Einleitende Bemerkungen von Katrin Steffen

zu

Die Lust an der Rache. Eine historische Soziologie der Mobilisierung zum Völkermord

von Lech M. Nijakowski

Warum kam es in der Geschichte immer wieder zu „Massakern“, „ethnischen Säuberungen“ und „Völkermorden“? In seinem Buch „Die Lust an der Rache“, aus dem wir hier Ausschnitte in deutscher Übersetzung dokumentieren, die besonders die deutsche Zivilbevölkerung in Polen nach 1945 betreffen, geht der Autor L.M. Nijakowski dieser Frage aus einer theoretisch-soziologischen Perspektive nach. Er kommt zunächst zu dem Ergebnis, dass diese Phänomene historisch keineswegs Ausnahmesituationen darstellten – im Gegenteil hätten Menschen schon immer eine Neigung gehabt, andere Menschen massenhaft zu ermorden. Nijakowski hält dies für eine menschliche Konstante, eine Konstante, die nicht nur bei pathologischen Massenmördern oder krankhaften Sadisten anzutreffen sei, sondern bei ganz normalen Menschen. Und er kommt zu dem vielleicht überraschenden und provokanten Schluss, dass Täter kein Unbehagen empfänden, sondern eher eine gewisse Lust daran entwickelten, anderen Menschen Leid zuzufügen und sie zu töten. Denn die damit verbundene Bestialität, die Nijakowski als einen Kommunikationsmechanismus innerhalb einer Gemeinschaft von Tätern analysiert, verursache ein Gefühl von Allmacht. Täter fühlten sich häufig „göttlich“ und berauscht von der Macht über ihre Opfer, die sie als die „Anderen“ aus ihrer Gemeinschaft ausschließen könnten. Nicht nur die Möglichkeit, Grenzen zu überschreiten und kulturelle Tabus zu brechen, sondern dies auch tatsächlich zu tun, sei für viele Menschen mit Lustgewinn verbunden.

In seiner historischen Analyse, in der Nijakowski verschiedene Typen von Massakern wie etwa einen totalen Völkermord und einen teilweisen Völkermord unterscheidet, fragt der Autor, wie sich Bevölkerungen einerseits zu einem Massenmord mobilisieren lassen, stellt aber andererseits auch die Mechanismen vor, die einen solchen verhindern können. Als ein Beispiel dient Nijakowski dabei die Lage der deutschen Zivilbevölkerung am Ende des Zweiten Weltkriegs in Polen. Angesichts der Verbrechen, die Deutsche während der Okkupation von 1939–1945 an der Zivilbevölkerung in Polen begangen hatten, war die Stimmung in Polen in der unmittelbaren Nachkriegszeit an vielen Orten von Rachegefühlen bestimmt – diese bildeten einen Konsens innerhalb der Bevölkerung; viele Polen begegneten Deutschen mit dem Gedanken an eine Kollektivschuld. Es kam zu verschiedenen Racheakten an Deutschen, die sich sowohl in Zeugenberichten als auch in offiziellen Dokumenten finden lassen. Nijakowski geht also der Frage nach, wie, warum, in welchem Kontext und an wem konkret Rache geübt wurde. Vor allem aber analysiert er, warum es in Polen nach 1945 – trotz vereinzelter Massaker an der deutschen Zivilbevölkerung – gerade nicht zu einem Völkermord an den Deutschen kam.

Nijakowski verortet die „Rache“ dabei in einem Raum, in dem in Polen eine neue Nachkriegsordnung durchgesetzt werden sollte, und in dem das Schicksal des Einzelnen der Logik dieser Ordnung unterworfen wurde. Der Autor unternimmt dabei eine neue Interpretation der Kategorie der „Rache“ im Kontext von massenhaften Ermordungen, während derer der Wunsch nach einer Abrechnung für faktisch oder imaginär begangenes Unrecht überraschend oft eine Schlüsselrolle gespielt habe. Aus zahlreichen Interviews und weiteren Quellen leitet Nijakowski ab, dass es ein ganzes Bündel von Motiven gab, das dazu führte, dass zwar Rachegefühle verbreitet waren, eine massenhafte Rache an der deutschen Zivilbevölkerung aber ausblieb. Dazu gehörte etwa, dass diese Bevölkerung zum Teil bei Kriegsende schon geflüchtet oder auf der Flucht war. Dies wurde von großen Teilen der ansässigen Bevölkerung als eine Strafe für begangenes Unrecht interpretiert, eine Strafe, die bereits ausreiche. Zudem hätte der Anblick etwa der zahllosen deutschen Soldaten auf ihrem Weg zurück in den Westen Mitleid erregt – in vielen Interviews wird deutlich, dass sich das Bild der Deutschen gewandelt hatte. Wurden sie bei Kriegsbeginn als arrogant und hochmütig wahrgenommen, so sei nun Empathie aufgetreten; eine Empathie, die viele Polen auch als Schwäche empfunden hätten, weil sie Rachegefühle abmilderten, Rachegefühle, die nicht nur als gerechtfertigt, sondern geradezu als Pflicht wahrgenommen wurden. Aber auch die großen wie die kleinen Gerichtsprozesse gegen nationalsozialistische Täter wurden als eine rechtlich und moralisch zulässige Form von Vergeltung interpretiert, die den eigenen Wunsch nach Rache verringerten. Hinzu trat die Erinnerung daran, dass in der eigenen Gruppe ebenfalls Verbrechen begangen worden waren. Die Tatsache etwa, dass Juden in Polen nicht nur von Deutschen, sondern auch von Polen Unrecht angetan worden sei, habe die Menschen ebenfalls von Racheakten abgehalten.

Nicht zuletzt spielte die Politik der Großmächte eine wichtige Rolle, eine Mobilisierung zum Völkermord zu verhindern. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg entstand ein internationaler Konsens, ein System homogener Nationalstaaten zu schaffen – der Schutz von Minderheiten, wie er noch nach dem Ersten Weltkrieg vorgesehen war, wurde nicht weiter verfolgt. Im Potsdamer Abkommen vom August 1945 wurde diese Politik von den Alliierten sanktioniert, so dass die Zwangsaussiedlung der deutschen Bevölkerung aus Ostmitteleuropa beschlossen wurde. Dieser Beschluss hielt viele Menschen von Racheakten ab. Hinzu kam die Furcht vor der Sowjetunion, die viele derjenigen Polen, die aus den an die Sowjetunion abgetretenen ostpolnischen Gebieten in die neuen Nord- und Westgebiete übergesiedelt waren, als den größeren Feind als die Deutschen erfahren hatten. Das Leben in den neuen Nord- und Westgebieten, wo nach 1945 trotz Flucht und „wilder Vertreibung“ noch viele Deutsche lebten, gestaltete sich auch wegen der Anwesenheit von sowjetischen Truppen als schwierig, es herrschten Hunger, Wohnungs- und Arbeitsmangel – in dieser Situation, so Nijakowski, fehlte zuweilen auch einfach die Kraft, Rache zu nehmen. So präsentiert der Autor ein ganzes Bündel von Motiven, die dazu führten, dass es zu keinem Völkermord oder Teil-Völkermord an der deutschen Zivilbevölkerung kam – womit er gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der Gewalt und zu den Bedingungen einer Deeskalation von Gewalt leistet.

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Die Lust an der Rache.

Eine historische Soziologie der Mobilisierung zum Völkermord

 von Lech M. Nijakowski

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10.2. Faktoren, die eine Mobilisierung zum Völkermord verhinderten

Im Folgenden werden Faktoren aufgeführt, die eine Mobilisierung zum Völkermord verhindert haben. Sie wurden durch eine Analyse der Fachliteratur, erfragter Erinnerungen sowie Tiefen- und narrativer Interviews herausgearbeitet. Ein Teil der Faktoren wurde von den Befragten direkt benannt, andere wurden nicht erwähnt. Manche Faktoren blieben unberücksichtigt. Dies waren jene, die zwar von den befragten Zeitzeugen der Nachkriegsereignisse genannt wurden, jedoch – wie die polnische Religiosität, die Katholiken unmoralische Racheakte verbietet – keine nachweisbare Wirkung hatten. Katholiken haben nämlich ihre Taten rationalisiert, indem sie sich auf Glaubensprinzipien beriefen. Dies gilt sowohl dann, wenn sie Racheakte vermieden und Barmherzigkeit übten, als auch dann, wenn sie Pogrome verübten. Dies geschah so im Falle von Gewalt gegenüber Juden nach dem Krieg. (vgl. Gross 2008)

10.2.1. Flucht vor Racheakten und Aussiedlung

Die Nationalsozialisten hatten in vielen Fällen verboten, die Bevölkerung aus den bedrohten Ostprovinzen zu evakuieren. Die Propaganda verunsicherte die Bevölkerung einerseits, indem sie mit der Rache der „jüdischen Bolschewisten“ hantierte. Sie ließ allerdings die Bevölkerung andererseits in dem Glauben, eine Evakuierung sei nicht notwendig, weil der Ansturm aus dem Osten diesmal an der deutschen Verteidigung zerschellen werde. Diejenigen, die auf eigene Faust flüchteten, wurden nicht selten wie Verräter behandelt. Die drastischen Folgen dieser Politik ließen sich besonders in Ostpreußen beobachten. Die Evakuierung wurde zu spät oder gar nicht veranlasst. Dies geschah besonders dann, wenn die nationalsozialistischen Machthaber flohen, ohne sich um die zurückbleibenden Zivilisten zu kümmern.

       Die Befragen machten zum Teil selbst darauf aufmerksam, warum Rache ausblieb. „Sie flohen mehr vor den Russen. Sie fürchteten sich selbst panisch vor den Russen“ (LZ-S1-K-1935-P-W). Weil die Deutschen weg waren, gab es niemanden, den man hätte bestrafen können. „Sie waren sozusagen zu schnell weg (...). Es gab schlicht niemanden mehr [zum Bestrafen]“ (LZ-18-M-1936-P-W). „Ich glaube, dass diejenigen, die etwas auf dem Gewissen hatten, früher geflohen sind. Aber das war im Verhältnis zur Größe dieses Ortes keine große Gruppe. Einige, die sich dort zur deutschen Intelligenz zählten, zur alten deutschen Intelligenz, ein gewisser Arzt, die sind weg, denn sie glaubten an Vergeltung, nicht wahr, es gab derartige Gerüchte, soll heißen Propaganda“ (LZ-14-M-1936-P-W).

       Obwohl es ihnen verboten war, wurden die Menschen von ihrer Angst zu Flucht getrieben. Dies geschah sogar unter dem Beschuss feindlicher Flugzeuge, die – wie früher die Luftwaffe – auch die kläglichen Kolonnen von Zivilisten nicht verschonten. Die Flucht setzte sich auch nach dem Überrollen durch die Front fort. Wie im Falle der Frau, die zwei sich versteckende jugendliche deutsche Soldaten (14-15 Jahre alt) an die russischen Soldaten auslieferte: „(...) und dann denunzierte diese furchtbare Wiśniewska, bis gestern noch eine fanatische Hitleranhängerin, die Soldaten bei den Rotarmisten. Die Russen erledigten sie gleich vor dem Zaun, der die „Ostseeperle“ umgab. (...) Die Wiśniewska musste fliehen, denn wenn sie geblieben wäre, hätten die Nachbarn sie gewiss in Stücke gerissen“ (Szczepuła 2010: 165).

       Die Zwangsaussiedlung der Bevölkerung wurde bereits als Strafe und Rache an den Deutschen aufgefasst. Die Durchführung der Umsiedlung kann man auch als einen der Faktoren sehen, der die Mobilisierung zum Völkermord bremste, indem er die potenziellen Opfer aus dem strittigen Territorium entfernte. Eine der Befragten erzählte, dass Bergarbeiter nach der Befreiung einen Denunzianten aus ihrer Grube den Behörden meldeten, der dann zusammen mit seiner Familie ausgesiedelt wurde (LZ-17-K-1928-P-WA). Es wurde keine Selbstjustiz verübt, sondern man ließ den Betroffenen aus der örtlichen schlesischen Gemeinschaft entfernen.

       Wie die Polen damals die Aussiedlungen bewerteten, lässt interessante Rückschlüsse zu. Die Aussagen basieren auf den quantitativen Untersuchungen durch Pentor im Jahre 2009 (Nijakowski 2010a: 266-269). Auf die Frage: „In den ersten Nachkriegsjahren wurde die deutsche Bevölkerung aus den an Polen angegliederten Gebieten ausgesiedelt. Waren diese Maßnahmen Ihrer Meinung nach...“ antworteten 40,3%, dass die Maßnahmen „völlig gerechtfertigt waren“, 24,6% sahen sie als „eher gerechtfertigt“, 7,9% als „eher ungerechtfertigt“ und lediglich 2,8% als „völlig ungerechtfertigt“ an. Dass diese Frage den Befragten Schwierigkeiten bereitet hat, lässt sich am hohem Prozentsatz derjenigen ablesen, die mit „schwer zu sagen/ich weiß nicht“ geantwortet haben. Das waren 24,4 %. Die deutliche Mehrheit der Befragten – zwei Drittel – glaubte allerdings, dass die Aussiedlungen gerechtfertigt waren. Zur Begründung verwies jeder vierte Befragte auf die Gerechtigkeit und darauf, dass die Deutschen eine Strafe verdient hätten. Das, was die Vertriebenenverbände die Rache der Opfer nennen, definieren die Polen als Akt ausgleichender Gerechtigkeit. Ein großer Prozentsatz (22,9%) knüpfte an das Bild der „Wiedergewonnenen Gebiete“ an. Sie argumentierten, dass „alte polnische Regionen zum polnischen Staat zurückgekehrt sind“. Diejenigen, die gegenteilig geantwortet hatten, verwiesen auf die Verwurzelung der deutschen Bevölkerung in diesen Gebieten bzw. auf den ungerechten Charakter sämtlicher ethnischer Säuberungen sowie darauf, dass es keine Kollektivschuld eines ganzen Volkes gebe.

