Prof. Dr. Rex Rexheuser, 2. Juni 1933 – 24. März 2022

Ein persönlicher Nachruf von Prof. Dr. Joachim Tauber

Am 9. Juli 1990 empfing mich Rex Rexheuser mit den Worten: „Ich gratuliere Ihnen, wir sind Weltmeister.“ Mit dieser ironischen Bemerkung brach mein damaliger Vorgesetzter, ein dem Sport im Allgemeinen und dem Fußball im Besonderen abholder Mensch, in liebenswerter Weise die nationale Euphorie über den Gewinn des Weltmeistertitels durch die deutsche Fußballnationalmannschaft am Vortrag. Ich war damals gerade wenige Monate in Lüneburg als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig, kannte Rex Rexheuser aber bereits von meinem Studium an der Universität Erlangen-Nürnberg, da ich dort in einem meiner ersten Semester eine Vorlesung bei ihm besucht hatte.

Die Lehrveranstaltung hatte die russischen Revolutionen 1917 und den Bürgerkrieg zum Thema und steht insofern für die erste Dekade der wissenschaftlichen Laufbahn Rex Rexheusers. Nach dem Studium der Geschichte und Germanistik u.a. in Göttingen und Paris wurde er 1963 Assistent bei Karl-Heinz Ruffmann, der auf den neugeschaffenen Lehrstuhl für osteuropäische Geschichte in Erlangen berufen worden war. Bei ihm wurde Rex Rexheuser 1971 mit einer Arbeit zum russischen Adel im 18. Jahrhundert promoviert, 1977 erfolgte - ebenfalls in Erlangen - die Habilitation mit einer sozialgeschichtlichen Studie zur russischen Gesellschaft im späten Zarenreich (Dumawahlen und lokale Gesellschaft. Studien zur Sozialgeschichte der russischen Rechten vor 1917, Köln und Wien 1980). Karl-Heinz Ruffmann und Rex Rexheuser ergänzten sich in außergewöhnlicher Weise: hier der dynamische, immer mit Leib und Seele engagierte Memelländer, dort der immer ruhige, präzise und eloquent formulierende Thüringer. Kein Wunder, dass das Seminar für osteuropäische und Zeitgeschichte unter uns Studenten einen besonderen Ruf genoss. 1983 endete nicht nur Rex Rexheusers Zeit in Erlangen, sondern es wandelte sich auch sein wissenschaftlicher Schwerpunkt.

Er betrat also in vielfacher Hinsicht an seiner neuen Wirkungsstätte in Lüneburg Neuland. Die Tätigkeit am Institut Nordostdeutsches Kulturwerk (heute: Nordost-Institut) hatte er erst angenommen, als er überzeugt war, dass trotz der Förderung durch die Bundesregierung im Rahmen der Vertriebenenpolitik die Freiheit der Forschung garantiert war und er mit seinem Verständnis der deutschen Geschichte in Ostmitteleuropa bei dem damaligen Direktor, Dr. Eckhard Matthes, offene Türen einrannte. Die heutige Struktur des Institutes, seine regionale Ausrichtung auf das Baltikum, Polen, (und später) Russland und inhaltliche Grundorientierung gehen im Kern auf die damaligen Überlegungen und Weichenstellungen zurück.

Rex Rexheuser hatte zwei Aufgaben: zum einen sollte er ein Archiv für personen- und regionalgeschichtliche Dokumente aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten aufbauen und Kriterien zur archivalischen Erfassung der Materialien entwickeln. Die heute im Institut auf mehr als 30.000 Stück angewachsene Postkartensammlung und deren Erschließungskriterien gehen noch auf ihn zurück. Zum anderen setzte er neue wissenschaftliche Akzente in der Regionalgeschichte der ehemals zum Deutschen Reich gehörenden oder von deutschen Bevölkerungsgruppen bewohnten Regionen in Nordosteuropa. Dabei rückten polnisch-deutsche Themen in den Mittelpunkt seiner Tätigkeit, was sich in mehreren Vorträgen und Veröffentlichungen, vor allem aber in einem Lehrauftrag an der Universität Hannover (bei Hans-Heinrich Nolte) niederschlug. Das mühsame Geschäft der Umhabilitierung führte schließlich zum Status eines Privatdozenten und außerplanmäßigen Professors an der Universität Hannover. Während des Semesters setzte sich Rex Rexheuser jeden Freitagmorgen in aller Frühe in den Zug nach Hannover, um sein Seminar oder seine Vorlesung abzuhalten – nach seiner Rückkehr am Nachmittag widmete er sich dann in Lüneburg seiner Arbeit im Institut.

