Feldmanis_Die Ausreise

Text 1:
Die Ausreise der Deutschbalten aus Lettland (1939–1941)[*]
von Inesis Feldmanis

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Einleitung

Bereits seit Jahrzehnten erforschen lettische Historiker mehr oder weniger intensiv die Jahrhunderte alte Geschichte der Deutschbalten. In beinahe allen Entwicklungsphasen der lettischen Historiografie ist das Grundziel dieser Forschungen unverändert geblieben, nämlich die Rolle und die Bedeutung der Deutschbalten in den verschiedenen Epochen der Geschichte des Baltikums zu bestimmen. Ungeachtet der Mühen und Erfolge vieler Forscher ist es immer noch nicht gelungen, eine einwandfrei objektive sowie wirklich wissenschaftlich argumentierende und korrekte Antwort auf diese große Frage der Geschichte des Baltikums zu geben.[1]

Diese Situation, die sich mit jedem Jahr zum Positiven verändert, ist durch mehrere objektive Umstände bedingt. Schon die Vielzahl der Ereignisse und Fakten selbst sowie auch ihre Verschiedenartigkeit erschweren häufig eine einheitliche Wahrnehmung des historischen Gesamtbildes und lassen unterschiedliche Interpretationen und Bewertungsmöglichkeiten zu. Des Weiteren existierten in Lettland eine geraume Zeit lang diverse Vorurteile gegenüber den Deutschbalten. Sowohl in der Zwischenkriegs- als auch in der Sowjetzeit wurden sie als Fremdlinge in Vergangenheit und Gegenwart wahrgenommen. Erst in den letzten 22 bis 23 Jahren hat sich die Situation spürbar verändert. In jedem Fall dominiert heute im historischen Gedächtnis des lettischen Volkes ganz gewiss keine gegen die Deutschbalten gerichtete Stimmung mehr, und faktisch ist die einst so deutlich artikulierte kollektive Erinnerung an deren fiktive oder reale Unrechtstaten in der Geschichte verschwunden.

       Das besondere Augenmerk der lettischen[2] und deutschen Historiker galt der deutschbaltischen[3] Umsiedlung[4], die in den Jahren des Zweiten Weltkriegs eine von vielen Umsiedlungsaktionen in mehreren europäischen Staaten lebender Deutschen[5] war. Viele deutsche „Volksgruppen“ verließen das Land, in dem sie lebten, und kehrten nach Jahrhunderten, die sie in ihrer Heimat verbracht hatten, nach Deutschland zurück.[6] Laut Statistik reisten von 1939 bis 1944 insgesamt 770 577 Auslandsdeutsche nach Deutschland ein,[7] die selbstverständlich nur einen kleinen Teil der in anderen Staaten lebenden Deutschen bildeten. Den größeren Teil der Umsiedler siedelte man in den im Herbst 1939 annektierten westlichen Gebieten Polens an. Sie sollten sozusagen einen erweiterten deutschen Staat festigen, da Berlin zur Erfüllung dieser Aufgabe nicht über ausreichend Menschen verfügte. Die Historiker sprechen in diesem Zusammenhang nicht selten auch von einer Vereinigung des deutschen Volkes.

       Die Umsiedlung der Auslandsdeutschen ‒ dieses eigenartige Phänomen ‒ regelten verschiedene Übereinkünfte. In mehreren Fällen fiel dem vertraulichen Umsiedlungsprotokoll, das die Sowjetunion und Nazideutschland nach ihrer gemeinsamen militärischen Zerschlagung Polens am 28. September 1939 beschlossen hatten, besondere Bedeutung zu. Entsprechend den von beiden Seiten geschlossenen Vereinbarungen über die Aufteilung Osteuropas wurde in diesem Protokoll festgelegt,[8] dass die UdSSR keine Hindernisse in den Weg legen würde, wenn deutsche Bürger oder auch andere Personen deutscher Abstammung, die in den zu ihrer Interessensphäre gehörenden Territorien lebten, den Wunsch, nach Deutschland überzusiedeln, äußern würden. Sie erklärte sich mit der Regelung einverstanden, dass bei der Übersiedlung das Eigentum der Ausreisenden nicht angetastet werden würde. Entsprechende Verpflichtungen übernahm die deutsche Regierung auch hinsichtlich der „in ihren Interessensgebieten“ lebenden Personen ukrainischer und weißrussischer Abstammung.

       Berlin unterzeichnete mit jedem einzelnen Staat, in dem Deutsche lebten, die man umzusiedeln beschlossen hatte, ebenfalls einen bilateralen Vertrag. So schloss Deutschland beispielsweise 1939 eine solche Vereinbarung mit Estland (15. Oktober), mit Italien über die Ausreise der in Südtirol ansässigen Deutschen (21. Oktober), mit Lettland (30. Oktober) und mit der Sowjetunion über die Umsiedlung der Deutschen aus Wolhynien, Galizien und dem Narew-Gebiet (3. November) ab.

