der Anschein aus, sie erkannten nicht die wahre Natur der hiesigen Bauern, vor allem nicht ihr langes Gedächtnis. Das schweigende und konzentrierte Erinnern an das erlittene Unrecht, vor allem das wirtschaftliche.

Sie erkannten darüber hinaus nicht, dass diese schweigsamen Sonderlinge die eigene Persönlichkeit genauso hoch schätzen, wie der städtische Intellektuelle oder der adlige Nachbar. Wie durch einen fehlgeleiteten Instinkt verletzten die Deutschen gerade diese beiden Eigenschaften der Bauern – dass sie nachtragend sind und sich wichtig nehmen. Der Schmied, polierte ihnen also im wahrsten Sinne des Wortes die Fresse, statt das Eisen zu schmieden, bei jeder Gelegenheit. So konnten sich die Bauern schnell davon überzeugen, dass die deutsche Faust schlimmer ist als der Kolben der Blauen Polizei[3] vor 1939. Das heißt nicht, dass sie sich nach dem Kolben sehnten. Sie sahen diesen vielmehr in treuem Zusammenspiel mit den Okkupanten. Weiter muss daran erinnert werden, dass die schlimmsten Exzesse in den ersten beiden Besatzungsjahren stattfanden, als die Deutschen trunken waren von ihren Erfolgen. Die Bauern reagierten auf die Beleidigungen mit Schweigen, wissend, dass sie nicht anders reagieren konnten. Die Deutschen kapierten jedoch nicht, dass es einen schweigenden Protest geben kann. Nur lautes offenes Gebell hält bei ihnen die Faust auf. Schweigen hingegen verstanden sie als Beweis, dass der Gegner erledigt ist. Sie schmiedeten und schlugen trotzdem weiter, bis in die letzten Wochen der Besatzung, mit teuflischer und dummer Raserei schlugen sie selbst dann, wenn auf den Gesichtern und Rücken der Bauern schon die gesamten gesammelten Erfahrungen mit den Deutschen ablesbar waren. Sie schlugen und schmiedeten nur deshalb, um den verachteten polnischen Bauern ihre Erfahrungen für alle Ewigkeit einzubrennen und so aus ihnen eine Schicht zu schaffen, der man im demokratischen Polen nicht beibringen muss, wer die Deutschen wirklich waren. Dies muss man den polnischen Händlern und Grundbesitzern beibringen.

Gleichzeitig lieferten die Deutschen dem nachtragenden Charakter der Bauern reichlich Kost. Niemand sonst erinnerte sich so stark an die nicht eingelösten Versprechungen und niemand sonst handelte so klar nach dem Verständnis der nackten Fakten wie die Bauern. Die erste und letzte Welle der freiwilligen Arbeitsaufnahme im Reich, die sich als Betrug herausstellte, kam vom Lande. Dort erinnerte man sich ein für alle Mal daran. Vom Lande kam später das proportional größte Arbeitskräftekontingent aus allen Schichten, aber dies waren Zwangsarbeiter. Auf den Dörfern haben sie als Erste die Welle der aus den Westgebieten Ausgesiedelten wahrgenommen und im Gedächtnis behalten, was für jeden polnischen Bauernhof geplant war.

Schließlich das Kontingentsystem. Das diesem inhärente Ausbeutungsprinzip hat sich am wenigsten ins Gedächtnis der Bauern eingebrannt. Von den Mengen her war dieses System für die Landwirtschaft selbst nicht ruinös, was jedoch nicht für die Gesamtwirtschaft galt. Mit Ausnahme der zerstörten Viehhaltung. Im Laufe der Jahre machte sich jedoch das darin enthaltene ökonomische Unrecht gegenüber den Bauern bemerkbar. Die Kluft zwischen den realen Getreide- und Fleischpreisen und den für die Kontingente gezahlten Preisen konnte auch nicht durch die erbärmlichen Prämien aufgefüllt werden. Je mehr die Preisschere auseinander ging, desto fühlbarer wurde für die Bauern das erlittene Unrecht. Diese Preisschere öffnete sich mit zunehmender Dauer der Okkupation immer mehr. Lediglich mit bunten Propagandabildern wurde versucht, diese Schere zu schließen: Auf ihnen wurde ein glücklicher und lächelnder Bauer dargestellt, der sich mit dem Ferkel unterm Arm beeilt, zur Kreisgenossenschaft zu kommen, von der er sich, so das zweite Bild, dann schwer, aber idyllisch beladen mit Hufeisen, Wodkaflaschen und Zuckersäcken auf den Heimweg macht.