Einen maßgeblichen Anteil hatte Rex Rexheuser an der Neukonzeption der Zeitschrift des Institutes. Die programmatischen Äußerungen zur Zielsetzung, die bis zur Umstellung des Layouts im Jahr 2011 auf dem Innenumschlag zu finden waren, stammen aus seiner Feder:

„Das Nordost-Archiv beschäftigt sich mit der Geschichte des nördlichen Ostmitteleuropa […] Im Vordergrund der Aufmerksamkeit stehen die Deutschen, die einst, wie sonst nur die Juden, in nahezu dem ganzen Raum ansässig gewesen sind und ihn zu Zeiten in erheblichem Maße geprägt haben. Allerdings können die Deutschen nicht isoliert gesehen werden. Als Nachbarn, als Eroberer oder Kolonisten, Herren oder Untertanen, Mehrheit oder Minderheit haben sie immer und überall in so enger Berührung mit den anderen ethnischen Gruppen gestanden, daß die deutsche sowenig wie die polnische oder die estnische Geschichte Ostmitteleuropas zu verstehen und zu beurteilen ist, wenn man sie ausschließlich vom Blickpunkt eines einzelnen Volkes betrachtet.“

Bald darauf stellte sich Rex Rexheuser einer letzten, noch größeren Herausforderung: er wurde zum Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Instituts in Warschau berufen, im Frühjahr 1993 verließ er Lüneburg und zog mit seiner Frau um an die Weichsel. Die Warschauer Jahre sind an anderer Stelle ausführlich beschrieben, nicht zuletzt durch Rex Rexheuser selbst, wie etwa in dem von Markus Krszoska 2021 herausgegebenen Band „Wende, Wandel, Weitermachen. Nachfragen zur Geschichtswissenschaft der 1990er Jahre in Deutschland, Polen und Europa“. So kann ich mich auf die Bemerkung beschränke, dass seinem damaligen Team die Jahre mit ihm unvergessen sind und viele, wie etwa Robert Traba, zu Weggefährten und Freunden geworden sind. Rex Rexheuser war – allein aufgrund seines Wesens – der richtige Mann am richtigen Ort. 2014 wurde ihm das Kavalierskreuz des Verdienstordens der Republik Polen verliehen.

Jede Erinnerung an Rex Rexheuser wäre unvollständig, ohne den Redner und Dozenten zu würdigen. Er konnte komplexe Zusammenhänge, langfristige Wirkungen und theoretische Überlegungen in einer Weise verbinden, die das jeweiligen Thema seines Vortrages unter anregende neue Aspekte stellte. Meist sprach er ex tempore, bewaffnet mit einem kleinen Zettel, auf dem er Stichworte notiert hatte, um dann seinem Publikum eine druckreife, geschliffene Abhandlung zu präsentieren. Diese beeindruckende Fähigkeit erwies sich als ein gewisses Hindernis, wenn es an das Abfassen schriftlicher Darstellungen ging: die spielerische Perfektion der oratio hinderte die Schriftlichkeit, denn hier war es möglich, Passagen immer wieder zu verändern und neu zu überdenken. Die Zahl der Publikationen bleibt überschaubar, aber jede von Ihnen ist in sich durchkomponiert und sei zur Lektüre empfohlen.

Im Gespräch kam Rex Rexheusers stupende wissenschaftliche Kompetenz noch deutlicher zum Vorschein als bei den öffentlichen Auftritten. Unterhaltungen mit ihm waren außergewöhnliche Erfahrungen, eben weil sie in einer offenen Kommunikation, immer die Überlegungen des Gesprächspartners aufgreifend und wägend vor sich gingen. Dies war beileibe kein Zufall: allen, die ihn kannten, ist die tiefe Menschlichkeit Rex Rexheusers unvergessen. Seine humanitas zeichnete ihn in besonderer Weise aus. Gepaart mit einem tiefgründigen Humor und Respekt vor dem Gegenüber prägte sie den Menschen Rex Rexheuser.

1998 kehrte die Familie nach Lüneburg zurück, und es entwickelte sich ein besonderer Dialog zwischen dem Institut und seinem ehemaligen Mitarbeiter. Bis zuletzt nahm er an den Ereignissen am Institut regen Anteil, war zusammen mit seiner Frau Stammgast bei den öffentlichen Veranstaltungen. Auch den Umzug in das neue Institutsgebäude an der Lindenstraße in Lüneburg erlebte er noch mit.

Wir trauern um einen außergewöhnlichen Menschen, Kollegen und Freund.

 

 

Lüneburg, den 4. April 2022