       Im darauffolgenden Jahr, 1940, unterschrieb Deutschland drei weitere Verträge: mit Ungarn (29. Mai), mit der Sowjetunion über die Umsiedlung der Deutschen aus Bessarabien und der Nordbukowina (5. September) und mit Rumänien über die Ausreise der in der Südbukowina und in der Dobrudscha lebenden Deutschen (22. Oktober). Am 10. Januar 1941 wurde eine Vereinbarung zwischen der Sowjetunion und Deutschland geschlossen, die eine Beendigung der Übersiedlung der Deutschbalten aus Lettland und Estland nach Deutschland vorsah und die Ausreise der Litauendeutschen regelte. Am 31. August desselben Jahres unterzeichnete Berlin einen Vertrag mit Italien über die „Heimkehr ins Reich“ der in Slowenien lebenden Deutschen. Schließlich wurden 1942 und 1943 die Umsiedlungsverträge mit Bulgarien und Kroatien geschlossen.[9]

       Es ist also ersichtlich, dass die Abreise der Deutschen Lettlands faktisch in mehreren Etappen erfolgte, die zusammen einen einheitlichen Umsiedlungsprozess bildeten, der mit Unterbrechungen beinahe anderthalb Jahre lang in Anspruch nahm – vom Herbst 1939 bis zum Frühling 1941. In der historischen Literatur sind zwei Sichtweisen zur Periodisierung der Umsiedlung vertreten. So teilt beispielsweise der deutsche Historiker deutschbaltischer Herkunft Jürgen von Hehn die Abreise der Lettlanddeutschen in drei Perioden ein. Die erste Periode, die Umsiedlung, umfasste den Zeitraum Oktober bis Dezember 1939, die zweite, die erste Nachumsiedlung, den Frühling 1940, und die dritte, die Nachumsiedlung im Winter 1941, dauerte vom 10. Januar bis zum 25. März 1941.[10]

       Logischer wäre es, nur von zwei Umsiedlungsaktionen zu sprechen, da sowohl die Umsiedlung der örtlichen Deutschen im Herbst 1939 als auch die im Frühling 1940 auf der gleichen juristischen Grundlage, dem am 30. Oktober 1939 zwischen Lettland und Deutschland geschlossenen Vertrag, stattfanden. Außerdem verließ Lettland im Frühjahr 1940 nur eine im Vergleich verschwindend geringe Zahl von Deutschbalten, nur etwas mehr als 500 Personen.[11]

       Die Aufgabe des Verfassers ist es nicht, alle Themen zu betrachten, die auf irgendeine Weise mit den Aktionen zur Umsiedlung der Deutschbalten in der Anfangsphase des Zweiten Weltkriegs in Verbindung stehen. Diese kleine Broschüre kann das auf keinen Fall leisten. Faktisch wird nur die Ansiedlung der Umsiedler an ihren neuen Wohnorten erwähnt. Vor dem historischen Hintergrund wird das Hauptaugenmerk den Fragen gewidmet, die in direkter und enger Verbindung mit der Geschichte Lettlands dem Schicksal des Staates Lettland sowie den Veränderungen seiner historisch gewachsenen nationalen Zusammensetzung stehen. Probleme, die bis zum Schluss noch nicht restlos geklärt sind, und strittige Fragen werden in den Vordergrund gestellt. Der Verfasser ist fest davon überzeugt, dass das zur Erörterung stehende Thema ein großartiges Exempel dafür ist, welch negative Folgen es für einen Staat und seine Bürger haben kann, wenn sich fremde aggressiv gestimmte Großmächte gewalttätig und brutal in den natürlichen Verlauf seiner Geschichte einmischen.

 

I. Der Verlauf der Umsiedlung in den Jahren 1939 und 1940

1. Die Deutschbalten am Vorabend der Umsiedlung

Die Anfänge der Geschichte der Deutschbalten in Lettland datieren um das Jahr 1200 herum. Bedingt waren sie Nachkommen derjenigen deutschen Ritter, die als Krieger, Kolonisatoren und Missionare ins Baltikum gekommen waren. Die Deutschbalten wurden jedoch im Laufe der Jahrhunderte zu einer speziellen örtlichen Erscheinung. Sie hatten ihre eigene Kultur und Mentalität, die sich auf der lokalen Grundlage gebildet und auch Elemente der russischen, schwedischen und polnischen Kultur integriert hatten. Die Deutschbalten absorbierten eine recht große Anzahl der autochthonen Letten, Liven und Esten. Nach Berechnungen des deutschen Autors Wilhelm Lenz war die lettische und estnische Komponente unter den Deutschbalten quantitativ auf 10 Prozent einzuschätzen.[12]

       Nicht zu leugnen ist die Tatsache, dass die Deutschbalten ein besonders wichtiger Faktor waren, der wesentlich, aber verschiedenartig die Richtung und Entwicklung des historischen Prozesses in Lettland beeinflusste. Einerseits gestalteten gerade sie die allgemeine Kultursituation und setzten ein enormes, auch für die einheimische lettische Bevölkerung sehr bedeutsames Kulturschaffen in Gang. Heutzutage sehen viele lettische Historiker in ihnen nicht nur die Unterdrücker des lettischen Volkes, sondern auch die Träger von Kultur und Zivilisation. Bis zum 20. Jahrhundert schufen Gutsbesitzer, Städter, Pfarrer, Ärzte, Apotheker, Lehrer, Händler und Handwerker deutschbaltischer Herkunft in Lettland eine Kulturwelt von europäischem Niveau, in die sich einzufügen und zu integrieren auch viele Letten strebten.[13] Auch in der Zwischenkriegszeit waren die Deutschbalten die reale Verbindung, die Lettland mit Westeuropa vereinigte.