       Gefragt wurde auch, ob – angesichts der Ereignisse während des Zweiten Weltkriegs – ein friedliches Zusammenleben von Deutschen und Polen auf demselben Territorium möglich sei. In dieser Frage fielen die Antworten deutlich unterschiedlicher aus. Nur 4,5% antworten mit einem „klaren ja“ oder „eher ja“ – 20,7%, mit „eher nein“ 30,4% und mit „auf keinen Fall“ 32%. Keine Antwort auf die Frage gaben 12,4%. Die Mehrheit der Befragten (62,4%) meinte somit, ein Zusammenleben sei unmöglich. Dies kann man als Rechtfertigung der Aussiedlungen ansehen. Wären die Deutschen geblieben, hätten sie unmittelbare Racheakte seitens derjenigen treffen können, die von den Grausamkeiten der Besatzung gezeichnet waren. Dieser Aspekt wird im Übrigen auch von Historikern unterstrichen. Jan M. Piskorski (2010: 209) merkt dazu an: „Will man aus einer derartigen Position sachliche Kritik an den Entscheidungen über die Umsiedlungen in der Nachkriegszeit üben, muss man nachweisen, dass diese mehr Menschenleben gekostet haben als wenn man diese Entscheidungen eventuell nicht umgesetzt hätte.“

       Die Antwort auf obige Frage korreliert, statistisch gesehen, mit dem Alter, dem Bildungsgrad sowie der Größe und der Region des Wohnorts der Befragten. Je älter der Befragte war, desto deutlicher war die Zustimmung. Die jüngeren Befragten mussten zur Beantwortung der Frage zunächst ein Gedankenexperiment vollziehen, weil sie sich auf keine Erfahrungen, auch nicht aus der Nachkriegszeit, mit der deutschen Bevölkerung berufen konnten. Die aus Erzählungen bekannten Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzung lassen für diese Gruppe ein Zusammeleben nach dem Krieg deutlich weniger wahrscheinlich erscheinen. Hinsichtlich der Bildung ist der Zusammenhang eher schwach. Personen mit geringer Bildung haben häufiger keine Meinung. Das erscheint verständlich, da die Frage nicht gerade einfach zu beantworten ist. Unter der Landbevölkerung erklärten mehr Personen, dass sie keine Antwort hätten. Regional gesehen kreuzten die Bewohner im nördlichen Polen deutlich öfter ein „Ja“ an. Die Befragten in Zentral- und Südpolen verweigerten eher die Zustimmung. Im nördlichen Polen leben Personen, die noch mit der einheimischen Bevölkerung, darunter Deutsche, zusammengelebt haben. Diese sind in der Regel nicht von heute auf morgen verschwunden. Diese Korrelationen zeigen also, dass die Erfahrung eines Zusammenlebens mit Deutschen die Bereitschaft steigert, eine Chance für ein einvernehmliches Zusammenleben mit den ehemaligen Feinden wahrzunehmen.

 

10.2.2. Die Angst vor dem neuen Feind

Im öffentlichen Diskurs der Volksrepublik Polen dominierte eine antideutsche Haltung, die den Deutschen als Hauptfeind konstruierte. Alle anderen negativen Helden des kollektiven Gedächtnisses traten dahinter zurück. Nach 1989 gewannen hingegen Stimmen an Gewicht, die als Hauptfeinde Russen, Ukrainer und andere Nationen ansahen (Kwiatkowski 2008). Doch erst die Pentor-Befragungen von 2009 zeigten das Ausmaß der Veränderungen im kollektiven Gedächtnis der Befragten. Diese wurden demnach gefragt, ob es in ihren Familienerzählungen Berichte über Kontakte zwischen Familienmitgliedern und Angehörigen anderer Nationen während des Zweiten Weltkriegs gegeben habe. Es stellte sich heraus, dass die Fünfprozenthürde nur von fünf Nationen übersprungen wurde: Deutsche, Russen, Juden, Ukrainer und Engländer. Anschließend wurde gefragt, welche Erinnerungen in den Familien erhalten geblieben sind. Von den fünf am häufigsten erwähnten Nationen wurden dabei drei als Feinde erinnert: Deutsche, Russen und Ukrainer. Überraschend war, dass die Ukrainer im Wettlauf um eindeutig negative Erinnerungen den ersten Platz einnahmen. Erst auf dem zweiten Platz folgten die Deutschen, auf dem dritten die Russen. Auch die Einteilung der Antworten in „eindeutig schlechte“ und „eher schlechte“ verändert die Hierarchie nicht: Ukrainer (63,8%), Deutsche (62,6%), Russen (57%).

       Polen, die den Krieg in den Gebieten verbrachten, die 1939 von der Sowjetunion übernommen wurden, haben mehrheitlich ein völlig anderes Verhältnis zu Deutschen als Polen aus dem Generalgouvernement oder den ins Reich eingegliederten Gebieten. Für diese Landsleute standen die sowjetischen Repressionen am Anfang des Krieges. Sie wurden nicht nur wegen ihrer Klassenzugehörigkeit, sondern auch wegen ihrer Nationalität diskriminiert, von den Sicherheitsorganen verfolgt, nach Osten deportiert oder ermordet. Es herrschte allgemeine Angst, die Furcht wuchs. Einer der Befragten, der den größten Teil des Krieges in Brody verbracht hatte, erklärte offen, dass er und seine Bekannten die Deutschen als Befreier begrüßt hätten (LZ-19-M-1929-P-W). Für die Polen aus den Grenzgebieten waren die Sowjets, als sie die Deutschen vertrieben, bereits ein vertrauter Feind. Für die Polen in den anderen Besatzungsgebieten waren sie hingegen ein neuer Feind. Einer der Befragten, dessen Familie Opfer der kommunistischen Geheimpolizei (UB) wurde (seine Tante wurde nach seinen Angaben bis 1989 verfolgt), äußerte sich so: „Das war ein Leben, das aufs engste mit dem Tod verbunden war. So eng, dass kein Spalt blieb, kein Zwischenraum.“ Gefragt, warum es keine massenhaften Racheakte an den Deutschen gab, antwortete er: „Ich denke, dass die Deutschen bei uns im Vergleich mit den Sowjets freundlicher waren. Kein Vergleich!“ (LZ-18-M-1936-P-W)

       Die Soldaten der Roten Armee und andere Funktionäre der UdSSR werden sehr unterschiedlich dargestellt. Am häufigsten – pars pro toto – werden sie als Russen bezeichnet (Ruskis, Iwan). Das ist im Übrigen auch ein Reflex der sowjetischen Nachkriegspropaganda, die aus Russen das „erste unter gleichen“ Völkern der Sowjetunion machte. Russen werden häufig als Feinde und Plage dargestellt, die über das polnische Volk gekommen sei. Gegenüber Deutschen ziehen sie häufig den Kürzeren. „Die Russen waren furchtbar dreckig, als sie hier einmarschierten. Die Deutschen dagegen, die waren elegant, immer so sauber.“ (LZ-S20-K-1930-P-NP) „Ich sage, die Russen haben die Polen noch schlechter behandelt (...), denn die sagten, das sind deutsche Gebiete, hier leben Deutsche. Sie erklärten uns zu Deutschen.“ (LZ-S14-K-1925-P-P) „(...) von meiner Seite, dort im Gebiet Suwałki, haben die Großeltern größere Vorwürfe gegen die Russen als gegen die Deutschen erhoben, die dort nicht so viel Schaden angerichtet haben wie die Russen.“ (Pentor DG, Gruppe 6, Białystok, 26.05.2009, 26-45 Jahre)

„[Oma] sagte, als die Deutschen kamen, waren sie nett und sympathisch. Sie war bucklig, als Frau kein schöner Anblick, sie schämte sich dafür, aber die Deutschen haben sie sehr gut behandelt, geachtet. Sie half dort mit ihren Eltern, etwas vorzubereiten. Klar, um zu überleben, denn sie wird schließlich nicht kämpfen. Und ja, im Rahmen des Möglichen ging alles vorüber. Dann kamen die Russen, und sie sagte, ‚mein Gott’, die haben alles, was da war genommen, sich um den letzten Kanten Brot geprügelt. Meine Leute haben gerade so überlebt, aber es doch geschafft.“ (Pentor DG, Gruppe 6, Białystok, 26.05.2009, 26-45 Jahre)

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Befragten, wenn sie über Ungerechtigkeiten sprachen, die das Stereotyp vom Deutschen störten (Mörder, aber sauber, ordentlich und diszipliniert), auf diesen Widerspruch selbst hinwiesen: „Die Deutschen kamen in die Wohnung, plünderten jede kleinste Ecke und, welch Wunder, stahlen, entgegen der Meinung über die Deutschen, alles Wertvolle.“ (LZ-S8-K-1933-P-W) Nicht unerwähnt bleiben darf hier allerdings, dass einige wenige Befragte die Nachkriegszeit besser bewerteten als die Vorkriegszeit. Diese binären Gegenüberstellungen waren mit einer breit verstandenen sozialen Absicherung und gesellschaftlichen Aufstiegsmöglichkeiten verbunden. Russen erschienen in dieser Perspektive als Garanten einer gerechteren Gesellschaftsordnung:

„Unter den Russen, kann man sagen, war es gut. Die Leute bekamen, so wie ich heute [kostenlose] Medikamente, verschiedene Kuraufenthalte (...) Ausflüge gab es, (...) sogar bei der Arbeit, wie sie war (...) Jetzt ist Polen, ganz Polen eine Demokratie geworden, wie man sagt (...). Das ist keine Demokratie.“ (LZ-S28-M-1929-P-P)

Auch das Motiv der Vergewaltigung erscheint in den Erzählungen der Befragten, wenngleich oft sehr allgemein oder verschleiert: „Na, aber die Russen haben uns befreit, leider, aber wie Russen halt so sind. Das war furchtbar. Die nahmen keine Rücksicht, weder auf Frauen noch auf sonst jemanden. Die haben Kinder geschändet, Frauen, alles, oh mein Gott...“ (LZ-S2-K-1924-P-Ś)

„Eine solche Geschichte erinnere ich, irgendetwas aus entlegenen Zeiten. Oma erzählte, wenn die Deutschen ins Haus kamen, dann waren das sehr elegante Herren, die nicht vergewaltigten, nicht rauchten, nichts raubten, eigentlich baten sie immer um etwas, als hingegen die Russen kamen, da sprachen alle von Sodom und Gomorra. Junge Mädchen wurden im Keller versteckt. Sie nahmen alles mit, zerstörten, gingen sozusagen über Leichen zum Ziel.“ (Pentor DG, Gruppe 8, Przemyśl, 10.06.2009, 26-45 Jahre)

Russen werden als ein primitives Volk dargestellt, das in Polen zum ersten Mal auf eine entwickelte Zivilisation traf. Oft wird zu ihrer Beschreibung auf pejorative und stigmatisierende Bezeichnungen zurückgegriffen:

„Ich erinnere mich, wie meine Oma erzählte, dass alle begeistert waren, als die Deutschen kamen, sie wie Befreier begrüßten. Als dann die Sowjets kamen, war meine Oma sieben Jahre alt. Und meine Uroma fürchtete, dass ihre Tochter vergewaltigt wird, weshalb sie sie über zwei Wochen in der Scheune versteckt hielt. Was noch – die Sowjets, als sie in Danzig einmarschierten, zerstörten sie nicht nur 70% der Stadt, weil sie die Stadt für deutsch hielten, sondern plünderten, was das Zeug hielt. Sogar die goldenen Henkel vom Porzellan haben sie abgetrennt und geklaut, denn sie dachten, das sei Gold. Ganz einfach Abschaum und Gesocks aus dem Osten.“ (Hervorhebung – L.M.N.; Pentor, DG, Gruppe 10, Gdańsk, 1.06.2009, 16-25 Jahre)

Auffällig ist, dass sich häufig die jüngsten Befragten (in den Alterskohorten) abfällig über die Russen äußern, indem sie die Erzählungen der Großeltern wiederholen. Hier könnte aber auch der Einfluss des antirussisch ausgerichteten öffentlichen Diskurses in Polen Einfluss gehabt haben.

       Die Nachkriegsjahre brachten also Terror, der von Soldaten der sowjetischen Armee, der sowjetischen Sicherheitsorgane sowie der polnischen Kommunisten ausgeübt wurde. Vielen Polen galten sie als sowjetische Marionetten. Die Bekämpfung der polnischen Untergrundbewegung und der politischen Opposition sowie die forcierte ökonomisch-gesellschaftliche Umgestaltung führten bei vielen, wenn auch nicht bei allen Polen, zu einem Gefühl fehlender Sicherheit. Eine der Befragten gab an, dass sich niemand mit den Deutschen befassen konnte, denn die waren geflohen. „Das wurde aber sofort vom Konflikt der polnischen gegen die sowjetischen Soldaten verdeckt, nicht wahr, von irgendwelchen Säuberungen, die sie hier durchführten.“ (LZ-1.2-K-1928-P-WA) „Aber später waren wir irgendwie ernüchtert“ – fügte sie hinzu. Sie unterstrich dabei, dass sich ein Teil Polens noch unter Besatzung befand. Es herrschte eine neue politische Situation und „das verdeckte die deutsche Frage“.

