CfP: Nachwuchstagung: Deutsche und Juden im östlichen Europa

Aufgrund der aktuellen Situation haben die Veranstalterinnen und Veranstalter beschlossen, diesen Workshop in das Frühjahr 2021 zu verschieben und zeitnah einen neuen Call for Papers zu veröffentlichen.

 

CALL FOR PAPERS


Nachwuchstagung: Deutsche und Juden im östlichen Europa /
Young Scholars Workshop: Germans and Jews in Eastern Europe

 

Veranstalter: Nordost-Institut (IKGN e.V.) Lüneburg 
  Professur für Osteuropäische Geschichte an der Georg-August-Universität Göttingen
  Themendossier „Deutsche und Juden im östlichen Europa - Aspekte einer Verflechtung“
Tagungstermin: 06.—07. Mai 2020
Veranstaltungsort: Lüneburg, Nordost-Institut (IKGN e.V.)
Bewerbungsschluss: 30. März 2020

 

Call for papers (English version below)

Deutsche und Juden prägten das östliche Europa vom Spätmittelalter bis zum Zweiten Weltkrieg. Die historische Rolle beider Gruppen sowie ihre Verflechtungsgeschichte unter imperialen bzw. postimperialen Vorzeichen wurden in der Forschung von der Gewaltgeschichte des Holocaust überlagert und sind erst seit dem Ende des 20. Jahrhunderts erneut in den Blick genommen worden. Im Zuge neuerer, vor allem kulturwissenschaftlich informierter Überlegungen zur Geschichte Osteuropas wurde die bipolare Gegenüberstellung von Mehrheit und Minderheit kritisiert und in Teilen aufgegeben. Stattdessen rückten Prozesse in den Vordergrund, die das alltägliche Zusammenleben der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen im östlichen Europa stärker berücksichtigen und die Vielfalt der Erfahrungen in den Vordergrund rückten. Diese Prozesse sind von gegenseitigen Aneignungen, von Überlagerungen ebenso wie von Abgrenzungen gekennzeichnet.

Mögliche Themen der hier angekündigten Nachwuchstagung sind etwa die Geschichte der Kolonisation und des Landesausbaus in Ostmitteleuropa als Verflechtungsgeschichte oder shared history, die Besiedlung der fruchtbaren Schwarzerdegebiete im Russischen Reich seit der Regierungszeit Katharinas II. und der damit verbundene Landesausbau „Neurußlands“. Doch nicht nur im Zarenreich fallen Ähnlichkeiten und historische Parallelitäten zwischen deutscher und jüdischer Bevölkerung auf. Weitere Themen betreffen die Geschichte von Deutschen und Juden nach dem Ende des Ersten Weltkriegs in den postimperialen Nationalstaaten. Deutsche und jüdische Politiker aus dem östlichen Europa kooperierten im Rahmen des Europäischen Nationalitätenkongresses, um die Einhaltung der in den Pariser Vorortverträgen zugesagten Minderheitenrechte durchzusetzen. Das unabhängige Polen beherbergte – neben Deutschen und Juden, die sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts kulturell an die polnische Nation angenähert hatten und sich häufig mehrfach zugehörig fühlten – signifikante jüdische und deutsche Bevölkerungsgruppen mit einem politischen, ökonomischen und kulturellen Eigenleben. In der frühen Sowjetunion wurde bis zur Stalinisierung in den 1930er Jahren die kulturelle Autonomie von Deutschen und Juden unter kommunistischem Vorzeichen gefördert. 1924 rief man eine wolgadeutsche Republik aus, während die territoriale Komponente der jüdischen Kulturautonomie zu Beginn der 1930er Jahre in Birobidžan im Fernen Osten der Sowjetunion realisiert wurde.
Nicht nur die Anfänge der Geschichte der Deutschen und Juden in Osteuropa waren in Form der sogenannten Ostkolonisation aufeinander bezogen, sondern auch ihr Ende durch Völkermord, Flucht und Vertreibung im kurzen 20. Jahrhundert. Freilich muss die Forschung hier noch weitergetrieben werden, um die problematische These Andreas Hillgrubers vom parallelen Untergang des deutschen Ostimperiums und des europäischen Judentums zu überwinden. Nach der Auflösung der Sowjetunion ist das Interesse an der transnationalen Geschichte sowie dem Erbe der kulturellen Vielvölkerlandschaften des östlichen Europas neu erwacht. Insbesondere durch die Zuwanderung aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion wurde die deutsche Mehrheitsgesellschaft in Form deutscher und jüdischer Zuwanderer/innen mit postsowjetischen Verhältnissen konfrontiert.