       Andererseits bremsten die Deutschbalten, die mehrere Jahrhunderte lang die politisch, wirtschaftlich und sozial bestimmende Schicht gewesen waren, nicht selten den heranreifenden Verlauf der sozialökonomischen und in späteren historischen Perioden auch nationalpolitischen Prozesse. In den Beziehungen zwischen Letten und Deutschen dominierten häufig Konfrontation, beiderseitiges Unverständnis und Intoleranz. Sehr deutlich ist das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu beobachten, in der Zeit des lettischen und estnischen nationalen Erwachens und der darauf folgenden Russifizierung; während der Revolution von 1905 verwandelte sich die Konfrontation zwischen deutschen Gutsbesitzern und lettischen Bauern jedoch bereits in einen offenen bewaffneten Kampf. Hauptsächlich (aber nicht nur) als Antwort auf die Unbarmherzigkeit der Strafexpeditionen seitens der Gutsbesitzer und des Zaren kam es in Lettland vermehrt zur Brandschatzung von Gutshöfen, die nach Ansicht der lettischen Bauern „zuallererst eine Realität und auch ein Symbol der Macht des Adels waren“.[14] In dieser Zeit, in der die Rachsucht über den gesunden Menschenverstand siegte, wurden viele Kulturschätze unwiderruflich zerstört.

       Nach dem Ersten Weltkrieg begann eine neue, von widersprüchlichen Phänomenen durchdrungene Epoche in der mehr als 700 Jahre langen Geschichte der Deutschbalten. Ihr Elitestatus und ihre politische, ökonomische und soziale Situation veränderten sich merklich. Mit der Gründung des Nationalstaats Lettland und den von diesem durchgeführten Maßnahmen verlor die deutschbaltische Elite einige ihrer im Laufe der Geschichte errungene Privilegien, die zuvor ihre herausragenden Positionen im politischen und wirtschaftlichen Umfeld gesichert hatten. 1920 wurden die Ritterschaftsorganisationen[15] in Kurland, Semgallen und Livland liquidiert und die Adelstitel abgeschafft. Am 18. März desselben Jahres erließ der Volksrat Lettlands das Gesetz über die Reduzierung der Vorkriegsschulden des Landes in lettische Rubel, das die Schulden der Bauern gegenüber den Gutsbesitzern beinahe vollständig tilgte.[16] Den schwersten Schlag jedoch versetzte den deutschbaltischen Gutsbesitzern die Agrarreform. Am 16. September stimmte die Verfassunggebende Versammlung Lettlands für ein radikales Agrargesetz, das praktisch die Enteignung größeren Landbesitzes und Übergabe an Landlose, in erster Linie Teilnehmer der Revolution von 1905 und des lettischen Unabhängigkeitskrieges,[17] bedeutete.[18] Als Folge der Agrarreform verloren die Deutschen in Lettland 2,7 Mio. Hektar Land.[19]

       Nach 1920 wechselten Letten und örtliche Deutsche ihre Rollen. Nun konnten die Deutschbalten versuchen, sich als nationale Minderheit zu bestätigen. Für sie war dieser Status ungewohnt und fremd. Viele wollten sich damit nicht abfinden und verließen ihre Heimat. Die Mehrheit jedoch blieb und hoffte, dass man einen modus vivendi[20] mit den Letten finden würde, da auf ihrem Habenkonto immerhin die gemeinsamen Kämpfe gegen die Sowjetmacht im Jahre 1919 standen.[21] Diese Wahl erwies sich als richtig, da es den Deutschbalten nicht nur gelang, sich schnell umzuorientieren und der neuen politischen Realität anzupassen, sondern auch den korporativen Charakter ihrer Gesellschaft zu bewahren.[22]

       Nach den Russen und den Juden bildeten die Deutschbalten die drittgrößte Minderheiten in Lettland. 1925 überschritt ihre Zahl knapp 70 000, der Anteil an der Gesamtbevölkerung betrug 3,9 Prozent. Der größte Teil von ihnen konzentrierte sich in den Städten Lettlands. Ein richtiger Stützpunkt der Deutschbalten war Riga, wo in dem genannten Jahr fast 62 Prozent von ihnen lebte. Bedeutsam war auch der Anteil der Deutschbalten an allen Einwohnern der Hauptstadt – er betrug 13 Prozent.[23] [...]