Derartige Plakate sollten die Bauern über ihr wahrhaft glückliches Schicksal belehren. Wurden sie jedoch zu nah an der Grenze zwischen Reich und Generalgouvernement aufgehängt, standen sie in starkem Kontrast nicht zu anderen Plakaten, sondern zu reellen Bildern, die den polnischen Bauern ein ganz anderes Wissen über ihr Schicksal ins Gedächtnis einbrannten. Dieses Bild wurde durch den Grenzstreifen geschaffen, der Felder des Heimatdorfes von den Feldern der Nachbargemeinde trennte, die nicht weniger polnisch war als die Eigne, was auch niemand in Frage stellte. Die polnischen Bauern konnten so beim Pflügen einen Eindruck gewinnen, wie die eigene nicht ferne Zukunft aussehen würde, denn auf der gegenüberliegenden Seite gab es keine polnischen Bauern mehr, allenfalls polnische Knechte deutscher Bauern. Diese soziologische Trennlinie wurde mit wahnhafter Konsequenz, wie sie nur den Deutschen eigen ist, gezogen. Jedes andere Volk hätte wahrscheinlich einen neutralen Streifen geschaffen, um Nachrichten aus den dem Reich einverleibten Dörfern weniger eindrücklich und bildhaft erscheinen zu lassen. Es ist bekannt, dass Worte nicht so stark wirken wie Bilder, die von der Trennlinie zweier Welten stammen. Die Bauern führten den Pflug genau in dieser Gegend und sahen so, was sie erwartete. Von den Grenzdörfern wussten es die Nachbardörfer und wenn das Wissen mit steigender Entfernung abnahm, dann führten die vorausschauenden Deutschen dort landwirtschaftliche Kolonisierungsmaßnahmen durch und enteigneten etwa die polnischen Bauern im Gebiet von Zamość vollständig, damit die Erfahrungen aus der Grenzregion um Koluszki, Modlin oder Częstochowa nicht etwa verloren gingen.

In Folge dieser deutschen Voraussicht konnten die Bauern ausgezeichnet vorhersehen – und dies spricht für ihre gesellschaftliche Vorstellungskraft, die Worten nicht traut –, dass ihr relativer Wohlstand nur ein Provisorium darstellte, das mit dem vollständigen Sieg Hitlers verschwinden würde. Aufgrund all dieser Erfahrungen widerstanden die Bauern recht gut der moralischen Depravation.

Sie widerstanden jedoch nicht alle gleichmäßig, sondern vielmehr in Abhängigkeit von der Klassenstruktur der polnischen Dörfer. Würde man die psychosoziale Reaktion der Bauern auf die Besatzung als einheitliches Phänomen sehen, beginge man gewiss einen Fehler. Der moralischen Depravation widerstanden vor allem die Kleinbauern und die besitzlose Landbevölkerung. Denn die Schwere der Abgaben an die Besatzer belastete vor allem diese Gruppen. Die Kuh, die als Teil des Kontingents dem Großbauern weggenommen wurde, war zu verkraften, die Kuh, die als einzige Ernährerin gegen armselige Geldentschädigung fortgenommen wurde, war nicht zu verschmerzen. An ihre Stelle trat gewöhnlich eine Ziege, die zu Recht die Kuh der armen Leute genannt wird. Auch die personellen Dienstleistungen, die Deportationen zur Zwangsarbeit belasteten vor allem die ärmere Dorfbevölkerung, denn sie konnte sich nicht freikaufen. Die Verbesserung des Lebensstandards hingegen, der aus den hohen Preisen für landwirtschaftliche Produkte resultierte, konnte in dieser Schicht gerade einmal die Folgen der langjährigen Armut der Vorkriegszeit ausgleichen. Die Bauern mit zwei oder drei Morgen Land hatten schlicht nicht so viel, um an der landwirtschaftlichen Spekulation teilnehmen zu können, denn diese drehte sich vor allem um die illegale Viehhaltung und Schlachtung.

Gleichzeitig war es genau diese arme Landbevölkerung, die auf Grund ihres ärmlichen Aussehens und ihrer vernachlässigten Ställe für Untermenschen gehalten und am heftigsten gedemütigt wurde sowie am meisten von den Deportationen zur Zwangsarbeit betroffen war. Daran lässt sich gut ablesen, wie sich der ökonomische Unterbau mit einer feindlichen Haltung gegenüber den Okkupanten verband. Bei den reichen Bauern war dies anders, denn sie waren diejenigen, die den größten Gewinn aus den Preissteigerungen sowie der Nachfrage nach Fett und Fleisch zogen. Diese Bauern konnten, dank ihrer Bargeldbestände und Vorräte, im Falle der „Aufdeckung“ durch die Behörden das Risiko der illegalen Viehhaltung dennoch vermindern. Sie konnten zudem ihre Familien vor der Deportation zur Zwangsarbeit schützen; auch fehlte es ihnen auf den Höfen nicht an Arbeitskräften. Die Versuchungen der Spekulation in der Besatzungszeit betrafen also auf dem Lande vor allem die reichen Bauern und bestärkten diese in ihrem Klassenegoismus.

Bis zu welchem Grade die abgekoppelte Wirtschaft die Dörfer durchdrungen hat, würde eine genauere Analyse erfordern, die ich hier nicht leisten kann. Gleichwohl will ich wenigstens auf die Brutstätte des größten Spekulantentums hinweisen, dass die sichersten Gewinne, ständige Schmiergeldkontakte mit der Blauen Polizei und den Deutschen brachte. Dies waren die Dorfmühlen, und zwar aus mehreren Gründen. Die Beschränkung der Mahlmengen musste umgangen werden, was am einfachsten in einer abgelegenen Mühle gelang. Für das Risiko des illegalen Mahlens ließ der Müller sich gut bezahlen, auch wenn er die Deutschen gut belieferte. Er gab jedoch nichts von seinem Risikoaufschlag ab. Sämtliche Behörden waren sich darüber im Klaren, dass die Müller die Vorschriften umgingen, aber sie waren nicht bereit, dieses Wissen zu ihrem Nachteil einzusetzen. Sie hatten schließlich kein Interesse daran, die Quelle zu verstopfen, aus der Wodka sprudelte und die mit Säcken, voll mit reinstem Weizenmehl, umstellt war. Wer also die Auswirkungen der Okkupationswirtschaft auf dem Lande an ihrem krassesten Beispiel untersuchen will, der möge die Handlung seines Werks in der Mühle unter den Erlen am entlegensten Ende eines Dorfes, in morastiger Novemberstimmung spielen lassen. Es sollte Dämmerung herrschen und die Polizisten und der Sonderdienst sollten gerade die Kalesche besteigen, unter den Sitzen Wodka und Speck.