Mit dem Call for Papers fordern wir Nachwuchswissenschaftler/innen zur Bewerbung auf, die sich in ihren akademischen Qualifikationsarbeiten oder anderen Forschungsprojekten mit diesen oder verwandten Themen der Geschichte der deutschen und/oder jüdischen Bevölkerungsgruppen im östlichen Europa beschäftigen – es sind also auch ausdrücklich Teilnehmer/innen willkommen, in deren Arbeiten ein entsprechender Vergleich nicht geleistet wird. Die vorzustellenden Texte werden im Voraus eingereicht, so dass sich die Präsentationen auf 20 Minuten beschränken. Neben Historiker/innen werden auch Ethnolog/innen, Literaturwissenschaftler/innen und Politolog/innen nach Lüneburg eingeladen. Die Tagung findet als Kooperation des von der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien (BKM) geförderten Themendossiers „Deutsche und Juden im östlichen Europa – Aspekte einer verflochtenen Geschichte?“, dem Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte an der Georg-August-Universität Göttingen sowie dem Nordost-Institut (IKGN e.V.) statt.


Vorschläge für Panels

A) Wirtschafts-, Sozial- u. Kulturgeschichte:
1. Landesausbau und Ostsiedlung in MA, FNZ sowie Kolonisation im 19. Jahrhundert, 2. Migration(en), 3. Imperialer Staat und Minorität, 4. Staatsgründungen 1918/1919, 5. Ethnographie der Minderheiten

B) Gewalterfahrungen im „Jahrhundert der Extreme“:
1. Vertreibungen sowie „ethnische Säuberungen“ im und nach dem Ersten Weltkrieg, 2. Pogrome und ethnische Gewalt, 3. Völkermord an den osteuropäischen Juden und die Rolle der deutschen Minderheit, 4. Zwangsmigration (Vertreibung, Flucht und Bevölkerungsaustausch),
5. Erinnerungsgeschichte, 6. Ideologien politischer Gewalt

C) Erinnerungsgeschichte und Public History:
1. Das Bild der Deutschen und das Bild der Juden, 2. Feindbilder, Stereotypen und die Ethnisierung der Geschichtspolitik, 3. Erinnerungsorte / lieux de mémoire, 4. lokale Projekte, 5. Oral History

D) Sprach- und Literaturgeschichte (Jiddisch, Hebräisch, Deutsch, Slawisch; Wechselwirkungen)