 

4. Warum beschlossen die Deutschbalten auszureisen?

Im Laufe der Zeit haben deutsche Historiker und deutschbaltische Autoren verschiedene Ansichten über die Umsiedlung und deren Motive geäußert. Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden einige Diskussionen zu diesem Thema statt. Die erste begann in der zweiten Hälfte der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als in der Zeitschrift Baltische Hefte mehrere Artikel erschienen, die der politischen Geschichte der Deutschbalten in den 30er Jahren gewidmet waren. Die größte Aufmerksamkeit erhielt die umfangreiche Publikation „Über die Umsiedlungsfrage“ des Historikers und Journalisten Hans von Rimscha, in der er von neuem seine bereits im Jahre 1940 aufgestellte These vertrat.[24] Er behauptete, dass das Hauptmotiv für die Umsiedlung der Deutschbalten die freiwillige Unterwerfung der „Volksgruppe“ unter den Befehl Adolf Hitlers gewesen sei, da dieser die Auslandsdeutschen zur Heimkehr nach Deutschland aufgerufen habe.[25]

       Ende der 50er Jahre bestritten beinahe alle anderen Autoren, die an der Diskussion teilnahmen, den Standpunkt von Rimschas in dieser Frage. Sehr scharf und begründet widersprachen ihm H. von Fölkersahm,[26] Wilhelm Wrangell,[27] von Sivers[28] und Arved Taube,[29] die die Furcht oder Rettung der Deutschbalten vor dem Bolschewismus, die Disziplin der „Volksgruppe“ und die hoffnungslose politische Situation, in der sich Lettland und damit auch die Deutschbalten befanden, als Hauptursachen für die Umsiedlung anführten.

       Die zweite Diskussion begann Mitte der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts und stand, kurz gesagt, in Zusammenhang mit dem Protest gegen die Veröffentlichungen der ehemaligen Führer der „Bewegung“. In den ersten 20 Jahren nach dem Krieg wollte die deutschbaltische Gemeinschaft in der Bundesrepublik Deutschland faktisch wenig über die Anhänger der „Bewegung“ hören, da sie sie mit gutem Grund für die Hauptschuldigen an allen Missgeschicken der Deutschbalten, auch am Verlust ihrer Heimat, hielten.

       1964 wurden in der Monatsschrift Baltische Briefe, die in der Bundesrepublik erschien, unter dem Titel „Im Interesse des Reiches. Zur politischen Vorgeschichte der Umsiedlung“[30] die Erinnerungen von Friedrich Buchardt veröffentlicht, dem stellvertretenden Leiter der „Bewegung“ im Berlin der zweiten Hälfte der 30er Jahre. In der Ausgabe der Monatsschrift vom Mai 1965 wurden sie von Erhard Kroeger kommentiert.[31] Und schließlich erblickten 1967 Kroegers eigene Erinnerungen unter dem Titel „Der Auszug aus der alten Heimat. Die Umsiedlung der Baltendeutschen“ das Licht des Tages. Sie sind eine bedeutende historische Quelle, da sie die Sichtweise des Leaders der örtlichen deutschen Nazis auf die politische Geschichte der Lettlanddeutschen in den 30er Jahren und den Umsiedlungsprozess widerspiegeln. Seiner Meinung nach wären im Falle einer sowjetischen Okkupation alle Deutschbalten bedroht und der Gefahr der Vernichtung ausgesetzt gewesen.[32] Er versuchte aufzuzeigen, dass es falsch sei, die Umsiedlung als Gehorsam gegenüber dem Führer-Befehl aufzufassen, weil nämlich niemals ein Befehl zur Umsiedlung ausgesprochen worden sei. Man könne einzig im übertragenen Sinne von einem „Gewissensbefehl“ sprechen, da es nur eine Aufforderung Hitlers, die Heimat zu verlassen und „am neuen Wohnort neue Aufgaben zu übernehmen“, gegeben habe.[33]

       Eine neue Diskussion unter den Deutschbalten initiierte die von dem Juristen D.A. Loeber (gest. 2004) zusammengestellte Dokumentation „Diktierte Option“, die im Jahre 1972 erschien. Die darin veröffentlichten Dokumente (zusammen 332) waren sehr überzeugend, sie fanden starken Widerhall und eröffneten die Möglichkeit, eine recht umfassende Vorstellung von den Aktionen zur Umsiedlung der Deutschbalten zu erhalten. Die Ausreise der Lettland- und Estlanddeutschen und ihre Heimkehr ins Reich sind dort detailliert und nuancenreich dokumentiert. Diese Dokumentensammlung ist noch immer eine unersetzliche Quellenbasis für Historiker, die zum Verlauf der Umsiedlung forschen. […]

       Seine Ansichten über die Umsiedlung der Deutschbalten führt Loeber in der umfangreichen Einleitung zu der Dokumentation aus. In der von ihm dargelegten Konzeption wird die Ausreise der Lettland- und Estlanddeutschen in einer engen Wechselbeziehung mit anderen Umsiedlungsaktionen und im Zusammenhang mit der politischen Strategie der NSDAP gesehen. Entsprechend dieser Grundeinstellung analysiert Loeber die Ausreise der Lettland- und Estlanddeutschen aus verschiedenen Blickpunkten. Seines Erachtens ist sie eine Maßnahme der imperialistischen Politik Deutschlands und der Sowjetunion, ein Instrument der nationalsozialistischen Rassen- und Volkstumspolitik (in diesem Zusammenhang wird der zwiespältige Charakter der Umsiedlung hervorgehoben: Rettung vor der Gefahr des Bolschewismus und gleichzeitig Kolonisierungsmaßnahme – Osteinsatz) und eine Aktion des totalitären Staates.