Kehrt man vom entlegensten Ende ins Dorf zurück, dann lässt sich feststellen, dass das wirtschaftliche Gebaren der reichen Bauern am deutlichsten aus den kollektiven Prozessen herausfiel. Sie haben sicher Verluste gemacht, so wie alle Verluste hatten, aber im Vergleich waren diese Verluste wohl am geringsten und, was schlimmer ist, nur die Bauern konnten sich bei ihren Landsleuten entschädigen. Denn nicht sie mussten Abnehmer für ihre Produkte finden, sondern die Abnehmer kamen zu ihnen, selbst ins gottverlassenste Dorf, und zahlten jeden Preis. Nicht sie trugen das größte Risiko des Handels in Besatzungszeiten, den Transport, sondern die Händler aus den Städten – die professionellen wie die Amateure. Ähnliche Prozesse gibt es in jedem Krieg, nicht anders sah die Situation am Ende des Ersten Weltkriegs aus, nur erfuhren die Dinge diesmal durch die deutschen Verordnungen eine besondere Verschärfung. Die privilegierte Situation der reichen Bauern verursachte eine Überempfindlichkeit der Preise, die bis heute andauert: Leicht und aus jedem möglichen Anlass konnten die Preise klettern, insbesondere der Speck hatte diesbezüglich die Empfindsamkeit einer Mimose. Nur schwer und sehr zögerlich kehrt er zur Norm zurück – der bisher mimosenhafte Speck scheint plötzlich unempfindlich wie eine Agave zu sein.

Unsere Bauern sind wie alle Bauern unempfindlich und hart. Ihre Unempfindlichkeit wurde verstärkt durch die speziellen polnischen Bedingungen mit Jahrhunderten bäuerlichen Unglücks. Unter diesen Verhältnissen wurden sie unempfindlich bis zur Stumpfheit und so beginnen sie das Leben im Polen der Nachokkupationszeit.

 

Der Großgrundbesitz

Das Verhältnis zum Großgrundbesitz lässt sich keinesfalls durch offizielle und verfügbare Verordnungen erklären, sondern vor allem durch Motivationen, die tiefer reichen, nämlich durch die Hoffnungen der Deutschen hinsichtlich der Zukunft des „Weichselraums“ [im Original deutsch; Anm. des Übersetzers]. Wie sich die Deutschen die zukünftige Agrarverfassung des Generalgouvernements vorstellten, lässt sich nicht an den dort herrschenden Verhältnisse ablesen – mit Ausnahme der deutschen „Musteransiedlungen“ im Gebiet Zamość und im Distrikt Radom –, sondern an den durchgeführten Veränderungen in denen ins Reich eingegliederten Gebieten. Vor allem die Veränderungen im Gebiet zwischen der deutsch-russisch-österreichischen Grenze von 1914 und der Grenze zwischen dem Reich und dem Generalgouvernement. Ein Streifen also, der von Żywiec bis Mława reichte und am breitesten war zwischen Kalisz und Koluszki.

Die Agrarstruktur der polnischen Gebiete sollte in die Kolonisation des Ostens durch deutsche Bauern integriert werden. Grundlage dafür war die Ansiedlung von einigen dieser Bauern in jedem Dorf des beschriebenen Gebietes, wobei es sich fast ausschließlich um Umsiedler aus der Bukowina und Siebenbürgen handelte, unter denen die Ackerflächen der Dörfer aufgeteilt wurden, um so einige dutzend große Agrarbetriebe zu schaffen, wie sie bereits im Gebiet von Poznań existierten. Die einheimische Bevölkerung wurde diesen Kolonisten als Knechte auf ihrem eigenen Grund und Boden zugeteilt. Der überflüssige Rest, wegen der Überbevölkerung der polnischen Dörfer zahlenmäßig bedeutend, fuhr als Zwangsarbeiter in die Fabriken im Reich, die aktivsten wurden in die Vernichtungslager deportiert. Dieser Zustand, wiewohl für sich genommen schon bedrohlich, stellte zweifellos nur ein Durchgangsstadium dar, denn im Falle eines deutschen Sieges wären die einheimischen Polen wegen ihrer gefährlichen Verbundenheit mit dem von ihnen bearbeiteten Land durch ausländische Arbeitskräfte ersetzt worden. Die vorübergehende Leibeigenschaft dieser Etappe wäre noch weiter zurück in die Geschichte verlagert worden, in Übereinstimmung mit der ökonomischen Gesamtlogik des Faschismus, in die Epoche des Unterwerfungsfeudalismus, in die Jahrhunderte des Normannensturms: der ritterliche Herr und sein herbeigeschaffter Sklave.