„Der Terror während dieser Zeit, der mehrheitlich unmittelbar vom NKWD organisiert wurde, untergrub zum großen Teil die Fähigkeit der Gesellschaft, zu widersprechen und Widerstand zu leisten. Vielmehr beförderte er eine neue Angst in der Gesellschaft, die nach Jahren unaufhörlicher Bedrohung vor allem nach Sicherheit verlangte, nach Ruhe, Stabilität, einer normalen Existenz.“ (Kersten 1993: 14)

Der neue Feind erreichte, dass die gerade beendeten Leiden in den Hintergrund traten. Die Angst vor dem Alltag verschob die Träume von Rache aufs Nebengleis. Die Ängste vor den Sowjets waren mit Erwartungen eines Dritten Weltkriegs verbunden. Dieses Motiv erscheint nicht in den Erzählungen der Befragten, ist aber in anderen Quellen und Untersuchungen präsent. Darauf weist Hanna Świda-Ziemba (2003: 81) hin, die ein Fragment aus dem Tagebuch eines Studenten des 3. Studienjahres von 1948 zitiert: „Ich dachte in diesem Moment, dass ich doch Krieg will. Ich würde alles geben, damit er ausbricht. Er ist für Polen und die ganze Welt notwendig. Atompilze werden in die Luft steigen, Leichen sich türmen, neue Morde, neue Verbrechen. Aber endlich wird dann die Sache mit den Sowjets geklärt sein.“

       Negative Helden in den Erzählungen der Befragten sind natürlich auch die Ukrainer. „Ich fürchtete mich mehr vor den Ukrainern als vor den Deutschen“ – gab eine der Befragten an, die die Besatzung in Warschau überlebt hatte. (LZ-S35K-1922-P-P) In den Gebieten, die zunächst von der Sowjetunion okkupiert waren, werden die Ukrainer mit dem Einmarsch der Deutschen als „eifrige Henker“ des Dritten Reiches beschrieben. Ein junger Pole, der fast die ganze Okkupationszeit in Brody verbracht hatte, erklärte, dass die Informationen über die deutschen Grausamkeiten nicht „so deutlich“ in der polnischen Gesellschaft ankamen. Die Verbrechen der Ukrainer aber, besonders der ukrainischen Polizei, sehr wohl allen vor Augen standen. (LZ-19-M-1929-P-W)

„Ich habe einen Onkel im Osten, 88 Jahre alt, er war Partisan in der Gegend von Lublin, Zamość, Grabowiec (...). Wenn er erzählt, dann sagt er, so wie wir die Deutschen hatten, gab es dort die Ukrainer. Und weiter, dass die Deutsche kultiviert waren, nicht alles wegnahmen, die Ukrainer jedoch die Mädchen vergewaltigt haben, die Töchter, keinerlei Skrupel hatten. Unsere zogen die Deutschen auf den Dörfern hundertmal den Ukrainern vor, die keinerlei Moral hatten, keine Menschlichkeit, so wie die mit den Menschen umgegangen sind.“ (Pentor DG, Gruppe 1, Warszawa, 20.05.2009, 26-45 Jahre)

Der Krieg erscheint als Zeit des Chaos, in dem normale Menschen nicht nur zu Opfern anonymer Mächte werden, sondern auch kollektiver Taten unterschiedlicher Nationen. Die Feinde ändern sich, aber sie sind nicht gleichrangig. Für viele Befragte war Bedrohung seitens der Ukrainer, die chronologisch am Ende stand, die schlimmste. Die ukrainischen Grausamkeiten übertrafen die schlechten Erfahrungen mit Sowjets und Deutschen:

„Meine Mutter, die in Łomża wohnte, das ist in der Gegend von Białystok, floh erst vor den Russen, dann vor den Deutschen, und danach vor den Ukrainern. Bei uns zu Hause wurde immer erzählt, dass die Deutschen im Vergleich mit den Ukrainern harmlos gewesen sind.“ (Pentor DG, Gruppe 12, Gdańsk, 2.06.2009, 46-65 Jahre)

Das Gespräch von Teilnehmern eines Gruppeninterviews kann hier als charakteristisch angesehen werden:

„- Aber diese Ukrainer werden als das grausamste Volk angesehen.

- Oft sind die Polen an Orte geflohen, wo Deutsche waren, denn wenn schon, dann wollten sie wenigstens auf humanitäre Art sterben.

- Der Onkel interpretiert das so, dass die Deutschen frommer waren, an Gott glaubten, und wenn sie zu töten vermochten, dann auf normalere Art, humanistisch, aber die Ukrainer kannten keinerlei Prinzipien.“ (Pentor DG, Gruppe 1, Warszawa, 20.05.2009, 26-45 Jahre)

Die Zeugen erinnerten sich auch daran, wie sich Vertreter der Nationalitäten aus dem Osten an den Okkupations- und Ausrottungsmaßnahmen der Deutschen beteiligten. Eine ehemalige Insassin des Lagers Majdanek beobachtete: „Auf dem Wachturm standen keine Deutschen. Das waren Litauer und Ukrainer. Ukrainer sind Bestien, das wissen Sie und haben davon gehört. Das Schlimmste, was es gab, waren jedoch die Litauer. Die waren nicht nur für die Juden, sondern für alle Gefangenen wie Tiere, wilde Tiere.“ (zitiert nach: Fechner 1996: 51).

       Für die negative Einstellung gegenüber den Ukrainern waren jedoch vor allem die ethnischen Säuberungen verantwortlich, die von der OUN (Organisation Ukrainischer Nationalisten) und der UPA (Ukrainische Aufständische Armee) begonnen wurden. Selbst wenn die Menschen in Städten lebten, wurden sie Zeugen der ukrainischen Grausamkeiten. Einer der Befragten, damals ein Teenager, erzählte, dass sie dann von den Gemetzeln erfuhren, als polnische Flüchtlinge in der Stadt ankamen. Darüber hinaus hatte er die Möglichkeit, die massakrierten Leichen der Opfer in der Leichenhalle zu sehen. (LZ-19-M-1929-P-W)

 

10.2.3. Die Pläne der Alliierten

Die alliierten Großmächte waren entschlossen, Deutschland dieses Mal zu besiegen und zu besetzen. In diesem Zusammenhang entstanden unterschiedliche Pläne für die Zukunft Deutschlands. Sie reichten von einer radikalen Deindustrialisierung und Aufteilung des Landes bis hin zur schrittweisen Umerziehung der Deutschen. Diese sollten fähig werden, sich auf der Grundlage der Prinzipien einer liberalen Demokratie selbst zu regieren. Schon während ihrer Offensiven verschonten die Alliierten strategische und industrielle Ziele. Dazu zählten ebenso Bergwerke und Hütten, die ohne spezialisiertes Personal nicht funktionieren konnten. Dies führte auch dazu, dass etwa Bergleute mit ihren Familien keine Opfer von massenhaften Vergeltungsakten wurden. Eine Befragte aus Nikiszowiec (ursprünglich eine Arbeitersiedlung für die Bergleute der „Giesche-Grube“, seit 1960 Stadtteil von Kattowitz) erzählte, dass die Sowjets die gleiche Strategie wie die Deutschen anwandten. Maßgebend war die Aufrechterhaltung der Produktion. Aber auch die Bergleute verteidigten ihre Arbeitsplätze, indem sie der geplanten Zerstörung entgegenwirkten und die Verminung der Grube sabotierten. (LZ-17-K-1928-P-WA)

       Die Alliierten bildeten den Alliierten Kontrollrat, in dem die UdSSR bis März 1948 mitarbeitete. In der Praxis jedoch betrieb jede Besatzungsmacht zunächst ihre eigene Politik. Amerikaner und Briten führten das „weichste“ Okkupationsmodell ein. Das amerikanische Modell zum Wiederaufbau Deutschlands sah Entmilitarisierung, Entnazifizierung, die Zerschlagung der Kartelle sowie Demokratisierung vor. (Jagiełło 2005: 34) Diese Besatzungsmächte erfreuten sich bei vielen Deutschen eines hohen Ansehens. Die Franzosen behandelten die Menschen in ihrer Besatzungszone deutlich härter. Rücksichtslos trieben sie ihre Reparationen ein und hofften auf territoriale Gewinne in Form des Saarlandes. Letztlich verblieb das Saarland jedoch im Ergebnis des Referendums von 1955 bei Deutschland. Paris stachelte aber auch die regionalen Unterschiede in den besetzten Gebieten an. Am rücksichtslosesten betrieb jedoch die Sowjetunion eine tiefgreifende gesellschaftliche Transformation Deutschlands, wobei der Widerstand der Bevölkerung ohne Pardon gebrochen wurde.

       Die großen radikalen Pläne zur Bestrafung der Deutschen zerschlugen sich jedoch an praktischen Fragen. Wiederaufbau und Verwaltung des Landes erforderten die Mitarbeit der Deutschen, darunter der Spezialisten, davon viele Nationalsozialisten. Abgesehen von diesem Umstand war die Besatzung teuer. Obwohl die Pläne zur Entnazifizierung nicht verworfen wurden, zeigt ihr Verlauf jedoch, dass die strategischen Ziele dafür sorgten, die Anhänger einer Abrechnung mit der deutschen Gesellschaft zu beschwichtigten. Eine Analyse der Nachkriegskarrieren derjenigen, die entweder Nazis waren oder mit dem Regime eng zusammengearbeitet hatten, macht deutlich, wie viele Personen mit sehr unterschiedlichen Berufen die Zäsur des Zusammenbruchs des „Tausendjährigen Reiches“ relativ geschmeidig überstanden hatten. (Frei 2011)

       In der Praxis zählten vor allem wirtschaftliche Fragen. Das galt sowohl für die Länder des alten Kontinents als auch für die Amerikaner. Die Sowjetunion stand vor der großen Herausforderung, das zerstörte Land wieder aufzubauen. Zu diesem Zwecke beschlagnahmte sie nicht nur – im Rahmen von Reparationen – Anlagen, Rohstoffe und andere Güter, sondern bemühte sich auch, die deutsche Wirtschaft maximal auszunutzen. Ähnlich gingen die Franzosen vor. Großbritannien und die Vereinigten Staaten wiederum waren daran interessiert, die Kosten der Besatzung, die sich als bedeutende Belastung für ihre Volkswirtschaften erwiesen hatten, zu minimalisieren. (Bartlett 1997: 277) Dazu war die deutsche Arbeitskraft unabdingbar. Die Deutschen waren als Arbeitskräfte einfach zu wertvoll und sie konnten praktisch nicht durch ein großes Kontingent eigener Bürger oder Verbündeter ersetzt werden – dies hätte mit Sicherheit zu einer wirtschaftlichen Katastrophe geführt.

       Wahrscheinlich war den Alliierten auch klar, dass eine zu restriktive Politik gegenüber der deutschen Bevölkerung deren Sympathie in Richtung der Rivalen hätte lenken können. Dies war umso relevanter, als die Zukunft Deutschlands noch nicht endgültig festgelegt worden war. Die Besatzungszonen sollten nur eine vorübergehende Lösung darstellen. (Ebd.: 276) Die gegenseitigen Verdächtigungen der Alliierten, die noch keine klare Vorstellung von ihrer zukünftigen Rivalität hatten, zwangen die Regierenden, sich um die Unterstützung des bevölkerungsstarken Volkes im Herzen Europas zu bemühen.

       Als die USA erkannt hatten, dass sie ihr Engagement in Europa aufrecht erhalten mussten, wenn sie das Vordringen der Sowjetunion aufhalten wollten, erarbeiteten sie die Truman-Doktrin, die vorsah, Griechenland sowie die Türkei zu unterstützen. Zudem legten sie den Marshall-Plan auf. Rechtsgrundlage dafür war der Foreign Assistance Act vom 3. April 1948. Im Rahmen der Hilfe wurde von den Deutschen verlangt, eine Währungsreform durchzuführen. Diese wurde von Ludwig Erhard erarbeitet, dem Schöpfer des „Wirtschaftswunders“ in den Jahren 1963–1966. Die Währungsreform beunruhigte wiederum die Sowjetunion, die um ihren Einfluss auf die von ihr kontrollierten deutschen Länder fürchtete.

       Die späteren Ereignisse führten zu einer schrittweisen Abkühlung des Verhältnisses zwischen den westlichen Alliierten und der Sowjetunion sowie zum Kalten Krieg und der Teilung Europas. Auf diesem Weg kam der Berlin-Blockade eine besondere Bedeutung zu (so genannte erste Berlin-Krise). Die Zufahrtswege nach Berlin begannen die Sowjets schon am 18. Juni 1948 zu blockieren. In der Nacht vom 23. auf den 24. Juni wurde eine vollständige Blockade der Westsektoren verhängt sowie die Energieversorgung unterbrochen. Die Westalliierten entschieden sofort, eine Luftbrücke nach West-Berlin einzurichten. Am 4. Mai 1949 unterzeichneten die vier Besatzungsmächte schließlich einen Vertrag über die Normalisierung des Verkehrs, der dann am 12. Mai 1949 wiederhergestellt wurde.

       Eine Wende stellte der Ausbruch des Koreakrieges am 25. Juni 1950 dar. Die nordkoreanische Armee griff den Süden an, der von den Amerikanern kontrolliert wurde. „Westdeutschland fühlte sich sofort als Südkorea Europas.“ (Jagiełło 2005: 95) Eine unmittelbare Folge davon war die Remilitarisierung der westlichen Besatzungszonen. Diese rief im Übrigen nicht nur internationale Spannungen hervor, sondern auch politische Konflikte in Deutschland. Gegen die Wiederbewaffnung protestierte die pazifistische Bewegung.

„Eine verfrühte Remilitarisierung Deutschlands, die den Kalten Krieg hervorrief, fügte dem deutschen Geschichtsgedächtnis zweifellos Schaden zu. Dass der nach dem Krieg hauptsächlich von den Alliierten durchgeführte Entnazifizierungsprozess größtenteils als Fiasko endete (...) war zweifellos der Notwendigkeit geschuldet, die Deutschen gegen die vermutete Aggression der UdSSR wieder zu bewaffnen.“ (Ebd.: 105)

Im Jahre 1955 trat Westdeutschland der NATO bei und erlangte die Souveränität.

       In Polen wiederum strebte Stalin die Verfestigung seiner Herrschaftsgrundlagen an. Am Ende des Zweiten Weltkriegs und danach dauerte der Kampf um die Macht an, was von einigen als Bürgerkrieg bezeichnet wird. Die kommunistischen Regierungen sahen aus dieser Perspektive die Deutschen nicht als bedeutendes Problem an. (Borodziej, Lemberg: 2000: 7)

       Die alliierten Großmächte planten daher nicht nur keinen teilweisen Völkermord, sondern behandelten – zumindest ab einem gewissen Moment – die Selbstjustiz von unten als destabilisierenden Faktor, der die Verwirklichung der wirtschaftlichen, militärischen und politischen Pläne erschwerte. Wie es scheint, ist dies die grundlegende Ursache dafür, dass die Bevölkerung nicht zum Völkermord mobilisiert wurde. Unter anderen Umständen wäre sie zu massenhafter Vergeltung an den Deutschen bereit gewesen.

 

10.2.4. Empathie gegenüber den Nachbarn und die „guten Deutschen“

Die lokalen Verhältnisse zwischen den Nationalitäten in den besetzten Gebieten gestalteten sich sehr unterschiedlich. Die Deutschen – sowohl die einheimischen als auch die zugezogenen – benahmen sich ebenfalls nicht einheitlich.