       Loeber sieht in der Ausreise der Deutschbalten nach Deutschland aber auch den inviduellen Entschluss jedes einzelnen Deutschen. Große Aufmerksamkeit wird in diesem Zusammenhang der Klärung der möglichen Motive und deren Analyse gewidmet, um zu verstehen, weshalb sich jeder einzelne Lettland- oder Estlanddeutsche zur Aufgabe seiner Heimat entschloss. Nach Loebers Ansicht gibt es, wenn man formal oder einfach an die Sache herangeht, im Wesentlichen nur zwei Hauptursachen: die Umsiedlung als Rettungsaktion und die Umsiedlung als Kolonisierungsmaßnahme. Die erste spiegelt die ursprüngliche Stimmung der deutschen staatlichen Einrichtungen wider und die zweite die offizielle Parole, als die Leitung der Aktion von der SS übernommen wurde. Die ausgegebene Parole stützte sich auf die Vorstellungen der NS-Führung, dass Auslandsdeutsche (ungeachtet ihrer Staatsangehörigkeit) den Weisungen Deutschlands unterliegen. Ihrer Ansicht nach waren die volksdeutschen Umsiedler Personen, die ihrem Befehl unterstellt waren und die der Führer von der Erfüllung der bisherigen Pflichten befreite, „da er ihnen neue Aufgaben zuteilte“.[34]

       Obwohl Loeber darauf hinweist, dass die Deutschbalten in den Umsiedlungsanträgen keine konkreteren persönlichen Gründe für die Ausreise nennen mussten (zudem sind diese Anträge nur mäßig dokumentiert), äußert er sich dennoch zu ihnen, wenn auch ziemlich knapp. Er erwähnt, dass das von den deutschen Behörden gegebene Versprechen auf Entschädigung des Eigentums und auch der Gedanke an das Ende des deutschen Kulturlebens in der Heimat, da sich Deutschland mit Lettland und Estland über die Umsiedlung der Volksgruppen als einheitliche Gesamtheit geeinigt hatte, viele in ihrem Entschluss bestärkte. Sehr wichtig sei für einige die Tatsache gewesen, dass die baltischen Regierungen sich entschlossen hatten, keinen Widerstand zu leisten und Sowjetforderungen zu akzeptieren; somit stellte sich die Frage der militärischen Verteidigung der Heimat nicht. Große Bedeutung, wenn es um die Motive zur Umsiedlung geht, hatte auch das deutschbaltische Gemeinschaftsgefühl.[35]

       Sehr ähnliche Ansichten werden auch in dem 1973 veröffentlichten Buch von Arved von Taube und Erik Thomson „Die Deutschbalten. Schicksal und Erbe einer eigenständigen Gemeinschaft“ ausgesprochen (in lettischer Sprache 1993 publiziert). Die Autoren sind der Ansicht, dass der wahre Grund, weshalb die große Mehrheit der Deutschen des Baltikums ihre Heimat verließ, Angst vor der Bolschewisierung war. Nichtsdestoweniger durfte man, wie von Taube und Thomson aufzeigen, „wenn man ‚deutsch-sowjetische Freundschaftsgefühle‘ und Sorgen wegen der Esten und Letten in Betracht zog, dies nicht offiziell benennen. Die offizielle Bekanntmachung, dass ,die Deutschbalten in großer Einheit dem Ruf des Führers folgen, neue Aufgaben in den wiedergewonnenen Ostgebieten zu erfüllen‘, bestätigte im Ausland (auch in den neutral eingestellten Staaten) die Ansicht, dass es zu einer Vereinheitlichung der Deutschbalten und der Reichsdeutschen gekommen sei. Dieser Sichtweise schloss sich – ganz besonders in Lettland – nur ein kleiner Teil der jungen Generation an, die unter den Einfluss des Nationalsozialismus geraten war und der Ansicht war, dass der Konflikt zwischen Volks- und Staatszugehörigkeit nur mit radikalen Mitteln zu lösen sei.“[36]

       Eine eigene Sichtweise offenbart Jürgen von Hehn in seinem Werk „Die Umsiedlung der baltischen Deutschen – das letzte Kapitel baltischdeutscher Geschichte“ (1982). Seiner Meinung nach beginnt, nachdem die einheimischen Deutschen in Lettland und Estland 1918/19 auf eine direkte Verantwortung für den Staat und seine Verwaltung verzichtet hatten, eine neue Epoche in ihrer Geschichte mit der für sie charakteristischen Hoffnungslosigkeit der Situation der Deutschbalten, die 1939 mit der Umsiedlung aus Lettland und Estland, wo sie mehr als 700 Jahre gelebt hatten, endete.[37] Indem er diese Ansicht äußert, leugnet von Hehn praktisch die Möglichkeit, dass die Deutschbalten, nachdem sie ihren vorherigen Status und ihre früheren Schlüsselpositionen verloren hatten, noch eine längere Zeit als nationale Minderheit hatten bestehen können.