Erst vor diesem Hintergrund versteht man die Agrarpolitik der Deutschen im Generalgouvernement, auch wenn diese vorübergehende Etappe der Leibeigenschaft nach einem nationalistischen Schlüssel zunächst an den Grenzen des Generalgouvernements Halt machte. Die Deutschen waren nicht interessiert an irgendwelchen fortschrittlichen gesellschaftlichen Veränderungen der Agrarverfassung. Generell tolerierten sie im Generalgouvernement nur diejenigen Veränderungen, die sich träge vollzogen und die sich nicht vermeiden ließen: den polnischen Handel, der an Stelle des jüdischen „eingesprungen“ war. Die Landwirtschaft des Generalgouvernements behandelten sie als vorläufiges Konstrukt, aus dem während des Krieges so viel Vorteile wie möglich gezogen werden sollten, bevor es nach dem „Endsieg“ nach ihren Kolonisationsplänen umgestaltet werden sollte. Dafür war es offensichtlich am dienlichsten, die bisherige Agrarverfassung vorerst aufrechtzuerhalten, insbesondere diejenigen Einheiten, die sich am einfachsten kolonisieren lassen. So ist es zweifellos einfacher, einen Großgrundbesitzer zu liquidieren und sein Land einigen Bauern zu geben, als diesen Vorgang auf Basis von Kleinsthöfen und übervölkerten Dörfern durchzuführen. Im ersten Fall handelt es sich um eine Aufteilung, im zweiten um eine Verschmelzung, die wesentlich schwieriger durchzuführen ist. Daher gaben die Deutschen die großen Güter, die ohne Besitzer dastanden nicht den umliegenden Dörfern zur anteiligen Bearbeitung, sondern führten ein System von Liegenschaften und Treuhändern ein, mit dem sie die Flächen in ihrer bisherigen Form erhielten.

Ein hervorragendes Beispiel dafür habe ich in Krzeszowice erlebt, dem ehemaligen Besitz der Potockis, der von Frank übernommen wurde. Ackerland und Wiesen machten knapp 200 ha aus. Die Vorwerke konnten, obwohl alt, diese nicht großen Flächen gut bewirtschaften. Trotzdem wurde für viele Millionen ein Ausbau des Pferdestalls, der Scheunen und Düngemittellager durchgeführt, der es erlaubt hätte, tausende Hektar Land zu bewirtschaften. Wohl 1941 kam sogar das Gerücht auf, die umliegenden Güter der Bauern sollten dem Besitz in Krzeszowice einverleibt werden. Dieses Gerücht sorgte für Unruhe und wurde schnell entkräftet. Der Ausbau ging jedoch weiter und für einen aufmerksamen Beobachter konnte kein Zweifel bestehen, dass der Möchtegernfeudalherr auf Kressendorf[4] die Grundlage dafür legt, sich nach dem Sieg den Grund und Boden seiner Nachbarn – Bauern, Gutsbesitzer und Klöster – einzuverleiben. Zweifellos stellte das dementierte Gerücht auch die vorzeitige Enthüllung des Plans dar, der weiterhin konsequent vorangetrieben wurde.

Die Zurückhaltung der Deutschen gegenüber dem Großgrundbesitz hatte auch noch andere Gründe, scheinbar psychologisch eigenständige, die jedoch tatsächlich in ihren uralten feudal-herrschaftlichen Sehnsüchten zu suchen waren. Insbesondere den Parteioberen imponierte der Typus des Gutbesitzerlebens. Sie fühlten sich so hervorragend an reich gedeckten Tischen, mit Porträts der Vorfahren über und Kaminen vor sich, dass jeder Parteiobere, sofern er dazu in der Lage war, sich einen Hof nach dem Vorbild polnischer Gutbesitzer einrichtete. Er nahm ihren Stil an, fühlte sich als Parvenü mit rückwärtsgewandten gesellschaftlichen Vorstellungen in diesem soziopsychologischen Umfeld der Großgrundbesitzer ausgezeichnet. Äußerst komisch war der Anblick Franks, der an einem schönen Frühlingstag eine Ausfahrt im offenen Landauer mit zwei Pferden auf den Wegen seines Besitzes unternahm oder dem im Herbst von seinen Gutsbediensteten einen Erntekranz überreicht wurde. Noch lustiger war der Anblick seines Bevollmächtigten, der ein altes Anwesen nach dem Vorbild eines Adelshofes errichtete und diesen auf Teufel komm raus mit alten (authentischen) polnischen Hieb- und Stichwaffen ausstattete, jedoch mit dem Unterschied, das im Haus technische Schikanen eingebaut waren, die an den authentischen Höfen nicht bekannt waren. Ich vermute, dass im Falle eines Sieges diese Herren sich Ahnengalerien hätten malen lassen mit Kastellanen in Edelmannstracht und Bischöfen in Senatorensesseln.

Dies alles lässt sich damit erklären, dass auf diese Weise im psychologisch milderen Klima Polens der Typus des preußischen Junkers imitiert werden konnte, der für die im Osten herrschenden Deutschen immer das Vorbild abgab. Ein Junker ist jedoch streng und von seinem Herrenhaus ist es kein weiter Weg zur Kreuzritterburg. In Polen jedoch verwirklichte sich ein völlig anderer Typus des Machthungers, ein Typus, der auf brutale Art und Weise die moralische und gesellschaftliche Verrottung der Parteiführung bloßstellte, ein extrem hedonistischer Typus, der das Leben genießen wollte und sich vorgaukelte, das auf diese Weise ins Werk setzen zu können. Zu diesem Trugbild gehörte das angebliche Vertrauen und die Liebe der Untergebenen, der Erntekranz, das gnädige Wandeln unter dem Volk, die Komödie von gegenseitigem Vertrauen und Treue, die unerschöpflichen Schichten von Dummheit, Verlogenheit und Zynismus der Hitleristen.