„Die Ansiedler waren sehr verschieden. Einer hat zum Beispiel unter seinem Dach einen Polen versteckt, der später seine Tochter geheiratet hat. Andere haben zum Schein ihre Nachbarn angestellt, um sie vor der Deportation zu bewahren. Wieder andere haben gehetzt, denunziert, sich Boden angeeignet, waren hochmütig.“ (Szczepuła 2010: 96)

Eine besondere Situation herrschte in den multikulturellen Gemeinschaften, wo die Zusammenarbeit von Menschen unterschiedlicher nationaler Identität eine lange Tradition hatte. Diese wurde auch nicht durch die zwischenstaatlichen Konflikte und die Entwicklung des Nationalismus gestört. Konflikte gab es zudem selbst in Familien, auch im engsten Familienkreis. So war es in Schlesien. Eine der Befragten, die in Nikiszowiec wohnte, bemerkte:

„Ich glaube, dass auch die deutschen Nachbarn sich hier als Teil der schlesischen Gemeinschaft empfunden haben. Egal, ob deutsche oder polnische Option, das waren welche von uns. Diese ethnische Verbundenheit war stärker als die Schicht, die durch langjährige Germanisierung Deutsche geschaffen hat, wahre Deutsche. Uns hat die Oma zu Polen erzogen, denn wir gingen zur polnischen Schule, zu polnischen Organisationen. Ich glaube also, dass die SS, die hier stationiert war, dass die früher geflohen sind (…).“ (LZ-17-K-1928-P-WA)

Das ethnische und religiöse Zusammengehörigkeitsgefühl in Schlesien führte dazu, dass Menschen, die in anderen Teilen Polens als Fremde angesehen wurden, hier als Hiesige betrachtet wurden. Sogar dann, wenn sie einer anderen „Pfadfindergruppe“ (Hitlerjugend) oder Partei (NSDAP) angehörten. An „unseren Deutschen“ fanden nicht nur keine Racheakte statt, sondern ihnen wurde sogar geholfen, wenn sie von sowjetischen oder polnischen Repressionen betroffen waren. So verhalf beispielsweise Zygmunt Nowak, der erste polnische Bürgermeister von Groß Strehlitz, Schlesiern, die von den Sowjets als Deutsche in Gefangenschaft gehalten wurden, durch seine Umtriebigkeit zur Freiheit. Die unterschiedlichen kollektiven historischen Erfahrungen sowie deren Rezeption und Bewertung sind im Übrigen auch die Quelle dafür, dass sich Polen und Schlesier mit Distanz begegnen. Die Schlesier wurden als deutsche Kollaborateure angesehen. (vgl. Kaczmarek 2006: 374-381) Auch wurden belastete Personen nicht angezeigt, wenn es irgendwie angebracht erschien, sie zu verschonen (z.B. auf Grund ihres Gesundheitszustandes): „Im Übrigen, woher sollte die Besatzung, die neue Verwaltung, die hierher kam (...) das alles wissen?“ fragte eine Schlesierin, die ihre Erzählung mit dem Hinweis beendete, dass ihr Vater die Ausreisepapiere für einen Deutschen unterschrieben hat, der von Einigen angeklagt wurde, er habe die Nachbarn ausspioniert, ob sie Polnisch sprachen. (LZ-6-K-1926-P-Ś)

       Auch ein Mitglied der polnischen Gemeinschaft in Westfalen unterstrich, dass sie viel Sympathie seitens der Deutschen erfahren hätten. (LZ-12.2.-M-1929-P-Ś). Nachdem der Vater verhaftet worden war und sie keine Lebensmittelkarten mehr erhielten, gaben ihnen die deutschen Ladenbesitzer, bei denen sie gewöhnlich kauften, nach Ladenschluss die notwendigen Lebensmittel durch die Hintertür. Auch in diesem Fall waren also die lokalen Bindungen von Deutschen und polnischen Emigranten stärker als die vom Dritten Reich vorgegebenen ideologischen Prämissen.

       Viele der Befragten verdankten den Deutschen – Bekannten, fremden Soldaten und Zivilisten – zudem etwas. So wurde z.B. eine der Befragten dank der Bemühungen ihrer deutschen Kommilitonen aus dem Königsberger Gestapogefängnis entlassen. Sie vermied so ihre Deportation und konnte ihr Medizinstudium fortsetzen. (LZ-7-K-1914-P-W)

       Relativ häufig sahen die Befragten das deutsche Volk differenziert. Die in der Vergangenheit häufige homogene Sicht auf „die“ Deutschen als Tätervolk wird heute verworfen oder sogar direkt in Frage gestellt (man kann sogar von einer eigenen Diskursstrategie sprechen). Dies kam auch deutlich bei den Gruppendiskussionen zum Ausdruck:

„Mir hat mein Onkel auch erzählt, dass sein Opa so einen Fall kannte (...) Was ich meine ist, dass nicht alle Deutschen von der selben Sorte waren, es gab auch anständige (...) Ein Bekannter war als Partisan aktiv. Es kam zu einer Revision seines Hauses. Er hatte drei kleine Kinder, wohnte auf dem Dorf. (...) Es kamen fünf Leute, nahmen Hühner, Schweine mit, kamen ins Haus, die Ehefrau bettelte und weinte, sie haben nichts gefunden, aber sie wollten ihn doch ermorden. Der jüngste der Deutschen sollte ihn erschießen, die anderen vier warten auf ihn vor der Tür, er schoss in der Wohnung, aber nicht auf den Mann, ging hinaus und sie fuhren weg. Es gab also auch Deutsche, die ein Herz hatten. Er hat ihm ganz einfach das Leben gerettet.“ (Hervorhebung – L.M.N.; Pentor DG, Gruppe 1, Warschau, 20.05.2009, 26-45 Jahre)

Sogar schwere Kriegsschicksale führten nicht bei allen zu einer Sicht der Deutschen als homogenem Volk von Tätern. Władysław Markiewicz – Häftling im berüchtigten Lager Mauthausen-Gusen – lässt in seinen Erinnerungen an vielen Stellen den „guten Deutschen“ Gerechtigkeit widerfahren, die ihm oder seiner Familie geholfen haben. Sein Bruder sagte im Übrigen 1945 als Zeuge in einem Prozess gegen eine anständige Familie von Volksdeutschen aus und verteidigte sie gegen Repressionen. Diese Art von Erzählungen gehört nicht zu den Ausnahmen. (vgl. Orłowski 2009)

       Die Erzählungen vom „guten Deutschen“ sind charakteristisch für die Veränderungen im kollektiven Gedächtnis nach 1989 und eng verbunden mit einer veränderten Haltung zu den Deutschen im Zuge der polnisch-deutschen Versöhnung nach 1989.

„Das einzige, was ich sagen kann, stammt aus der Erzählung der Eltern. Nämlich, dass die Deutschen verschieden waren, so wie alle Menschen. Dort, wo meine Eltern wohnten, Wodzisław bei Kielce, hatte die Oma einen Laden und Deutsche wohnten dort auch. Oma wohnte unten und die Deutschen hatten oben eine Funkstation. Sie hatten einfach das obere Stockwerk requiriert und halfen sehr mit Lebensmitteln, mit allen möglichen Medikamenten. Nicht nur der Großmutter, sondern allen in der Nähe wohnenden Dorfbewohnern. Es war auch so, dass Vater an irgendeiner Aktion teilnahm und verfügt wurde, dass er erschossen werden sollte. Und diese Deutschen warnten Vater, so dass er rechtzeitig fliehen konnte und sich dank dieser Deutschen retten konnte.“ (Hervorhebung – L.M.N.; Pentor DG; Gruppe 5, Katowice, 28.05.2009, 46-65)

Die Erzählenden, die gute Kontakte zu den deutschen Nachbarn hatten, was auch ganz einfach bedeuten konnte, dass sie keine negativen Aktionen erfahren hatten, waren bereit zu unterscheiden zwischen „gewöhnlichen Deutschen“, denen gegenüber sie keinen Hass empfanden und Verbrechern, welche die Polen terrorisierten: „(...) diejenigen, die mordeten, waren keine gewöhnlichen Menschen, das waren die so genannten SS-Männer. Das waren keine gewöhnlichen Soldaten. Denn die einfachen Soldaten, die waren so wie allen anderen, hatten sogar mehr Kultur als die Polen, über die kann man nichts Schlechtes sagen.“ (LZ-S24-K-1926-P-P) Dies betrifft auch Holocaustüberlende. Eine Jüdin, Häftling in Auschwitz-Birkenau, sagte:

„(...) dort vor Ort befassten sich mit uns SS-Frauen. Es gab zwei, die sich sehr anständig verhielten. Eine war, nebenbei gesagt, die hässlichste, aber auch anständigste, sie brachte immer Zuckerstücke. Mir sagte sie: geh in die Krankenstation, verteil diese Zuckerstücke. Und es gab solche, die furchtbar waren. Wie es immer so ist: es gibt gute und schlechte Menschen.“ (LZ-S30-K-1919-Ż-W)

Die Hilfe für Deutsche, besonders für deutsche Soldaten, weckt manchmal Verwunderung, auch der Nachfahren, die in einer Kultur erzogen wurden, welche die Deutschen als blutgierige Feinde darstellte:

„(...) als Oma davon anfing, wie sie dem Deutschen geholfen hatte zu fliehen, war das für mich damals etwas schockierend. Erst als Oma erklärte, wie das konkret aussah, dass der Junge 15 oder 16 Jahre alt war, zur Armee eingezogen, dass es wohl Ende 1944 war, wie der Karabiner, der Helm, die Uniform an dem Jungen hingen, im Winter, er um einen Kanten Brot bat, nicht mehr, und Oma ihm das gab, dann klang das damals für mich etwas schräg. Denn im Fernsehen sagten sie, wie furchtbar die Deutschen waren, dass die Polen sie hassten, aber meine Oma hat einem von ihnen geholfen.“ (Pentor DG, Gruppe 1, Danzig, 1.06.209, 26-45 Jahre)

In gewissen Situationen – nicht nur unter den pathologischen Bedingungen der Lager – konnte sogar ein SS-Mann als guter Mensch erscheinen. Besonders in den Augen eines Kindes, das die Angst der Eltern nicht ganz verstehen konnte:

„Aber noch davor fragte er, ob ich Spielsachen habe und ich sagte zu ihm: ‚Ja’. ‚Und welche?’ „Einen Hasen habe ich’, denn ich hatte einen Hasen und noch irgendetwas. ‚Bleib stehen, rühr dich nicht!’ Ich fürchtete mich damals, ‚Ich komme gleich zurück.’ Ich stand furchtbar eingeschüchtert am Zaun. Ich stand da, wartete und die Zeit zog sich furchtbar hin. Er kehrte zurück und zog aus der Tasche einen Ball, einen sehr guten Ball, von dem ich nicht einmal zu träumen wagte, einen großen Ball, und er sagte: ‚Hier hast du, spiel damit“, und ich dankte ihm dafür, er schaute noch und ging dann weg. Es gab also auch unter den Deutschen, sogar unter SS-Männern, mit den Totenkopfmützen, nicht nur Ungeheurer.“ (LZ-S3-K-1934-P-W)

Die Empathie konnte durch die Erinnerung an eigene negative Erfahrungen hervorgerufen werden. Wenn die Taten der Deutschen als moralisch negativ definiert wurden und die Erinnerung an sie den individuellen und kollektiven Opferstatus verstärkte, dann konnten die gleichen Taten, begangen an den Deutschen, die Überzeugung von der moralischen Überlegenheit und den speziellen kollektiven Rechten des Opfervolkes untergraben.

„Die Aufgabe war einfach: Deutsche in Zoppot suchen und sie aus den Häusern werfen. Sie gingen ans Werk. In den Kellern und auf den Dachböden sah Zbyszek versteckte, verschreckte Alte, Frauen und Kinder...

„Aufmachen!“ – schrie er und plötzlich erinnerte er sich an die Gestapomänner, die Mutter und ihn – den damals 15jähigen – aus der Wohnung geworfen hatten. Mit demselben Kommando.

Er wollte sich nicht rächen. Der Krieg war zu Ende. Außerdem hatte er gehört, dass dies eine kommunistische Polizei werden sollte, also kamen sie zu dritt zu dem Schluss, sich dabei besser nicht zu engagieren.“ (Szczepuła 2010: 26)

Die Zwangsarbeiter erfuhren oft, wenn nicht volle Unterstützung und Wärme, so doch die Unterschiedlichkeit von Familien, bei denen sie zur Arbeit eingeteilt waren:

„Sie behandeln sie jedoch mit einer gewissen Überheblichkeit. Zu essen bekommt sie stets dasselbe, wie sie. Er isst in seinem Zimmer. „Auch gut“ – tröstet sie sich. „Es gibt so viele Servietten, Teller und Besteck, dass man durcheinander kommt.“ Manchmal hört sie, wie sie irgendjemanden als ‚polnisches Schwein’ bezeichnen. Aber sie mögen sie doch.“ (Ebd.: 219)

Die Erfahrung von Annäherung und Sympathie innerhalb einer Generation machten Zeitzeugen, die – eigentlich auf unterschiedlichen Seiten – in die Kriegsmaschinerie eingebunden waren. Dies betraf auch deutsche Soldaten:

„Ich arbeitete mit Zofia zwei Kilometer von der Front in einer Soldatenunterkunft. Wir putzten und wuschen Geschirr ab. Wir aßen nicht schlecht, zusammen mit den Soldaten, alle waren sehr jung, in Ordnung und behandelten uns gut. Verdammte Politik!“ (Ebd.: 223)

 

10.2.5. Empathie angesichts fremden Leids

Die Opfer empfanden auch Mitgefühl für völlig fremde Täter. Manchmal überraschte dies die Opfer, die bereit waren – wie sie glaubten – die Täter hart und sogar grausam zu behandeln:

„Der Mensch kennt sein Herz kaum. Im Winter wurden neben unserer Einheit deutsche Kriegsgefangene vorbeigeführt. Sie gingen durchgefroren, mit zerschlissenen Decken auf dem Kopf, in schmutzigen Mänteln. Der Frost war so stark, dass die Vögel im Flug erfroren vom Himmel fielen. In dieser Kolonne von Kriegsgefangenen ging ein Soldat (...), ein Junge (...) Auf dem Gesicht waren ihm die Tränen gefroren... Ich transportierte auf der Schubkarre Brot in die Kantine. Er konnte den Blick nicht von der Schubkarre abwenden. Er sah nicht mich, nur die Karre. Brot... Brot... Ich nahm einen Laib, brach ein Stück ab und gab es dem Deutschen. Er nahm es, ungläubig. Nahm es und konnte es nicht glauben... Glaubte es einfach nicht!“ (Aleksijewicz 2010: 99)

Auch zwischen den Verwundeten in den Krankenhäusern gab es einen Draht der Verständigung. Nicht nur einmal setzten sich verletzte Rotarmisten für leidende deutsche Kriegsgefangene ein: „Sie sind keine Feinde mehr, nur Menschen. Es liegen einfach zwei Verletzte nebeneinander. Und schon ist etwas Menschliches zwischen ihnen aufgetaucht. Nicht nur einmal habe ich gesehen, wie schnell das geht...“ (Ebd.: 156) Einige der Opfer waren nicht in der Lage, ihre Rachefantasien in die Tat umzusetzen: „In der Seele so ein Hass: wozu sind die hierher gekommen, in unser Land? Aber wenn man dann selbst versucht, zu morden, das ist furchtbar.“ (Ebd.: 175)

       Empathie herrschte besonders gegenüber Kindern. Für das Projekt eines Völkermordes ist dies ein erhebliches Problem. Wie konnte die Hemmung der Täter vor der Ermordung „unschuldiger Kinder“ gebrochen werden, etwa bei den „Einsatzgruppen“. Insbesondere die Soldaten der Roten Armee waren bekannt für die gute Behandlung der deutschen Kinder, worauf in vielen Erinnerungen hingewiesen wird:

„Wir kamen in ein Dorf, dort liefen Kinder herum – hungrig, unglücklich. Sie fürchten sich vor uns, verstecken sich. Ich, die ich geschworen hatte, sie alle zu hassen, (...) sammelte bei meinen Soldaten alles, was sie hatten, was aus der Ration übriggeblieben war, jeder ein Stück Zucker, und gab es den deutschen Kindern. Klar, ich hatte nichts vergessen, erinnerte mich an alles ... Aber ich konnte den hungrigen Kindern nicht in die Augen schauen (...).

Man öffnet die Tür zu einem Haus: niemand ist da oder alle liegen erschlagen, vergiftet, auch Kinder. Sie haben aufeinander geschossen, sich vergiftet... Was fühlten wir? Freude, dass wir gesiegt hatten und dass es ihnen jetzt so schlecht geht wie uns. Ein Gefühl der Rache. Aber um die Kinder tat es uns leid (...).“ (Ebd.: 324 f.)

Das obige Zitat ist sehr charakteristisch für viele Erinnerungen an die Kriegs- und die Nachkriegsjahre. Die Erzähler berufen sich dabei nicht auf religiöse oder ethische Normen, die sie anwenden sollten, um Rachegelüsten vorzubeugen. Aber sie verweisen darauf, dass der „gerechtfertigte“ Wunsch nach Rache von der Empathie aufgehalten wurde, was in einigen Erzählungen als Schwäche rekonstruiert wird. Dies zeigt, in welch erheblichem Grade Racheakte für Angehörige des Opfervolkes zum legitimierten Handlungsmuster, ja zur Pflicht erhoben wurden.

       Auch die jüngsten Rekruten, obwohl in Uniform und mit Waffe, riefen Empathie hervor:

„(...) er stand mit seinem Gewehr so allein, so ein (...) Deutscher, vom Aussehen her war er 16. Ich denke, er kam aus dem letzten Aufgebot, als sie die jüngsten nahmen. Mutter fragte ihn auf Deutsch, ob wir vorbeigehen könnten. Meine Mutter sprach gut Deutsch. Er nickte. Das Gewehr störte ihn dabei, er konnte den Kopf nicht mehr richtig heben. Ich schaute auf ihn und dachte, dass ist kein Soldat, das ist ein Junge. Gleichzeitig dachte ich: Oh mein Gott, mir tut ein Deutscher Leid. Als Kinder hatten wir oft erzählt, was wir mit den Deutschen machen würden, wo immer Hitler der Held war, oder wie wir Hitler erschlagen würden. Es gab ganz furchtbare Ideen, was wir mit ihm machen würden. Und hier dachte ich: Nichts würden wir tun... Hier ist der Deutsche, der mein gewöhnliches menschliches Mitgefühl weckt. (...) Als wir zurück kehrten, sah ich auf der Fahrbahn einen von einem Panzer zerfahrenen Menschen, mit Resten einer deutschen Uniform und dachte, das ist bestimmt dieser Junge. Und es tat mir noch mehr Leid. Es zeigte sich, dass im Menschen menschliche Gefühle wohnen, die sich nicht unterdrücken lassen.“ (Hervorhebungen – L.M.N.; LZ-S1-K-1935-P-W)

 

10.2.6. Erinnerung an die Verbrechen von Mitgliedern der eigenen Bevölkerungsgruppe

Das eindeutige Schwarz-Weiß-Bild der Nationalitätenbeziehungen während des Krieges wurde nicht nur von den guten Erfahrungen in den Kontakten mit den Besatzern getrübt, sondern auch durch die Erinnerung an die Verbrechen des eigenen Volkes – um so mehr als Vertreter jedes Volkes auf beiden Seiten der Front kämpften (Hobsbawm 1999: 140)

„Und wer hat denunziert? In der Nähe wohnte ein gewisser Pole, von dem gesagt wurde, dass er den Juden Wunder verspricht, von ihnen Geld erschleicht und sie danach denunziert. Als die Deutschen sich zurück zogen, hat ihm jemand das Haus angezündet.“ (Szczepuła 2010: 241)

Ein Häftling der Lagers Auschwitz-Birkenau hat wiederum schlechte Erinnerungen an die polnischen Funktionshäftlinge:

„In Auschwitz haben wir mehr Schlechtes von den Polen als von den Deutschen erfahren. Warum? Die Deutschen sind so ein schlaues, gut organisiertes Volk, dass sie die schlimmsten Polen ausgewählt haben und ihnen direkt sagten: Wenn du unmenschlich zu deinen Leuten bist (...), dann bekommst du täglich eine Schüssel mehr.“ (LZ-5-M-1918-P-W)

Denunzianten wurden in der Nachkriegszeit häufig Opfer von Selbstjustiz. Es ist schwer zu bewerten, inwieweit die von den Befragten genannte Motivation der Täter der Wahrheit entspricht, aber diese Erzählungen zeugen davon, dass in der kollektiven Erinnerung die verbrecherischen Taten von Angehörigen des eigenen Volkes gegenwärtig sind:

„(...) es gab so verschiedene Formen von Selbstjustiz, denn irgendeine Frau, in der Nähe von Sochaczew, meldete den Deutschen, dass irgendjemand im Dorf Lebensmittel versteckt (…) und, na klar, die Deutschen fuhren hin, diese Juden brachten sie natürlich um, und ja, außerdem erschlugen sie wohl auch viele Polen, die dort im Dorf wohnten, na, und nach dem Krieg wurde diese Frau schrecklich bestraft, aufgehängt von den Leuten dafür, was sie getan hatte.“ (LZ-S11-K-1928-P-Ś)

Die Opfer der Deutschen konnten auch berechtigte Vorbehalte gegen die Vertreter des eigenen Volkes haben, die ihnen Leid zufügten. Olga Bergholc (2011: 93), die im belagerten Leningrad hungerte, bemerkte bitter: „Ich weiß nicht, wovon ich mehr habe – Hass auf die Deutschen oder Wut und von idiotischem Erbarmen eingefärbte, würgende Irritation auf unsere Regierung.“

       Viele Befragte schimpften auf das Denunziantentum der Polen während des Krieges (und auch danach). Nicht selten endete eine Anzeige mit der Inhaftierung des Angezeigten oder sogar mit dessen Tod. Fehlendes Gemeinschaftsgefühl, der Blick auf die Gräben im eigenen Volk, das Bewusstsein, dass Verbrecher auch Personen aus der eigenen Nation sein konnten, gehören möglicherweise zu den Faktoren, die eine Annahme und Anwendung der Prinzipien kollektiver Verantwortung erschwerten.

 

10.2.7. Krieg als Zeit des Glücks und der Normalität

Die Erinnerung an Liebe, Intimität oder die Geburt eines Kindes kann die Erinnerung an dramatische Ereignisse neutralisieren, besonders dann, wenn sie den Zeitzeugen nicht unmittelbar berührt haben. „Welche Besatzung war schlimmer? Die sowjetische oder die deutsche? Er überlegt und kann sich nicht entscheiden. Einerseits der vermisste Edward und Schwager Teodor, der nach Sibirien deportiert wurde, andererseits – zwei Jahre Liebe.“ (Szczepuła 2010: 190) Zwangsarbeiter führten häufig ein relativ fröhliches Leben. Zum Bespiel in Königsberg, wo sich die Polen am auf der Kleidung zu tragenden Buchstaben „P“ erkannten und so leicht „polnische Partys“ organisieren konnten. (Ebd.: 217) Üppig blühte das Gefühlsleben, insbesondere wenn Zwangsarbeiter mit „Mittelmeeraussehen“ anwesend waren.

       In ausgewählten Erzählungen von Personen, deren Kindheit in die Kriegszeit fiel, kommt es spontan zu Erinnerungen an Spiele, sogar dann, wenn diese nicht nur heutige Eltern zum Herzinfarkt treiben konnten:

„Nicht nur einmal habe ich Prügel bekommen, weil sie sich zwar hölzerne Gewehre gebastelt hatten, aber die Patronen Nagelspitzen hatten. In diese Dinge waren unsere Eltern natürlich nicht eingeweiht [Lachen]. Das ist natürlich nur eine Randbemerkung, illustriert aber, was Kinder im Krieg spielen – nämlich Krieg.“ (LZ-S1-K-1935-P-W)

„Als die Deutschen einmarschierten, habe ich mit meinem Bruder ein von Hand zu ziehendes Maschinengewehr gefunden. Das haben wir nach Hause gezogen, klar. Das war in Łuck, es gab Geschrei und man musste es loswerden. Als dann die Russen kamen, haben wir eine deutsche Panzerfaust angeschleppt. Und auch die mussten wir dann wieder loswerden.“ (LZ-11-M.1935-P-W)

Einige Spiele konnten zu sehr ernsten Konsequenzen führen. Eine der Befragten spielte Kaufmannsladen und benutzte dazu echte Lebensmittelkarten. Danach hat sie ihre eigenen Kritzeleien darauf wieder wegradiert. Eine Verkäuferin sah dies als Fälschung an, worauf die Mutter der Erzählerin ins Gefängnis kam. Zum Glück sprach die Befragte ganz gut Deutsch und ihrer Erklärung wurde bei der Polizei geglaubt und die Mutter entlassen. Man muss dabei jedoch erwähnen, dass die in Nowe Miasto wohnende Familie die Volksliste unterschrieben hatte. (LZ-S15-K-1929-P-P)

 

10.2.8. Gerichtliche Verurteilungen der Verbrecher

Für die nach Rache an den Deutschen Dürstenden konnten die Todesurteile gegen die nationalsozialistischen Kriegsverbrecher einen befriedigenden Ersatz bilden: „Ich wollte keine Rache, mich stellte im Prinzip das symbolisch-fragmentarisch-tendenzielle Schauspiel zufrieden, das in Nürnberg zelebriert wurde. Ich sah es als dienlich an, dass die einzig angebrachte Strafe, das Erhängen, von Berufsjuristen ausgesprochen wurden“ – schrieb Primo Levi. (2007: 209 f.)

       Die Alliierten hatten sich recht schnell hinsichtlich der Bestrafung der Kriegsverbrecher geeinigt. Am 30. Oktober 1943 unterzeichneten vier Staaten (Sowjetunion, USA, Großbritannien, China) die Moskauer Erklärung. Neben dem Beschluss zur Bildung der Vereinten Nationen, wofür sie am bekanntesten ist, enthielt diese Erklärung auch Bestimmungen zur Auslieferung von NS-Kriegverbrechern an die Länder, in denen sie ihre Verbrechen begangen hatten, damit sie dort abgeurteilt werden konnten. Die Erklärung wurde zur Grundlage späterer Vereinbarungen über die Aburteilung der Führungseliten des Dritten Reiches.

       Besondere Bedeutung hatten Prozesse, die noch während des Krieges stattfanden. Als Beispiel kann hier der Prozess vor dem Spezialstrafgericht in Lublin vom 27. November bis 2. Dezember 1944 gelten, also in einem Zeitraum, als ein Teil der Polen noch unter deutscher Besatzung lebte. Gerichtet wurde über Funktionäre des Vernichtungslagers Majdanek sowie deutsche Kapos. Der Prozess fand nach allen Regeln der Kunst statt, den Angeklagten wurden z.B. Verteidiger zugeteilt. Einer der Angeklagten beging Selbstmord, die übrigen wurden zum Tode durch Erhängen verurteilt. Die Urteile wurden am 3. Dezember 1944 vollstreckt. Der Prozess lieferte Informationen über das barbarische Regime, das in den deutschen Lagern herrschte. (vgl. Musioł 1979: 32-35)

       Wichtig war auch die symbolische Rache an den Tätern. Amon Göth wurde am 13. September 1946 erhängt. Die Richter hatten ihm das Recht auf Beerdigung verweigert – seine sterblichen Überreste wurden verbrannt, die Asche in die Weichsel gestreut. (Sachslehner 2010: 372) Symptomatisch war, dass dieser Typ von Strafe im Nachkriegspolen nicht zur Regel wurde. Viele sahen sie im Übrigen als eine barbarische Vergewaltigung des humanistischen Erbes der europäischen Rechtssprechung an.