       Diese Sichtweise von Hehns ist nur sehr schwer als überzeugend einzustufen. Das Jahr 1918/19 leitete keineswegs das Ende der deutschen Geschichte im baltischen Raum ein. Die Deutschbalten blieben weiterhin ein eigenes örtliches Phänomen mit alten und tief verwurzelten historischen Traditionen. Sie schafften es recht erfolgreich, sich der politischen Realität, der Existenz der unabhängigen Staaten Lettland und Estland anzupassen. In den 20er Jahren wandelten sich einzig die politischen Formen ihrer Existenz entsprechend der parlamentarisch-demokratischen Staatsform und deren Geist.

       Im Unterschied zu von Hehn ist Michael Garleff nicht der Meinung, dass die deutschen „Volksgruppen“ in Lettland und Estland nach der Entstehung der Nationalstaaten in eine beinahe ausweglose Situation geraten wären. Er verweist auf die Bereitschaft und die Fähigkeit des größeren Teils der Deutschbalten, sich den neuen gesellschaftlichen und politischen Umständen anzupassen. Allmählich habe dies zu einer Umorientierung und aktiver Teilnahme der einheimischen deutschen Politiker am staatlichen Leben Lettlands und Estlands geführt, wobei diese sowohl die Forderungen der einheimischen Deutschen vertreten als auch die allgemeinen Staatsinteressen nicht vergessen hätten.[38]

       Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Beiträge des deutschen Historikers Rex Rexheuser über die Umsiedlung der Deutschbalten (Ende der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts veröffentlicht). In ihnen wird der Versuch unternommen, den von den Historikern hinterlassenen Nachlass auszuwerten und zu bestimmen, wie überzeugend sie auf zwei wichtige Fragen geantwortet haben: Warum brauchte Berlin die Umsiedlung der Auslandsdeutschen, und warum waren die Deutschbalten zur Umsiedlung bereit? Nach Ansicht Rexheusers sind die Anworten auf diese beiden Fragen weiterhin widersprüchlich und nicht ausreichend seriös begründet.[39]

       Die von Rexheuser durchgeführte Analyse der Ursachen und des Verlaufs der Heim-ins-Reich-Politik ist zweifellos selten erfolgreich. Er deckt recht überzeugend die Besonderheiten der internationalen Situation jener Zeit auf und versucht zu erklären, warum die Deutschbalten in Lettland und Estland die einzige deutsche „Volksgruppe“ waren, die im Herbst 1939 von Berlin „gerettet“ worden war, bevor die sowjetische Armee ihre Heimat besetzt hatte. In diesem Zusammenhang weist er auf den hohen Bedrohungsgrad der Deutschbalten hin, da sie größtenteils gut situierte und gebildete Stadtbewohner waren, während die Deutschen in Litauen und in den sowjetisch okkupierten polnischen Gebieten vorwiegend Landbewohner respektive Bauern waren. Die plötzliche und unerwartet radikale Änderung der Situation nach der Unterzeichnung des Molotow-Ribbentrop-Paktes bestimmte nach Ansicht Rexheusers praktisch auch den fast einstimmigen Entschluss der Deutschbalten, ihre Heimat zu verlassen. Wenn sie geblieben wären, hätten sie nicht mehr auf die sichere Unterstützung und Verteidigung seitens Deutschlands hoffen können und mit verschiedenen unerwarteten (größtenteils wohl fiktiven) Wendungen des Schicksals und banalen Exzessen rechnen müssen. Weder in Lettland noch Estland fehlte es auch an sowohl rechts- als auch linksextrem eingestellten Menschen, denen die Deutschbalten ein Dorn im Auge waren. Nichtsdestoweniger ist es schwierig, ja beinahe unmöglich, sich vorzustellen, dass dies alles zu Beginn der sowjetischen Okkupation eine Auseinandersetzung mit den Deutschbalten hätte auslösen können.

       Der deutsche Autor Lars Bosse teilt alle Motive und Gründe, die die Deutschbalten zur Umsiedlung ermunterten oder nötigten, in push- und pull-Faktoren ein. Als wichtigsten push-Faktor bzw. Grund, der die Bereitschaft die Heimat zu verlassen erhöhte, führt er die veränderte politische Situation nach dem Ersten Weltkrieg an, als sich die Deutschbalten von einer politisch und sozial privilegierten Schicht in eine Minderheit verwandelten. Das verbreitetste Argument zugunsten der Umsiedlung sei der horror sovieticus gewesen, d.h. die Furcht vor der drohenden sowjetischen Okkupation. Der Wunsch, die Heimat zu verlassen, wurde auch durch die positive Einstellung der deutschen Organisationen, Gesellschaften und der Kirche gegenüber der Umsiedlung gefördert.[40]