E) Deutsche und Juden im östlichen Europa heute



Call for Papers

From the late Middle Ages up until the Second World War, German and Jewish population groups constituted a formative economic and cultural element in many regions of Eastern Europe. In the shadow of the holocaust, the role of both groups as imperial or post-imperial minorities and their temporary entanglement as well as historical parallels received not the attention they deserved. Newer studies, mainly informed by paradigms of cultural research, tried to abandon the problematic bi-polar juxtaposition of minority and majority. Instead, researchers took greater account of the constant and daily negotiation of coexistence in Eastern Europe and put more emphasis on the manifold experiences of people in the most various orders.
The young-scholars-conference to be announced here is welcoming contributions concerning the settlement of the fertile black soil regions in the Russian Empire since the reign of Catherine the Great and other related subjects like internal colonization understood in the perspective of shared history or intertwined history or histoire croisée. Similarities and historical parallels concerning Germans and Jews were noticeable not only in the Tsarist Empire. After the end of the First World War German and Jewish politicians from Eastern Europe cooperated in the course of the Congress of European Nationalities to assert that respect be accorded to minority rights they had been assured of in the Paris Peace Conference. Independent Poland after 1918 accommodated significant Jewish and German minorities that had a political, cultural, and economic life of their own. In the early Soviet Union the cultural autonomy of Jews and Germans was promoted - albeit under the banner of communism. In 1924, a Volga German Republic was established while the territorial component of cultural independence in the case of the Jews was realized only at the beginning of the 1930s in Birobidshan, in the Soviet Far East.
The genocide of the Soviet Jews committed by the German occupying forces as well as several waves of deportations that affected among others the population of the formerly autonomous regions of the Volga Germans put the historical role of Germans and Jews in the Russian realm to a sudden end. This was also true for Central Europe and South-East Europe from where a considerable part of the German population fled, was expelled, or deported. In the light of these events, it becomes clear that not only the beginnings of the history of Germans and Jews in Eastern Europe, in the form of the so-called Eastern colonization, were firmly interconnected, but so was their end in the early 20th century, too. Admittedly, studies will have to be continued to overcome the problematic proposition of the simultaneous destruction of the German Empire in the East and European Jewry as it was proposed by Andreas Hillgruber in 1986. After the disintegration of the Soviet Union, there is a newly awakened interest in the transnational history and the heritage of these multi-ethnic cultural landscapes of Eastern Europe. While German and Jewish immigrants from the states of the former Soviet Union in considerable numbers live in re-united Germany today, the German public is confronted with post-Soviet realities.
We seek to engage young scholars who study Germans and/or Jews as minority groups in Eastern Europe in their academic theses or other academic projects and are interested in presenting and commenting on their findings within the framework of an international workshop. Scholars who are dealing with one of the two groups only, are welcomed too. The texts to be presented will be submitted in advance so that presentations can be limited to 20 minutes each. Historians, as well as ethnologists, literature scholars, and political theorists are invited to attend the workshop in Lüneburg, which is organised in cooperation with the thematic dossier “Germans and Jews in Eastern Europe – aspects of an entangled history?” – funded by the Federal Government Commissioner for Culture and the Media as well as the chair for East European History at the University of Göttingen and the Nordost Institute in Lüneburg (IKGN e.V.).


Suggested topics for possible panels

A) Economic, social, and cultural history
1. Internal colonization and settlement in the Middle Ages, Early Modern Age as well as in the 19th century 2. Migration 3. Imperial states and minorities 4. Establishment of nation-states in the interwar period 5. Ethnography of the minority

B) Exposure to war and violence in the „Century of Extremes"
1. Forced evictions as well as “ethnic cleansing“ during and after the First World War 2. Pogroms and ethnic violence 3. The genocide of the East European Jews and the role of the German minority in the Second World War 4. Forced migration (flight and expulsion, evictions, and exchange of populations) from 1941 and after the end of the war 5. History of remembrance and war memory 6. Ideologies of political violence and minority policies

C) History of remembrance and public history
1. The image of Germans and the image of Jews 2. Concepts of enemy, stereotypes, and the policy of historiography, 3. Sites of memory / lieux des mémoire 4. Local projects of memory, 5. Oral history

D) The history of languages and literature (Interdependency and Interplay)

E) German and Jewish life in Eastern Europe today

 


Kontakt / Contact

Prof. Dr. Anke Hilbrenner
Seminar für Mittlere u. Neuere Geschichte
Georg-August-Universität
Heinrich-Düker-Weg 14
37073 Göttingen
+49 (0)551 / 39-21240
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PD Dr. Katrin Steffen
Nordost-Institut (IKGN e.V.)
Lindenstraße 31
21335 Lüneburg
+49 4131 40059-31
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Dr. Alexis Hofmeister
Department Geschichte
Universität Basel
Hirschgässlein 21
CH-4051 Basel
Schweiz
+49 178 2079881
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06.02.2020
Letzte Aktualisierung 18.03.2020

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