       Die Prozesse in Nürnberg, die eine erhebliche propagandistische Wirkung hatten, waren auch ein Zeichen für die legale Bestrafung der Täter. (vgl. Heydecker, Leeb 2006) Daneben fanden unmittelbar nach dem Krieg zahlreiche weniger öffentlichkeitswirksame Prozesse statt, darunter gegen das Personal von Konzentrationslagern. (vgl. Greene 2012) Die Opfer konnten sich befriedigt und befreit vom Drang nach Selbstjustiz fühlen. Dies zeigen viele persönliche Dokumente und Interviews. Verständlich ist, dass ein bedeutender Teil der Deutschen die Schuld der in Nürnberg verurteilten NS-Verbrecher nicht anerkannte. Sie sahen den Prozess als Siegerjustiz über die Unterlegenen an. (Jagiełło 2005: 50) Für die Bürger der besetzten Länder wurde hier jedoch Gerechtigkeit zelebriert, die der Reproduktion positiver Autostereotype diente:

„Der Prozess von Nürnberg gegen die Kriegsverbrecher zeugt nun davon, dass die Menschheit auf dem richtigen Weg ist. Diesen Prozess kann man den bestialischen Verbrechen unserer Feinde entgegenstellen. Es geht genau darum, nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten, denn dies würde davon zeugen, dass nur die Sieger andere sind, die Weltordnung sich aber nicht geändert hat. Das Kriegsende sollte zu einer juristischen Verurteilung des Verbrechens als solchem führen, nicht aber zur Rache an den Besiegten.“ (Schüler der untersten Gymnasialklasse, 1946, Fragment eines Briefes, zitiert nach: Świda-Ziemba 2003: 286)

Die frühen Prozesse stellen also einen Faktor dar, der zumindest einige der von der Brutalität der deutschen Besatzung betroffenen Völker demobilisierte. Die Beschreibungen über die Bestrafung der Deutschen in Zeitzeugenberichten zeigen darüber hinaus, dass diese die Gerichtsurteile häufig für eine rechtlich und moralisch zulässige Form der Vergeltung hielten.

 

10.2.9. Das Gefühl von Vergeblichkeit und Amoral der Rache

Nicht alle erkennen die Logik der Rache an. Die Rede ist hier weniger von der ethisch motivierten Zurückhaltung gegenüber blutigen Exzessen, sondern vielmehr von der subjektiven Überzeugung, Rache sei vergeblich. Davon waren manche Menschen sowohl während der erlebten Gräueltaten als auch später überzeugt, als die ungeheuren Ausmaße der Kriegsverbrechen und des Leids der Opfer die Opfer selbst paralysierte, weil sie sich der Unumkehrbarkeit des erlebten Bösen bewusst wurden. Gut lässt sich das an der Aussage eines ehemaligen Wehrmachtssoldaten zeigen, eines Gegners der Nationalsozialisten:

„All die Jahre habe ich sie gehasst, verflucht, ihren Untergang gewünscht, ihren Tod, habe mir Tausende Formen der Vergeltung vorgestellt. Jetzt, in der nüchternern Atmosphäre des Nürnberger Gerichtssaals, wenn die niedergerungenen Monster, nur einen Schritt vom Galgen entfernt, sich selbst bemitleiden, vermochte ich weder Hass, noch Triumph, noch Befriedigung zu empfinden. Mich paralysierte das Gefühl der Vergeblichkeit. Auch wenn hier Todesurteile oder lebenslängliches Gefängnis verhängt wird, so wird dies doch nur symbolischen Charakter haben, keinerlei Gerechtigkeit herstellen, niemandem das Leben zurück geben, keine Genugtuung für das schaffen, was zwischen 1939 und 1945 stattgefunden hat.“ (Heydecker 2009: 193)

Als einer der Arbeiter sich über Rache ausließ, antwortete ihm der Dachdecker: „Bei uns kommt es auch vor, dass einer dem anderen verzeiht“. Dies blieb dem Befragten im Gedächtnis (LZ-18-M-1936-P-W). Ein anderer bemerkte: „Was würde diese Rache bringen? Ich glaube nichts, unmenschlich wäre das. Ich habe nichts davon gehört, dass dort irgendeine Rache stattgefunden hat, in meiner Gegend. Zumindest so lange ich dort war, gab es keine solche Rache an den Deutschen.“ (LZ-S12-K-1924-P-Ś)

       Einige Zeitzeugen waren innerlich zerrissen, Einerseits verurteilten sie Rache als Akt, der das Ansehen des Volkes und die ethischen Normen beschädigt, andererseits fühlten sie und fühlen weiterhin eine innere Akzeptanz oder wenigstens ein tiefes Verständnis für Racheakte. Einer meiner Befragten antwortete auf die Frage, wie er im Rückblick das Handeln der Polen beurteilt, das die Bestrafung der Deutschen zum Ziel hatte: „[15 Sekunden Schweigen] Es lässt sich leicht denken, wie ich das beurteile. Natürlich beurteile ich das nicht positiv.“ Gleich darauf kam er jedoch auf Erfahrungen zu sprechen, die den Drang nach Rache rechtfertigten. In Krakau, wo der Befragte Jura studierte, fanden Prozesse gegen Kriegsverbrecher statt, denen er nicht beiwohnte, über die er aber von den Kommilitonen informiert wurde. Er beschrieb das arrogante Verhalten des Kommandanten des KZ Plaszów während des Prozesses („[zu den schreienden Leuten:] Mann! Wenn ich nur noch ein halbes Jahr mehr gehabt hätte!“). Dazu stellte er fest, dass die Prozesse „in Ordnung“ waren, aber nicht die Selbstjustiz.

 

10.2.10. Das Bedürfnis nach Normalisierung

Die Erschöpfung durch Krieg und Grausamkeiten rief ein starkes Bedürfnis nach Normalität hervor, nach einem geordneten friedlichen Leben mit Freude an alltäglichen Dingen. „Wir hörten auf zu hassen. Wir waren erschöpft von der Schießerei“ – sagte eine Soldatin der Roten Armee (Aleksijewicz 2010: 139). „Jeder atmete auf, dass wir nun frei sind.“ (LZ-S24-K-1926-P-P) „Die Menschen hatten genug vom Morden.“ (LZ-15-M-1931-P-W) Die Erschöpfung durch den langjährigen Krieg ließ keine Kraft mehr für Rache: „Vielleicht waren die Menschen auch psychisch so ausgelaugt durch die Kriegserfahrungen, dass ihnen keine Energie mehr geblieben war für längere Rache.“ (LZ-9-M-1934-P-W)

       Diejenigen, die den Krieg überlebt hatten, fühlten oft eine Mischung aus Freude und Trauer, Angst und Unsicherheit darüber, was die Zukunft bringen wird. Maria Żmigrodzka fasste das in die folgenden Worte:

„Alle gingen aus Krieg und Besatzung innerlich sehr zerrüttet hervor. Es ging hier vielleicht auch nicht nur um das – für die Jüngeren unvorstellbare – Trauma der Besatzung. Es ging auch um das sehr doppeldeutige, ambivalente Erleben des Kriegsendes. Normale menschliche Erleichterung, dass keine Bomben mehr fielen, keine Razzien mehr stattfinden, aber Unsicherheit über das Morgen, Verlorenheit, Misstrauen gegen illoyale Alliierte, ein Gefühl der Niederlage, gleichzeitig ein Bedürfnis nach Hoffnung, das schließlich unabdingbar zum Leben ist.“ („Bunt Janion“ 2005)

Angesichts dieser gemischten Gefühle erschien vielen die Suche nach festen Bezugspunkten, die Wiederaufnahme eines normalen Alltags als der einzige gangbare Weg.

       Nach dem Krieg waren die Lebensbedingungen außerordentlich schwierig. Einer der Befragten erzählte, dass sein Dorf, aus dem sie von den Deutschen vertrieben worden waren, zerstört wurde, um dort Bunker zu bauen. Nach ihrer Rückkehr mussten die Bewohner daher in diesen Bunkern leben, die im Übrigen von den Deutschen nie genutzt worden waren. Dazu „grassierten überall Banden“. (LZ-18-M-1936-P-W) Die Befriedigung der täglichen Bedürfnisse, der Kampf mit Menschen und den Naturgewalten füllten Tag und Nacht vollständig aus. Dies betraf insbesondere umgesiedelte Personen, die – aus ihrer bisherigen Heimat gerissen – alle Kräfte darauf verwenden mussten, um sich in der neuen, fremden Umgebung einzuleben.

       Für viele eröffnete sich zudem auf einmal die Chance, sich zu bereichern. Plünderer und Schwarzhändler waren in der Lage, in wenigen Wochen reich zu werden. Dies alles zusammengenommen bedingte, dass es den Menschen schlicht an Kraft und Zeit mangelte, Rache zu nehmen. Einen Mord durchzuführen ist schließlich auch eine organisatorische Herausforderung. Im Falle von Massenmorden ist es schwere Arbeit, die Unterstützung aus dem Hintergrund erfordert (etwa Sicherstellung der Verpflegung, Logistik). Dies gab es alles nicht, auch weil die Alliierten solche Pläne nicht hatten.

       Die Herstellung von Gerechtigkeit überließen die Menschen, die vollauf mit sich selbst beschäftigt waren, daher anderen. Die wiedererlangte Freiheit war der oberste Wert.

„In Bad Tölz erblickte ich eine Gruppe von SS-Männern mit abgetrennten Rangabzeichen, ohne Gürtel, geführt von einem amerikanischen Soldaten zur Reinigung des Kasernenplatzes.

Ich schaute ohne Hass auf sie, zu sehr benebelt von der Freiheit, um ihnen Schlechtes zu wünschen. Sie waren Mörder, aber ich wusste, dass die Welt ihnen die Strafe zukommen lassen wird, die sie verdient hatten.“ (Pawlak 1969: 251)

Auf die Frage, ob der Befragte (ein Funktionär im Veteranenverband, der den typischen Diskurs, Polen hätten heldenhaft im Zweiten Weltkrieg gekämpft, verinnerlicht hatte) mit Aktionen zu tun gehabt habe, deren Ziel eine Bestrafung von Deutschen war, kam die Antwort: „Nein, damit hatte ich nichts zu tun, denn die Polnische Armee marschierte ein, die sowjetische auch, daher erachtete ich persönlich den Krieg als beendet. Ich hatte schon vorher geheiratet, ging dann zur Arbeit, beschäftigte mich nicht mehr mit Rache oder anderen politischen Aktivitäten.“ (LZ-S6-M-1925-P-Ś) Obwohl der Befragte nicht an der Front gekämpft hatte, war er im Widerstand der Heimatarmee (AK) aktiv. Beim Transport eines Pakets (wahrscheinlich mit Waffen), war er gezwungen, aus einem Zug zu springen und wurde schwer verletzt. Die Beendigung der bewaffneten Kämpfe stellte für ihn die entscheidende Zäsur dar, mithin das Ende des Krieges. Er erachtete sein konspiratives Engagement als beendet und bemühte sich, sein „normales“ Leben wieder aufzunehmen. Aus dieser Perspektive ist das Engagement zur Bestrafung der Deutschen als neue Arbeitsaufgabe anzusehen, mit der sich staatliche Institutionen beschäftigen sollten.

       Nach Meinung eines anderen Befragten bedeutete das Ende des Krieges ein Ende der Bedrohung und entlud damit auch die Aggression. Die besiegten Deutschen weckten keine Aggressionen mehr, wie der im Kampf um die Macht besiegte Wolf seinen Bauch entblößt:

„Na ja, weißt du, das ist eine ganz allgemeine Sache, klar, das war der Feind, der Polen bedrohte. Aber als die Bedrohung aufhörte, entlud sich die Aggressivität. Das ist ein wenig so wie im Wolfsrudel – wenn irgend ein Wolf sich vor den Leitwolf stellt, es kann auch eine Wölfin sein, dann wird nach ihm geschnappt, damit er an seinen Platz zurückkehrt. Was macht er dann? Er legt sich auf den Rücken und entblößt den Bauch, wird wehrlos. Und dann rührt ihn niemand mehr an. Er demobilisiert so den Angreifer augenblicklich, nicht wahr. Und danach kehrt er an seinen Platz zurück und läuft dort, wo er laufen soll. Das ist genau der Mechanismus, der Wolfsmechanismus.“ (LZ-S21-M-1928-P-W)

Für einige der Befragten, vor allem solche, die ein Vermögen besaßen, schuf die Befreiung neue Probleme. Eine der Befragten erzählte, dass die umliegenden Bewohner planten, sie umzubringen und lediglich die Drohung, dass eine der Töchter noch bei den Partisanen ist und sich rächen würde, hielt die Leute – nach Auffassung der Erzählerin – von der Selbstjustiz ab. (LZ-S9-K-1932-P-W). Die Sorge um den Besitz, die Angst vor den Menschen und den neuen Machthabern und die Parzellierung schufen genug Probleme, die einigen der befreiten Polen den Schlaf raubten.

       Schließlich wurde das Kriegsende von vielen Befragten als Wiedererlangung der Unabhängigkeit betrachtet. Ein Umgesiedelter, der mit negativen Erfahrungen aus den sowjetisch besetzten Gebieten in die „Wiedergewonnenen Gebiete“ kam, sprach in seiner autobiographischen Erzählung eher nicht von „Unterdrückung“. Sondern er erzählte, dass für die jungen Leute die neu erlangten Gebiete „Polen“ waren. Sie freuten sich an den Symbolen polnischer Staatlichkeit, polnischen Amtschildern, Aufschriften und Flaggen, Stempeln mit dem polnischen Adler, polnischen Amtsbezeichnungen. (LZ-19-M-1929-P-W) Einer der Befragten, ein Partisan aus den Bauernbatallionen, beschäftigte sich nach dem Krieg mit der Organisation des „Kampfbundes der Jugend“ nach militärischem Vorbild, was all seine Kräfte beanspruchte. Nach einiger Zeit schloss er sich allerdings der Untergrundorganisation „Die Unbesiegten“ an, was sich jedoch für ihn als tragisch erwies, denn er wurde schnell von der Geheimpolizei inhaftiert. (LZ-16-M-1926-P-W)

 

10.2.11. Die Überzeugung von der ausreichenden Strafe

Das Bedürfnis, es den Deutschen heimzuzahlen, konnte auch durch bemitleidenswerten Zustand des besetzten Deutschland und seiner Bewohner nach Kriegsende befriedigt werden. Schon die nach Westen zurückflutenden Soldaten standen in deutlichem Kontrast zu den gut genährten und ausgerüsteten Siegern bei Kriegsbeginn. Arroganz und Hochmut waren unter dem Einfluss der Grausamkeit des totalen Krieges verdampft.