Die gesellschaftliche Rückwärtsgewandtheit des Nationalsozialismus ist nirgendwo deutlicher zum Ausdruck gekommen, als in diesen psychologischen Verbundenheiten. Die Bauern wurden von den Deutschen verachtet – sie haben nichts von ihrem Wesen verstanden. Die Intelligenz hassten sie und nur die Rücksicht auf die eigenen Interessen bremste diesen Hass. Die Großgrundbesitzer beneideten sie einerseits und bewunderten sie insgeheim andererseits. Es ist klar, dass eine solche freundliche Verbeugung bei der anderen Seite die entsprechende Reaktion auslöste. Es fällt schlicht schwer, angesichts eines brutalen Kerls, der nur zu mir artig ist, nicht ebenfalls mit Artigkeit zu reagieren. Deshalb gab es die größte Zahl an Willigen für eine begrenzte Zusammenarbeit mit den Deutschen unter den Großgrundbesitzern. Die gesellschaftliche Herkunft der Führung des Hauptrates für Fürsorge[5] ist hier äußerst aussagekräftig. Die Aussicht, dass es in einem befreiten Land zum Umbau der Agrarordnung kommen würde, stärkte diese Beziehung noch; sie wurde jedoch am stärksten durch das Bewusstsein gefestigt, dass man nach Abgabe der Kontingente – inklusive der dazugehörigen Schmiergelder – gar nicht schlecht lebte.

Die Deutschen sahen alle Investitionen in der Landwirtschaft gerne. Der Großgrundbesitzer, der prinzipiell über besseres landwirtschaftliches Wissen als der Bauer verfügte, konnte diese vornehmen und so unter Wahrung der eigenen Interessen den Machthabern auf halbem Wege entgegenkommen. An der so angekurbelten landwirtschaftlichen Produktion, auf die die Deutschen den größten Wert legten und für die sie hohe Prämien zahlten, hatte vor allem der Großgrundbesitz seinen Anteil: Rüben für die Zuckerfabriken, Kartoffeln für die Brennereien, Ölpflanzensamen.

Dieses ganze Konglomerat von Gründen, die einerseits aus der objektiven, wenn auch provisorischen wirtschaftlichen Situation (Raps und Rüben), andererseits aus der Einstellung der Deutschen resultierten, führte dazu, dass es den Rittergütern bei hohen Preisen für Landwirtschaftsprodukte endlich gut ging – kurz vor ihrem endgültigen Untergang.

Dass dieser Wohlstand das letzte Strahlen einer unweigerlich untergehenden Sonne war, kam auf charakteristische Weise zum Ausdruck. Die polnischen Großgrundbesitzer zählten vor dem Krieg zu den Haupteinkäufern auf dem Kunstmarkt. Während der Okkupation hörte man hingegen auf, Gemälde und schöne Möbel zu kaufen, denn diese kaufen nur Menschen, die an die Dauerhaftigkeit ihrer Wohnsitze glauben. Gemälde von Wojciech Kossak, Alfred Wierusz-Kowalski und Józef Brandt erwarben nun die reich gewordenen Kaufleute. Es bleibt deren Geheimnis, warum sie an die Dauerhaftigkeit ihrer Wohnungen glaubten.

Wenn es um die gesellschaftlichen Verpflichtungen geht, muss man zugeben, dass diese von den meisten Gütern anständig erfüllt wurden, nicht nur hinsichtlich der Unterbringung der eigenen vertriebenen Verwandtschaft. Viele große polnische Geister hätten die Okkupation nicht überdauert, wenn sie nicht Zuflucht in einem Herrenhaus gefunden hätten, wo man die ungeschriebene Verpflichtung verstand, die aus dem Wohlstand resultierte. Diesen verspäteten Wohlstand finden wir, wie gezeigt, auch im Handel der Okkupationsjahre. In beiden Fällen führte die verspätete wirtschaftliche Entwicklung dazu, dass der materielle Erfolg zusammen mit den entsprechenden psychologischen Auswirkungen bei den Angehörigen der betroffenen Schichten zu einem Zeitpunkt einsetzte, als er in der wirtschaftlichen Dialektik ein verspätetes und paradoxes Phänomen darstellte.

Es resultierten daraus auch noch weitere Folgen, die bis in die ersten Monate der Unabhängigkeit reichen. Erfolg lässt immer einen psychologischen Bodensatz an Sehnsucht nach dem zurück, was gewesen ist und einen Unwillen gegenüber denen, die den Erfolg beseitigt haben. Niemand behauptet natürlich, dass die Großgrundbesitzer die germanischen Herrscher über das Volk wieder herbeisehnen. Jeder sieht jedoch, dass sie sich nach ihrer ökonomischen Stellung während der Okkupation sehnen und noch lange sehnen werden. Diese Sehnsucht ist ein gesellschaftlicher Irrtum. Die Haltung der Deutschen gegenüber dem Großgrundbesitz war wie das Lächeln auf dem Antlitz der Bestie, die vorerst den Sprung auf die Beute zurückstellt. Ein Lächeln, das jedoch auch verheißt: Dieser Bissen wird mir besonders munden.