       Zu den pull-Faktoren (den positiven Hoffnungen, die man hegte) zählt Bosse in erster Linie die Tatsache, dass sich die Deutschbalten ihrer Zugehörigkeit zum deutschen Volk bewusst waren. Er lässt allerdings die Frage offen, ob in dieser Hinsicht der allgemein faszinierende Einfluss des Nationalsozialismus oder die konkrete Aufforderung des Führers zur Umsiedlung (viele Deutschbalten sahen in Hitler den Kanzler des gesamten deutschen Volkes; I. F.) größere Bedeutung hatte. Seiner Meinung nach war Berlins Versprechen, für das in der Heimat zurückgelassene Eigentum vollständige Entschädigung zu erhalten, sehr wirkungsvoll und beförderte die Umsiedlung.[41]

       Matthias Schröder wendet sich in dem Artikel „Die Umsiedlung der Deutschbalten im Kontext europäischer Zwangsmigrationen“ (2006) der Typologisierung der „Umsiedlung“ zu und versucht, eine Antwort auf die Frage zu geben, ob es sich mehr um Emigration oder um Ausweisung (Vertreibung) handelte. Er wird wenig konkret, engt das ausgewählte Problem auf die Frage ein, ob man die Umsiedlung der Deutschbalten mit dem Begriff „Zwangsmigration“ bezeichnen kann, und bemüht sich, es aus zwei Blickwinkeln zu betrachten, indem er sowohl äußere (die wichtigsten politischen Voraussetzungen für den Ablauf der Umsiedlung) als auch „innere“ Faktoren (die von den Umsiedlern selbst angeführten Motive) berücksichtigt.[42]

       Schröder betrachtet die Umsiedlung als ein von äußeren Faktoren bestimmtes Phänomen und weist darauf hin, dass sie bestimmt nicht die Option (Wunschoption) der Deutschbalten war, aber dass sie nichtsdestoweniger auf der Grundlage der Verträge stattfand, die Deutschland mit Lettland und Estland geschlossen hatte. Seiner Meinung nach zeugen die in den Verträgen verwendeten Formulierungen (im Falle Lettlands beispielsweise: Die Umsiedler „äußern freiwillig ihren Wunsch, auf alle Zeiten auf die Staatsangehörigkeit Lettlands zu verzichten“) durchaus nicht von einem Bestreben der Staaten Lettland und Estland, die Deutschbalten auszuweisen, da ihnen auch die Möglichkeit zu bleiben gegeben wurde. Schröder folgert daraus, dass man die Umsiedlung nicht mit einer Deportation oder Ausweisung vergleichen kann, eher wäre es präziser und angemessener, den Begriff „Emigration“ zu verwenden, für den ein Unterton von Unfreiwilligkeit charakteristisch ist, weil Emigration doch gewöhnlich auf Druck der Gesellschaft folgt.[43]

       Hingegen sahen die Umsiedler selbst damals die Umsiedlung als Rettungsaktion und Zwangsmigration oder sogar als Ausweisung der „Volksgruppen“ an, und ihre Nachkommen sehen das häufig noch bis heute so. Diese Sichtweise bewertet Schröder als allzu emotional, den historischen Vorgängen gegenüber inadäquat und darauf orientiert, die Einstellung, dass die Deutschbalten Opfer seien, in den Vordergrund zu stellen.[44] […]

 

6. Die Umsiedlung und die Einstellung der lettischen Gesellschaft

Die Umsiedlung der Deutschen Lettlands im Herbst 1939 fand auf dem Seeweg statt. Sie war insgesamt gut organisiert und ging schnell vonstatten, aber sie kam natürlich auch nicht ohne einzelne Zwischenfälle aus, von denen der „herausragendste die Affäre der unentdeckten Brandbomben auf der ,Sierra Cordoba‘“ war –[45] einem Schiff, mit dem sich viele deutschbaltische Nazi-Vertreter am 9. Dezember auf den Weg nach Deutschland machten. Nach Informationen des Historikers von Hehn entdeckte man auf dem Schiff, als es den Hafen von Riga bereits verlassen hatte, eine Brandbombe, und „es musste anscheinend noch eine weitere versteckt sein“.[46] Man kehrte nach Riga zurück, und das Schiff wurde von der Polizei und Feuerwehr Lettlands durchsucht, aber man fand nichts. In der historischen Literatur werden verschiedene Mutmaßungen darüber angestellt, wer diesen Diversionsversuch organisiert haben könnte ‒  der britische oder der französische Geheimdienst.