„Durch die Straßen von Warschau zogen immer öfter zerschlagene Kolonnen von Deutschen. Auf den von zusammenbrechenden Pferden gezogenen Wagen und kaputten Autos fuhren unrasierte dreckige deutsche Soldaten. Sie hatten die frühere Dreistigkeit und ihren Dünkel eingebüßt. Der Krieg hatte ihnen nun ordentlich zugesetzt. Die Bevölkerung von Warschau strömte auf die Straßen und beobachtete schadenfroh die vorbeiziehenden Reste der hochmütigen deutschen Armee. Scherzhaft wurde dies auch ‚Hitlers Beerdigung’ genannt.“ (Willenberg 2004: 139 f.)

Einer der Flüchtlinge aus dem Osten merkte dazu an:

„Wenn man nur die Kleidung hat, die man auf dem Leib trägt und ein Paar Schuhe, wenn man keine Seife und keine Zahnbürste besitzt und morgens nicht weiß, ob man mittags oder abends etwas zu Essen auftreiben wird, dann ist der Mensch auf dem Niveau des Neandertalers angekommen. Deutschland war nach dem Krieg so ein Land von Neandertalern, denn man lebte von Tag zu Tag.“ (zitiert nach: Sennerteg 2007: 516)

Dieses Motiv scheint auch in den von mir geführten Interviews auf. Einer der Befragten gab auf die Frage, ob er nach dem Krieg an Aktionen zur Bestrafung der Deutschen beteiligt war, zur Antwort:

„Ich erinnere mich an zwei Elemente. Erstens erfuhr ich vom Vater, dass auf dem Hof der Apotheke deutsche Kriegsgefangene sind. Ich beschloss, sie zu überfallen, mich psychisch abzureagieren und Deutschen zu betrachten, die Gefangene sind, die schon, verzeihen Sie den Ausdruck, auf den Hund gekommen sind. Ich ging hin und sie waren tatsächlich völlig heruntergekommen. Ohne Gürtel, die Mäntel völlig verformt, auch ohne Gürtel. Sie hingen an ihnen. Bärtig, dreckig, unrasiert. Mit düsterem Blick. Es waren wohl fünf oder sechs kaputte Typen. Bei ihnen stand ein polnischer Polizist in Zivil mit rot-weißer Armbinde und großem Gewehr. Und ich dachte bei mir: Wie leicht ist es zu hassen, wenn man den Menschen nicht vor sich hat. Ich fühlte mich dumm, ließ es sein! Es waren dumme arme Menschen. Ich vermochte nicht, sie zu hassen – obwohl ich es sehr wollte.“ (LZ-1.1-M-1927-P-WA)

Dies war kein außergewöhnliches Gefühl. Viele der Befragten sprachen vom Kontrast zwischen dem Bild der Wehrmacht, die in den Krieg gegen die Sowjetunion zog und dem Bild der sich zurückziehenden Deutschen oder den Kolonnen von Kriegsgefangenen. Bei einigen rief dies Befriedigung hervor, bei anderen Empathie und Trauer.

„(...) das machte auf mich Eindruck, sage ich Ihnen, das ist auch wichtig (...) – später führten die Russen durch Książ Wielki deutsche Kriegsgefangene in geschlossenen Formationen. Das machte Eindruck auf mich, denn ich erinnerte diese Deutschen als ordentliche saubere Armee – und jetzt sah ich diese abgerissenen Gestalten, wissen Sie. Sie taten mir Leid, kurz gesagt. Unrasiert, dreckig, so arm dran.“ (LZ-8-M-1935-P-W)

Auch die strategischen Bombardierungen, die viele deutsche Städte zerstörten, galten vielen als eine ausreichende Strafe. Dieses Motiv wurde zum festen Element in der kollektiven Erinnerung der Polen und wird insbesondere in der letzten Zeit erwähnt, weil die Debatte dazu in Deutschland wieder aufgeflammt ist. Während eines Gruppeninterviews bemerkte ein junger Befragter:

„Wenn es um das Leid der Deutschen geht, dann tut es mir vor allem um die Zivilisten Leid, die bei den Bombardierungen ums Leben gekommen sind. Manchmal haben es die Amerikaner, Briten dabei übertrieben. Zum Beispiel die Bombardierung Dresdens, wo 120.000 Menschen in einer Nacht umkamen. Übertrieben, denn wenn es um die Soldaten und die so genannten Vertreibungen geht, dann [muss man auch sagen] wurde Hitler auch demokratisch gewählt, und nicht durch einen Staatsstreich. Obwohl er es zuvor probiert hatte. Sie mussten jedoch die Verantwortung als Gesamtgesellschaft tragen, dafür, dass sie ihn gewählt hatten. Später haben sie sich nicht bemüht, ihn loszuwerden.“ (Pentor DG, Gruppe 4, Katowice, 28.05.2009), 26-45 Jahre)

Von Bedeutung waren auch kleinere Erniedrigungen. So wurden beispielsweise deutsche Kriegsgefangene und Zivilisten gezwungen, die Straßen zu säubern, Trümmer in den Städten zu beseitigen oder die Toten auszugraben und wieder zu bestatten. Eine der Befragten war Augenzeugin, wie Deutsche in Warschau die Straßen säuberten. An Racheakte kann sie sich nicht erinnern. Aber dass die Gefangenen zur Arbeit angetrieben wurden, hielt sie für völlig gerechtfertigt: „Ich dachte, es ist gut, dass sie jetzt für uns arbeiten müssen.“ (LZ-S17-K-1930-P-W)

       Die Deutschen hatten sich von arroganten Besatzern zu verschreckten Zivilisten gewandelt. Dies verlieh Befriedigung. Einer der Repatriierten aus dem Osten erzählte, dass Opole, wo er gelandet war, eine sehr verödete Stadt war. Wenn man Deutsche traf, dann waren das verschreckte ältere Frauen und sehr wenige Mädchen, die jeden Kontakt mieden. (LZ-19-M-1929-P-W) Früher fürchteten sich die Einwohner der besetzten Länder vor den uniformierten Deutschen – jetzt gingen diese ihnen aus dem Wege:

„Sie fürchteten sich vor allem vor den Polen (...), hatten schlicht Angst. Wenn sie aus der Entfernung „Poland“ sahen, dann gingen sie aus dem Weg. (...) Für viele von uns war das eine Form ausgleichender Gerechtigkeit, in kleinerem oder größerem Maße, Vergeltung für das, was sie getan hatten. Wenigstens diese Angst in den Augen, wissen Sie, das hatte schon seine Bedeutung.“ (LZ-S29-M-1927-P-W)

***

Wenn man biographische Interviews, historische Quellen und Forschungsarbeiten, die sowohl von Historikern als auch Soziologen erstellt wurden, zueinander in Beziehung setzt, so kann man viele der Faktoren erfassen, die die Menschen, die zunächst bereit waren, sich an den Deutschen zu rächen, letztlich davon abgehalten haben. Gezeigt werden konnte eine komplexe gesellschaftliche Situation. In dieser schufen diejenigen Faktoren, die einen Völkermord begünstigten und diejenigen, die ihn bremsten, ein instabiles Gleichgewicht. Im folgenden Kapitel bemühe ich mich daher, die Frage zu beantworten, welchen Charakter die Rache an den Deutschen am Kriegsende und in der Nachkriegszeit hatte, wenn man sie in die breiteren genocide studies einordnet.

 

Kapitel 11

Der Charakter der Rache an den Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg

Aus heutiger Perspektive müssen viele Gewaltakte gegen deutsche Zivilisten und Soldaten als Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder sogar Akte von Völkermord klassifiziert werden, wenn man die Rechtssprechung der internationalen Strafgerichtshöfe zu Grunde legt. Sie erfüllen jedoch nicht die Definitionskriterien für einen Völkermord. Warum also hat sich die geographisch weit gestreute Gewalt, trotz des aufgestauten Hasses auf die Besatzer und Täter, nicht zu einem Völkermord ausgeweitet, nicht einmal zu einem teilweisen?

       Wie ich versucht habe zu zeigen, war für viele Nationen, die von den Deutschen unterdrückt wurden, Rache das treibende Motiv, um Gewalt anzuwenden, zu Gewalt aufzurufen oder sie zumindest passiv zu dulden. Die Menschen behandelten die Deutschen nicht nur auf eigene Faust mit aller Rücksichtslosigkeit, sondern auch unter dem Schutz oder der passiven Duldung verschiedener, häufig sich bekämpfender Machtzentren. Diese Arbeit hat sich auf die brutalsten Ausdrücke von Rache konzentriert. Allerdings nahm diese oft auch sehr weiche Formen an, die nicht zu Leid und Tod der Opfer führten. Sogar die Geretteten, die unterstrichen, dass sie nicht die Absicht hatten, sich zu rächen, ja sogar „menschliche Züge“ bei den Tätern suchten (darunter bei den SS-Bewachern), erdachten sich doch in der Praxis häufig Formen symbolischer Rache:

„Der Gedanke an Rache kam mir nur einmal, in Hildesheim. (...) Eines Tages kam mir in den Sinn, dass ich nach der Befreiung am liebsten in das nächstgelegene Haus gehen würde, um von der dort wohnenden Familie zu verlangen, mir ein heißes Bad vorzubereiten, damit ich mich waschen und anschließend saubere Kleidung ohne Läuse anziehen könnte. So stellte ich mit die Rache vor.“ (Chari, Braatz 2012: 174 f.)

Vor dem Hintergrund der bereits beschriebenen barbarischen Akte erscheint dieser Traum von Rache kaum erwähnenswert. Er zeigt jedoch, in welchem Maße solche Phantasien das Bewusstsein der Opfer beherrschen konnten. Rache als kulturelles Phänomen war ein Teil des europäischen symbolischen Erbes. Und selbst Personen, die darauf verzichteten, hatten nicht selten das Bedürfnis, dies in persönlichen Dokumenten und Erinnerungen zu bekunden.

       Es wurde gezeigt, dass – zumindest auf den ersten Blick – alle Faktoren, die zum Modell der Mobilisierung zum Völkermord gehören, am Ende des Zweiten Weltkriegs und nach seiner Beendigung auftraten. Eine tiefere Analyse zeigt jedoch, dass der internationale Kontext, insbesondere die Politik der alliierten Staaten, nicht in so hohem Maße zu einer Mobilisierung zum Völkermord beitrug, wie es einige Autoren behaupten. (vgl. Bacque 2007)

       Es lohnt sich, diese Problematik näher zu betrachten. Zweifellos wurde ein Prozess der Mobilisierung zum Völkermord, sowohl von oben als auch von unten, im Ergebnis der sich hinziehenden Besatzung und des vom „Dritten Reich“ ausgelösten totalen Krieges in Gang gesetzt. Dieser Prozess führte oft zu privaten oder nicht von den Staatsorganen legalisierten Racheakten, zu Morden, Pogromen und Pazifizierungen durch Partisanenabteilungen, nicht nur im Rücken der Ostfront. Gleichzeitig nutzten die Machtorgane mehr oder weniger geplant den Willen zur Rache aus bzw. förderten diese sogar, was besonders am Beispiel der sowjetischen Politik gezeigt werden kann. Die Unterstützung von staatlicher Seite führte zur Explosion von Racheakten, als deren apokalyptisches Beispiel Ostpreußen gelten kann. Der Versuch, die Massengewalt der Soldaten der Roten Armee zu stoppen, was mit den Vorstellungen für eine zukünftige europäische Nachkriegsordnung verbunden war, traf auf Widerstand und forderte die brutale Wiederherstellung der Disziplin in den Einheiten und im zivilen Tross. Wenn man also im Falle der westlichen Alliierten kaum von einer staatlichen Unterstützung bei der Mobilisierung zum Völkermord sprechen kann, so muss man dies im Falle der Sowjetunion jedoch tun. Auch wenn diese Unterstützung nicht mit der Absicht eines Völkermordes, also der Auslöschung des deutschen Volkes verbunden war. Sie resultierte vielmehr aus der Logik des sich hinziehenden Landkriegs. Der Luftkrieg im Westen gehorchte ebenfalls den Regeln des totalen Kriegs (Verwischen der Grenze zwischen Front und Hinterland, Soldaten und Zivilisten, militärischen und zivilen Industrieobjekten usw.) und führte zu massenhaften Opferzahlen (was von Einigen als Völkermord interpretiert wird). Er schuf aber nicht allzu viele Möglichkeiten zu Racheausbrüchen, weil die Feinde nicht unmittelbar aufeinander trafen. Nachdem die westlichen Alliierten in die „Festung Europa“ eingedrungen waren, kam es jedoch auch zu Morden und Massakern, wenn auch nicht im selben Maße wie an der Ostfront.

       Am Fall der Rache an den Deutschen lässt sich deutlich ablesen, dass der Prozess der Mobilisierung zum Völkermord durch die Großmächte aufgehalten wurde. Schon bevor der Kalte Krieg die Stimmung in den politischen und militärischen Beratungszimmern aufheizte, stellten die besetzten deutschen Territorien und deren Bevölkerung ein wichtiges Element in Fragen der Mächtebalance in Europa dar. Ein Staat mit entsprechendem Potential und Stärke ist in der Lage, die Mobilisierung zum Völkermord sogar außerhalb seines Einflussgebietes oder auch in der geostrategischen Domäne einer anderen Großmacht (direkt, öfter aber noch durch diplomatischen Druck) aufzuhalten. Wenn die Regierungen jedoch ein Engagement vermeiden, verläuft die Mobilisierung zum Völkermord ungestört, wie etwa in Ruanda 1994 (die Franzosen haben wirksame Maßnahmen erst dann ergriffen, als die siegreiche Ruandische Patriotische Front zur Rache an den fliehenden Hutu überging). Ein Staatsapparat ist für eine Mobilisierung zum Völkermord nicht unbedingt notwendig, aber wenn er der Mobilisierung entgegen wirkt, so kann er sie erfolgreich verhindern.