 

Das Erbe als Hypothek der Unabhängigkeit

Nun ist der Moment gekommen, die angeführten Analysen zu bilanzieren sowie die entsprechen Schlussfolgerungen für die Zukunft zu ziehen. Das ökonomische Verhalten der polnischen Gesellschaft während der Besatzungsjahre war geprägt durch den Einfluss von Faktoren, die das Wirtschaftsleben von gestalterischer und damit auch moralischer Beteiligung an einem vom Leben vorgegebenen Plan ausschloss. Allein durch diese Entbindung von der Verantwortung und der aktiven Beteiligung an den wichtigsten Prozessen des kollektiven Zusammenlebens wurde bei den Betroffenen eine tiefe Depravation ausgelöst, eine überwiegend unverschuldete Depravation, die hervorgerufen wurde durch die Notwendigkeit des Überdauerns in einem System, das sich auf eine Fiktion gründete, die den Regierenden diente und das Unrecht zum Prinzip erklärte. In vielen Fällen erfolgte die Depravation jedoch zielgerichtet und bewusst, wurde sehr gut verstanden und angenommen von den Teilnehmern am Wirtschaftsleben. Dies betrifft vor allem den Handel und das Vermittlerwesen. In einer anderen Sicht des Problems lässt sich sagen, dass die für sich genommen anscheinend positiven Fakten, wie die Entstehung eines polnischen Kleinhandels oder die Belebung der größeren Bauernhöfe, zu spät einsetzten, um die Keimzelle für eine zukünftige wirtschaftliche Entwicklung zu bilden.

Wichtiger sind die daraus resultierenden gemeinschaftlichen psychischen Dispositionen, die fähig sind, auch in der Unabhängigkeit zu überdauern, zumindest in ihren ersten Monaten. Die polnische Gesellschaft erbt aus der Okkupationszeit die nur halb bewusste, aber stark verankerte Überzeugung, dass der Handel im modernen Wirtschaftsleben die wichtigste Funktion innehat, vor allem der ganz besonders individualistisch interpretierte Handel. Um die Gründe für diesen Umstand zu wiederholen: Die Beseitigung der Juden, das träge Eindringen der Polen auf die so frei gewordenen Stellen, das aus Lebensnotwendigkeit hervorgerufenen Vordringen von gesellschaftlichen Schichten in diesen Bereich, die vorher nichts mit diesem Bereich zu tun hatten (Arbeiter und Angestellte). Die polnische Gesellschaft lebte in der Besatzungszeit vom Handel und überlebte diese durch den Handel. In der zurückgebliebenen Wirtschaftsentwicklung Polens wurde so gewiss ein Schritt nach vorne getan. Aber dieser Schritt – die Entstehung eines individualistischen Handels – wäre in der Entstehungsepoche des Bürgertums ein Schritt nach vorne gewesen, nicht heute, in der Epoche seines Niedergangs. Da die Gesellschaft jedoch durch den Handel überlebt hat, ist sie bereit anzunehmen, dass es in der Wirtschaftsordnung der nun erlangten Unabhängigkeit genauso sein wird. Dies ist eine Fehlannahme, die psychologisch verzeihbar ist als Echo einer unlängst zu Ende gegangenen Zeit, unverzeihbar jedoch, wenn darin die Hoffnung auf eine ähnlich geartete Zukunft verborgen sein sollte.

Vorerst darf man jedoch annehmen, dass sich die Verhältnisse aus dem Generalgouvernement für die nächsten Monate oder auch länger auf die Westgebiete übertragen werden. Fährt man die Linie ab, die diese Gebiete voneinander trennte – ich schreibe dies im März 1945 –, fällt bei der Betrachtung der Städte, die in der Besatzungszeit zum Reich gehörten auf, dass in den Straßen überall die Typen fehlen, die ständig murmeln: „Kaufe, verkaufe, Zigaretten, Dollar“. Frappierend ist das Fehlen von Ständen mit Waren aller Art – von Parfüm bis zum Speck. Ein polnischer Handel existiert dort nicht, aber man kann mit Gewissheit vorhersagen, dass die Frauen aus der ersten Reihe und ihre Helfershelfer, mit denen ich von Oświęcim nach Katowice gefahren bin, diesen in den Westgebieten verbreiten werden. Denn dort lassen sich dank der phantastischen Naivität der Schlesier, die mit den Handelsgebräuchen der Okkupationszeit nicht vertraut sind, Gewinne erzielen. (Im Juni 1945 kann ich hinzufügen, dass es tatsächlich so gekommen ist.)