       Die Großmächte gelangten letztlich zu einer Übereinkunft in der Frage der Aussiedlung der Deutschen aus den Gebieten, die vom bisherigen deutschen Staat in den Grenzen von 1937 abgetrennt wurden. Dies resultierte in hohem Maße aus der Überzeugung, dass die nach dem Ersten Weltkrieg geschaffene Ordnung mit ihren bedeutenden Minderheiten und deren (zumindest zeitweise) rechtlichen Schutz instabil war und zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges beigetragen hat. Man kann in diesem Fall von ethnischen Säuberungen sprechen, die sowohl – im Lichte des internationalen Rechts – illegale Vertreibungen als auch legale Aussiedlungen umfasste, die von den Potsdamer Beschlüssen gedeckt waren.

       Die Aussiedlungen kann man als Kollektivstrafe ansehen, die tatsächlich viele unschuldige Zivilisten traf, aber auch als Faktor, der eine Mobilisierung zum Völkermord von unten verhinderte. Viele Quellen belegen, dass die regierenden Eliten der alliierten Großmächte sich sehr wohl darüber im Klaren waren. Der britische Oppositionsführer sagte am 28. Februar 1945:

„Die Umsiedlungen können sehr, sehr schmerzhaft sein, aber vielleicht sind sie um vieles besser als ein ewiger Unruheherd, der durch den Teil eines Volkes angeheizt wird, das unter anderen Völkern lebt, die es hassen. Eine einmalige Säuberung kann hier mit Gewissheit als besser angesehen werden.“ (zitiert nach Broszat 1999: 359)

Welche Lehre lässt sich nun aus der Analyse der Situation der Deutschen am Kriegsende und in der Nachkriegszeit ziehen? Vor allem die, dass es keine lineare Mobilisierung der Täter zum Völkermord gibt, wie dies oft dargestellt wird, sondern es sich um komplexe Prozesse von Mobilisierung und Demobilisierung handelt. Das Ergebnis dieses Prozesses steht nicht von vornherein fest. Eine instabile Situation kann dazu führen, dass die Neigung zur Ausrottung die Oberhand gewinnt, dass sie sich in verstreuten Akten von Massengewalt wie Massakern und Pogromen auslebt oder aber dass die Mobilisierung zum Völkermord gestoppt wird. Es wurden hier Faktoren vorgestellt, die Menschen von Racheakten abhielten. Ein Teil davon hatte grundsätzlichen Charakter, andere waren nebensächlich. Als Schlüsselereignisse können die Flucht der Deutschen vor Rache und die spätere Aussiedlung angesehen werden. Diese führten dazu, dass viele potentiell konfliktträchtige Situationen vermieden wurden. Dazu gehört etwa die Übernahme des Vermögens der einheimischen Deutschen durch Teile der Bevölkerung, die ihr Vermögen durch Krieg und Besatzung verloren hatten. In einer derartigen Situation wäre es nach Ansicht von Historikern zu einem Wohlstandskonflikt gekommen, wenn die dehumanisierten Deutschen als Hindernis auf dem Weg zu einem normalen Leben, zur Stabilisierung und der Erlangung elementarer Rechte angesehen worden wären.

       Nicht ohne Bedeutung war zudem die Angst vor dem neuen Feind – der Roten Armee, den sowjetischen Sicherheitsorganen und dem Parteiapparat, aber auch der UPA, die bis 1947 eine reale Gefahr darstellten. Das Wissen um ukrainische und sowjetische Verbrechen verbreitete sich schnell unter den Polen, führte bei ihnen zu Entsetzen und sogar dazu, dass sie Hilfe bei den Deutschen suchten.

       Nicht alle Polen dehumanisierten die Deutschen oder schlossen sie aus dem Universum moralischer Verpflichtungen aus. Insbesondere die Empathie für die deutschen Nachbarn und die Erinnerung an die „guten Deutschen“ hielt die Menschen von einer unreflektierten Anwendung kollektiver Strafe und Rache ab. Ähnlich verhielt es sich mit der Empathie gegenüber dem Leid deutscher Zivilisten und Kriegsgefangener. Selbst Menschen mit schrecklichen Erfahrungen und mit einem starken Rachebedürfnis nahmen Abstand von ihrer geplanten Rache, wenn sie das Elend dieser Personen sahen. Zur Entgiftung des Denkens in Kategorien kollektiver Schuld trug auch die Erinnerung an die Verbrechen der eigenen Bevölkerungsgruppe bei. In einer solchen Situation verlor die Gegenüberstellung „wir“ (Opfer) und „sie“ (Täter) an Bedeutung. Die Welt erschien weniger schwarz-weiß, sondern mit all den unbequemen Grautönen moralischer Uneindeutigkeit.

       Wie sich gezeigt hat, lässt sich auch die These nicht generalisieren, wonach die Bevölkerung der besetzten Gebiete eine negative Haltung gegenüber den Deutschen eingenommen habe. Für einige war der Krieg manchmal mit Glück und Normalität verbunden, der ersten Liebe, Vergnügungen, Freude an der Welt. In einer solchen Situation konnte sich der Wille nach Rache kaum ernsthaft herausbilden, fand keinen Nährboden im selbst erfahrenden Leid, Frustration und Verlustgefühlen.

       Diejenigen, die nicht so viel Glück hatten, strebten eine möglichst schnelle Normalisierung ihres Lebens an anstatt sich zu rächen – umso mehr, als die Nachkriegssituation in Ostmitteleuropa sehr schwierig war. Denn an jedem neuen Tag ließ der Kampf um Essen, Unterkunft und Heizmaterial den Schweiß auf die Stirn treten. Nicht selten reichte schlicht die Kraft nicht aus, um Rache zu nehmen, zumal auch dies Arbeit erfordert hätte.

       Nicht vernachlässigt werden dürfen zudem moralische Bedenken, von denen viele Befragte berichteten. Manchmal mit dem unberechtigten Hinweis, dass Vergebung eine Eigenschaft von polnischen Katholiken sein sollte. Ein Gefühl von Vergeblichkeit und der Amoral von Rache schloss Gewaltakte aus. Nur ein rechtskräftiges Urteil gegen die Verbrecher konnte zu deren Exekution führen. Daher befriedigten Verurteilungen von Nazis auch das Gerechtigkeitsempfinden – anderenfalls hätte es zu Gewaltreaktionen, also Selbstjustiz, Pogromen oder Massakern kommen können.

       Flächenbombardements, die Leiden der deutschen Zivilbevölkerung, der Zustand der sich zurückziehenden Wehrmacht – die einst machtvoll und hochmütig aufgetreten war – stellten für viele eine Befriedigung dar, da die Deutschen damit die verdiente Strafe traf. In den totalen Krieg sind seit seiner Erfindung die Leiden der Zivilbevölkerung eingeschrieben. Die Unterteilung in einen militärischen und einen zivilen Sektor war verschwunden, jeder Angehörige des feindlichen Volkes war als Rädchen in der Kriegsmaschinerie anzusehen. So gesehen war der Sturm, der über Deutschland hinwegfegte und es ruinierte, eine ausreichende Strafe für diejenigen, die hasserfüllt die Winde des Krieges gesät hatten.

       Entscheidend waren jedoch die Pläne der Alliierten – sie bildeten den wichtigsten Faktor zur Demobilisierung. Obgleich dies keine konsequente Haltung war und die Sieger sehr viel mehr zur Rettung und Bewahrung der unschuldigen Deutschen hätten tun können, hat doch die Tatsache, dass Deutschland und das deutsche Volk als strategischer Faktor in Nachkriegseuropa eingestuft wurden, radikalere Pläne verhindert. Die Deutschen wurden sowohl von den Westalliierten als auch von der Sowjetunion gebraucht. Dies bewahrte sie vor noch rücksichtloserer Rache oder Versuchen, die deutsche Gefahr ein für allemal zu beseitigen.

       Die vorstehenden Anmerkungen unterstreichen die These, wonach die Behandlung von Tätern, Opfern und Zuschauern als einheitliche Gemeinschaft eine zu große Vereinfachung der wirklichen Verhältnisse darstellt. Unter den Polen fanden sich sehr unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen – einige rächten sich an den Deutschen, andere riefen dazu auf, wieder andere blieben gleichgültig und oder halfen den Angehörigen des „Herrenvolkes“. Diese gesellschaftlichen Unterschiede hatten Einfluss auf den komplexen Verlauf der Völkermordabsichten, wo unterschiedliche Tendenzen sich gegenseitig beeinflussten und das letztendliche Ergebnis von zufälligen Faktoren abhängen konnte.

       Als ähnlich wichtig erwiesen sich die regionalen Unterschiede. Der Ort, an dem man die Besatzung, die Kriegshandlungen und die Befreiung erlebte, determinierte sowohl die kollektive als auch individuelle Sicht. Die Beschaffenheit der erhobenen Daten ermöglicht zwar keine statistische Analyse, dennoch lassen sich regionale Unterschiede in den Kriegs- und Nachkriegserfahrungen beobachten. Sowohl endogene Faktoren (z.B. multiethnische regionale Bindungen wie in Schlesien) als auch exogene Faktoren wie beispielsweise die Veränderungen der sowjetischen Politik kamen dabei zum Zuge. Mittelbar werden diese Befunde durch die Forschungen zum kollektiven Gedächtnis der Polen gestützt, die das Auftreten von Erinnerungsgemeinschaften nachgewiesen haben. (auch wenn die Regionalisierung der Erinnerung nicht besonders ausgeprägt ist; vgl. dazu Nijakowski 2010b)

       Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es zu keinem Völkermord an den Deutschen gekommen ist, obwohl es eine Mobilisierung dazu gab. Diese führte an einzelnen Orten auch zu Massakern an Deutschen, wurde aber letztlich sowohl durch lokale als auch durch globale Faktoren gestoppt. Vor allem die Politik der Großmächte, darunter die Beschlüsse zur Aussiedlung der Deutschen, führte zu einer Demobilisierung der Menschen. Diese hätten auf eigene Faust Gerechtigkeit suchen können, wenn es diese Beschlüsse nicht gegeben hätte. Man kann von Verbrechen an den Deutschen sprechen, ähnlich denen, die Gegenstand der Nürnberger Prozesse waren – Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Deutschen wurden auch Opfer ethnischer Säuberungen – sowohl illegaler (spontaner, nicht selten verbrecherischer Vertreibungen von Zivilisten ohne juristische Folgen) als auch legaler (Aussiedlung und Bevölkerungsverschiebungen). Aber keiner der Aspekte der beschriebenen kollektiven Gewalt gegen Deutsche erfüllt die Definition eines teilweisen Völkermordes.

Aus dem Polnischen übersetzt von Matthias Barelkowski, Berlin

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Orłowski H. (red.) (2009). Moje Niemcy – moi Niemcy. Odpominania polskie. Poznań: Instytut Zachodni.

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Willenberg S. (2004). Bunt w Treblince. Warszawa: Biblioteka Więzi.

Tiefeninterviews
Orte, an denen die Befragten den Krieg verbrachten. Außerachtgelassen wurden Durchgangsorte, die nur kurz besucht wurden.

Verschlüsselungen der Befragten:

LZ-S1-K-1935-P-W: Sochaczew
LZ-18-M-1936-P-W: Wagi
LZ-14-M-1936-P-W: Radlin
LZ-17-K-1928-P-WA: Nikiszowiec (ab 1960 Stadteil v. Katowice)
LZ-19-M-1929-P-W:  Brody, Lwów, Opole
LZ-S20-K-1930-P-NP: Marianki k. Białobrzegów
LZ-S14-K-1925-P-P: Gospodarstwo niemieckie (Dt. Bauernhof)
LZ-S8-K-1933-P-W: Stalowa Wola, Starachowice
LZ-S28-M-1929-P-P: Jemielne
LZ-S2-K-1924-P-Ś: Sochaczew
LZ-1.2-K-1928-P-WA: Lublin
LZ-S35-K-1922-P-P: Warszawa
LZ-6-K-1926-P-Ś: Suchy Bór, Oborniki Śląskie
LZ-12.2.-M-1929-P-Ś: Wanne-Eickel
LZ-7-K-1914-P-W: Königsberg, Oborniki Śląskie
LZ-S24-K-1926-P-P: Szczytno k. Płońska
LZ-S30-K-1919-Ż-W: Getto w Łodzi, Auschwitz-Birkenau, podobóz Gross-Rosen
LZ-S3-K-1934-P-W: Wólka k. Białegostoku
LZ-5-M-1918-P-W: Warszawa, Auschwitz-Birkenau, Warszawa, Zwangsarbeit in Deutschland
LZ-S11-K-1928-P-Ś: Nowa Sucha, pow. sochaczewski
LZ-11-M-1935-P-W: Baranowicze, Łuck, Kraków, Bieżanów
LZ-S15-K-1929-P-P: Nowe Miasto
LZ-S12-K-1924-P-Ś: Miasteczko k. Turka
LZ-15-M-1931-P-W: Zimna Woda (woj. Lwowskie), Lwów, Jasło, Łużna
LZ-9-M-1934-P-W: Rozmierz
LZ-S6-M-1925-P-Ś: Mienia
LZ-S21-M-1928-P-W: Nowomalin (obecnie Ukraina), Warszawa, Konstancin
LZ-S9-K-1932-P-W: Osędowice, pow. łęczycki, Piwki (Stadteil v. Kutno)
LZ-16-M-1926-P-W: Chełmno, wieś Bogucice Pierwsze k. Kielc, Bataliony Chłopskie
LZ-1.1-M-1927-P-WA: Bochnia
LZ-8-M-1935-P-W: Kostopol, Piwoda k. Jarosławia, Książ Wielki
LZ-S17-K-1930-P-W: Warszawa
LZ-S29-M-1927-P-W: Warszawa, Kriegsgefangenenlager

Umfragen
Muzeum II Wojny światowej/Pentor (2009). Badania „Druga wojna światowa w pamięci współczesnego społeczeństwa polskiego“ zrealizowane dla Muzem II Wojny światowej w Gdańsku przez Pentor Research International. W ramach tego projektu przeprowadzono badania jakościowe (12 zogniskowanych grup dyskusyjnych w pięciu miastach: Warszawie, Katowicach, Białymstoku, Przemyślu, Gdańsku) oraz badania ilościowe zrealizowane w okresie od 19 czerwca do 4 lipca 2009 r. na próbie 1200 dorosłych Polaków (w wieku 18 lat i więcej).

Filme
„Bunt Janion“, reż. Agnieszka Arnold. Telewizja Polska – Agencja Filmowa 2005.

Letzte Aktualisierung: 22.04.2015