Die Voraussicht ändert jedoch nicht die Bewertung. Die Auswüchse des Handels waren nur ein Polyp, der in der Atmosphäre einer moralisch abgekoppelten Wirtschaft gezüchtet wurde, von Herren, die sich nicht einmal um die primitivsten Bedürfnisse eines geschlagenen Volkes sorgten. Dieser Handel war Selbstverteidigung in der Not, während eines Krieges, der nicht nur durch die Tapferkeit der Soldaten gewonnen wurde, sondern mehr noch durch die Produktionsergebnisse und die sich dahinter verbergende tägliche zähe Anstrengung bei der Arbeit, voller Opfer und Hingabe. Der Krieg wird von Völkern gewonnen, die sich eine hohe Arbeitsmoral erarbeitet haben, während bei den Verlierern allein die Fähigkeit zu solch einer Anstrengung wichtiger ist als dumme Ideologien. Die polnische Gesellschaft hat nur von den russischen Fabriken gelesen, die zusammen mit der Belegschaft über Tausende Kilometer evakuiert wurden, im Nirgendwo entladen wurden und innerhalb von wenigen Wochen die normale Produktion aufgenommen haben. Sie hat nur von Werften gehört, die innerhalb von nur einer Woche ein Kriegsschiff vom Stapel ließen. Sie hat von Straßen gehört, die ganze Kontinente durchzogen, von Senegal bis Abessinien. Sie hat davon gehört und gelesen, aber an keinem ähnlichen Prozess als bewusst Handelnde teilgenommen. Sie kennt also nicht die Gesamtbilanz der Aufopferung, der Anstrengung, der Umsichtigkeit, die sich hinter den Fakten verbirgt, deren hervorragende Endergebnisse sie nutzen darf. Der polnischen Gesellschaft wurde also diese Erfahrung genommen, sie wurde aus dem Erfahrungsschatz gelöscht und wer weiß, ob damit nicht die wichtigste Lehre des Krieges fehlt: die moralische Eingliederung wirtschaftlicher Prozesse in das Leben des Volkes. Keine heteronome oder idealistische Moral, sondern eine Moral, die sich aus dem Ziel und dem Bewusstsein über dieses Ziel speist, aus der Orientierung in der tatsächlichen Weltordnung. Diesen großen geschichtlichen Gewinn hat die polnische Gesellschaft nicht erfahren.

Weder durch die kleinteilige Schlauheit des getauften Händlers, noch durch die bäuerliche Umtriebigkeit, die es vermochte, jedes Verbot zu umgehen, konnte eine ähnliche kollektive Erfahrung entstehen, sondern nur dadurch, dass aus einer Wirtschaft im Leben der Völker ein äußerst moralischer verantwortungsbewusster Prozess geformt wurde. Dagegen hinterließ die abgekoppelte Wirtschaft einen Bodensatz an Vorstellungen, die auch in einem neuem Staat und einer neuen Gesellschaftsform fortdauern werden. Diesen Bodensatz wird man nicht leicht beseitigen können. Er muss jedoch, wenn es nicht anders geht, zusammen mit der Haut von der Psyche der polnischen Gesellschaft geschrubbt werden, wenn die damit verbundene Depravation nicht länger dauern soll, als die Nachwirkungen dieses Zustands dies noch verzeihbar und hinnehmbar machen. Nachwirkungen eines nicht mehr aktuellen Zustands.

Dieser beschriebene psychosoziale Bodensatz besitzt in den unterschiedlichen Schichten unterschiedliche Stärke. Am stärksten ist er in der Kaufmannschaft ausgeprägt. Es gilt, die Gründe zu verstehen: Ihre aus der Not heraus privilegierte Situation entstand ohne Übernahme von Verantwortung, sondern war, pathetisch gesprochen, ein gnädiges Geschenk des Schicksals. Auch die normale Kontrolle des Staates, die Steuern, war hier am fiktivsten. Ein solcher Zustand wird nicht leicht aufgegeben und dauert auch noch an, wenn die Grundlagen entfallen sind. Die Hoffnungen auf ein fiktives Steuersystem, fehlende gesellschaftliche Kontrolle, auf Verdienst durch Passivität und Wucher. Die heutigen Bedingungen geben dieser Hoffnung Nahrung. Die frischgebackenen Kaufleute müssen, sofern sie nicht ein System genossenschaftlicher Läden ablöst, erst ein Wirtschaften mit normalen Handelsspannen erlernen. Daher muss im neuen Staat die Rolle der Händler aufmerksam kontrolliert und schlechte Angewohnheiten auf das Schärfste bekämpft werden.

Die hinsichtlich des Bodensatzes zweitdickste Schicht gibt es bei den Großgrundbesitzern. Die Durchführung einer Bodenreform beseitigt deren gesellschaftlichen Status und das Problem selbst. Die ökonomischen Grundlagen der Landwirtschaft scheinen relativ stabil und gut zu sein, obwohl dort viel Härte und Rücksichtslosigkeit herrscht. Widerstände und Spannungen, die auf dem Lande in den Okkupationsjahren entstanden sind, berühren eher die rein psychologische Seite der Dinge als das Recht auf staatliche Eingriffe selbst. Die rentablen Preise für Landwirtschaftsprodukte sollten in einem Land, dass auf dem Weg der Industrialisierung ist, dauerhaft erhalten bleiben. Dadurch entfällt die Hauptquelle für die Unzufriedenheit der Landbevölkerung. Die Besiedlung der Westgebiete schafft ein Sicherheitsventil für die Überbevölkerung auf den Dörfern. Das Kontingentsystem sollte, sofern es vernünftig gehandhabt wird, erhalten bleiben, weil die Bauern dessen Notwendigkeit verstehen. Vernünftig heißt, dass dafür nicht aus Lagerbeständen oder Verteilungsinstitutionen geklaut wird, sondern möglichst hohe Preise gezahlt werden, denn dann wird man damit auch keine Unzufriedenheit säen. Dies sind die deutlich dunklere und die deutlich hellere Seite der Hypothek auf die Unabhängigkeit – Handel und Landwirtschaft. Das Problem der grauen Mitte ist hingegen weiterhin kompliziert und nicht leicht zu lösen. Diese Mitte bilden die Arbeiter, die städtische Intelligenz, die Angestellten in der staatlichen Industrie. Kompliziert ist es deshalb, weil die wirtschaftlichen Grundlagen, die in der Okkupationszeit zu moralischer Depravation geführt haben, in hohem Maße fortdauern und dies leider in vielen Fällen auch müssen. Diese Grundlagen beruhen auf dem Missverhältnis zwischen den tatsächlichen Lebenshaltungskosten und dem Verdienst von Arbeitern und Angestellten, das weiterhin Bestand hat und deshalb zur Fortdauer und Verstetigung vieler Angewohnheiten der Okkupationszeit führt.

Vor allem wurde der Bereich der möglichen Versuchungen erweitert. Die wirtschaftlichen Verhältnisse, die Verteilung der Produkte, die weiterhin zwei Preise haben werden, einen offiziellen und einen Marktpreis, sind nun in polnischer Hand. Die Bezugscheine liegen auf dem Schreibtisch des polnischen Abteilungsleiters, womit sämtliche Möglichkeiten des legalen Betrugs aus den deutschen in polnische Hände übergegangen sind – mit all den Praxiserfahrungen der Besatzungszeit. Die Folgen sind bekannt und viel Zeit wird ins Land gehen, bevor diese Auswirkungen verschwinden werden. Diese Disproportionen können nicht sofort beseitigt werden, denn der Staat darf keine Inflationslöhne zahlen, wenn er nicht in den Teufelskreis einer durch ständiges Gelddrucken zusammengehaltenen Wirtschaft fallen will. Daher kann er nicht beliebig seine Leistungen erhöhen. Andererseits kann der neue polnische Staat nicht auf fiktiven Steuern und Forderungen beharren. Er muss diese nach seinen Bedürfnissen ausrichten und deshalb auch relativ hohe Preise sanktionieren, um darauf entsprechend hohe Steuerabgaben erheben zu können. Möglichst wenig ausgeben, möglichst viel einnehmen.

Ein solches Vorgehen ist notwendig, fördert aber gegenwärtig die Versuchungen und führt dazu, dass das moralisch abgekoppelte Wirtschaftsverhalten seine Basis nicht verloren hat. Deshalb muss dieser Bereich der ererbten Hypothek die größte Aufmerksamkeit erfahren. Wenn die Wirtschaftsentwicklung und die staatliche Verwaltung dieses Auseinanderlaufen auch noch nicht aufhalten können, darf dies dennoch nicht durch Schönreden übertüncht werden, vor allem nicht in der Publizistik, die die Probleme beim Namen nennen sollte. Die schlimmsten Probleme türmen sich auf in der Disposition der gelenkten Industrie, bei der Warenverteilung, bei den Eingriffen der Verwaltung in die Wirtschaft, vor allem aber bei den fiktiven Verdiensten.

Die moralisch abgekoppelte Wirtschaft hat fatale psychosoziale Auswirkungen gezeitigt. Die Hitleristen wussten dies genau, haben aber nichts unternommen, solange sie dadurch für sich genug herauspressen konnten. Die Depravation betraf zudem die verhassten Polen, was ihnen entgegen kam. Im Übrigen hielten sie alles, was im Generalgouvernement passierte, für ein wirtschaftliches Provisorium, das mit dem Tag des Sieges beseitigt werden würde. Den neuen polnischen Staat treffen diese Auswüchse und gesellschaftlichen Verwerfungen jedoch mit ganzer Härte. Erst jetzt wird der Preis der Okkupation bezahlt, die im kollektiven Bewusstsein fortdauert. Um diesen Preis zahlen zu können, muss man ihn sich erst einmal bewusst machen, was die Absicht dieser Darstellung ist.

1945

Aus dem Polnischen übersetzt von Matthias Barelkowski, Berlin

 

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Empfohlene Zitierweise:
Kazimierz Wyka: Die abgekoppelte Wirtschaft, in: Übersetzte Geschichte, hrsg. v. Nordost-Institut, Lüneburg 2018, URL: http://www.ikgn.de/cms/index.php/uebersetzte-geschichte/beitraege/wyka-die-abgekoppelte-wirtschaft.

 

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[1]        OZON = Obóz Zjednoczenia Narodowego [Lager der nationalen Vereinigung], 1936 innerhalb des Regierungslagers begründete Gruppierung zur Stärkung des Militärs und der konservativ-nationalistischen Ideologie im polnischen Staat.

[2]        Anfang 1939 fanden in Zakopane, dem Zentrum der in der Hohen Tatra beheimateten Bergbewohner (poln. Góralen, dt. auch Goralen), die letzten Skiweltmeisterschaften der FIS vor dem Krieg statt. Wacław Krzeptowski hatte damals den polnischen Präsidenten bei dessen Ankunft in Zakopane feierlich begrüßt. Nur neun Monate später begrüßte er ebenso feierlich den neuen Generalgouverneur Hans Frank. Gegen Ende des Krieges wurde Krzeptowski wegen Kollaboration von polnischen Partisanen gehängt.

[3]        Ordnungspolizei, die im Volksmund nach der Farbe ihrer Uniformen benannt wurde. Während der Okkupation wurde sie von den deutschen Polizeibehörden beaufsichtigt.

[4]        Deutsche Neubezeichnung für Krzeszowice. Mit Möchtegernfeudalherr ist Generalgouverneur Frank selbst gemeint, der dort residierte.

[5]        Rada Główna Opiekuńcza, dt. Hauptfürsorgerat, polnisch caritative Organisation, die sich während beider Weltkriege um polnische Bedürftige kümmerte. An der Spitze standen jeweils Aristokraten und Großgrundbesitzer.

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