       Völlige Klarheit in dieser Frage gibt auch der Einblick in die Materialien der Politverwaltung Lettlands [Politische Verwaltung Lettlands ‒ der Innengeheimdienst; D. H.] nicht. Ihnen ist zu entnehmen, dass die Politverwaltung am 9. Dezember 1939 Ermittlungen gegen Raymond Schmittlein, einen Lehrer am französischen Lyzeum, aufnahm, in dessen Wohnung in Riga am 13. Dezember eine Hausdurchsuchung stattfand. Am 9. Januar 1940 schrieb der Oberaufseher H. Teidemanis in einer Erklärung an den Vorsitzenden der Politverwaltung Jānis Fridrihsons: Schmittlein habe gestanden, dass er die erfolglose Sprengung der Sierra Cordoba organisiert habe. Er wurde aus Lettland ausgewiesen.[47]

       Von Riga aus trat der größte Teil der einheimischen Deutschen die Reise an. Die Deutschen aus Livland, Semgallen und Lettgallen sammelten sich zur Abfahrt in Riga. Die in Westkurland wohnhaften Deutschen traten die Fahrt ins Reich von Libau [Liepāja; D. H.] aus an, aus Nordkurland hingegen startete man in Windau [Ventspils; D. H.]. Das erste Schiff mit Deutschen, die ehemalige Staatsangehörige Lettlands waren, verließ Riga am 7. November 1939 (zuvor hatten im Oktober die in Lettland lebenden Reichsdeutschen mit zwei Schiffen das Land verlassen), und das letzte am 16. Dezember. Um die Umsiedler und ihre Habe aus Lettland herauszubringen, unternahmen die deutschen Schiffe insgesamt ungefähr 100 Fahrten.[48] Zum hauptsächlichen neuen Aufenthaltsort der Lettlanddeutschen wurde der Reichsgau Wartheland, der entstanden war, indem man Polen breite Gebiete im Westen weggenommen hatte. Recht viele Deutschbalten wurden auch im Reichsgau Westpreußen angesiedelt.

       Parallel zur Ausreise der Deutschbalten fand in Lettland auch ein anderer Vorgang statt, der mit der Umsiedlung zusammenhing, nämlich die Liquidierung der kulturellen und gesellschaftspolitischen Einrichtungen des Deutschtums. So wurden beispielsweise schon ab dem 1. November 1939 die deutschen Schulen geschlossen, und es wurden Liquidatoren für die 151 deutschen Gesellschaften und Organisationen, deren Tätigkeit innerhalb von 14 Tagen beendet werden musste, eingesetzt.[49] Des Weiteren verabschiedete die Regierung Ulmanis am 28. November ein Gesetz zur Schließung der deutschen Hochschule in Riga, des Herder-Instituts,[50] und am 13. Dezember erschien die letzte Ausgabe der wichtigsten deutschbaltischen Zeitung Rigasche Rundschau. „Deutsche, die Staatsangehörige Lettlands sind, gibt es formal nicht mehr,“ so lautete die offizielle Sichtweise.

       Wie viele Deutsche verließen Lettland im Herbst 1939? Die Antwort auf diese Frage bekommen wir, wenn wir einen Blick in den Bericht von Marģers Skujenieks, des Direktors der Staatlichen Statistikverwaltung Lettlands, werfen, der Ulmanis am 24. April 1940 zugesandt wurde. In dem Dokument steht vermerkt, dass „bis zum 15. Dezember 1939 in Lettland 46 954 Personen aus der Staatsangehörigkeit Lettlands entlassen worden sind und in unseren Vertretungen im Ausland 1 884 Personen, d.h. insgesamt 48 838“.[51] Unter denen, die in Lettland aus der Staatsangehörigkeit Lettlands entlassen wurden, waren 45 159 Deutsche. Es ist interessant darauf hinzuweisen, dass sich von ihnen bei der Volkszählung 1935 nur 37 754 Personen als Deutsche ausgegeben hatten. Insgesamt lebten in Lettland 1935 (entsprechend den Daten der Volkszählung) 56 441 Deutsche, die Staatsangehörige Lettlands waren, aber nach den Daten des Statistikbüros hatte sich ihre Zahl 1939 auf 54 567 verringert.[52] Außer den Deutschen, die Staatsangehörige Lettlands waren, lebten in Lettland auch ausländische Deutsche und Staatenlose mit Nansen-Pass (1935 waren es 5 703), von denen der größte Teil 1939 nach Deutschland ausreiste.

       Die Ausreise der Deutschen Lettlands setzte sich auch im Frühjahr des Jahres 1940 fort. Die Regierung Lettlands und die deutsche Gesandtschaft in Riga hatten vereinbart, dass noch diejenigen einheimischen Deutschen ausreisen dürften, die dies aus besonderen Gründe nicht bis zum 15. Dezember 1939 getan hatten. Die Zahl der Ausreisewilligen war jedoch sehr klein, es handelte sich nur um 506 Personen. Sie mussten Lettland bis zum 30. April 1940 verlassen.[53] Die Umsiedlung fand gemäß den Bestimmungen des Vertrages vom 30. Oktober 1939 statt.

       Wie reagierte die lettische Gesellschaft auf die Ausreise der Deutschbalten? Zumindest eine Teilantwort auf diese Frage kann man geben, wenn man sich mit Quellen wie den Reden von Regierungsvertretern Lettlands, Dokumenten von staatlichen Behörden und der damaligen Presse beschäftigt. Jedoch spiegeln diese Quellen hauptsächlich den offiziellen Standpunkt Lettlands wider. In diesem Zusammenhang könnte man darauf hinweisen, dass die Einstellung der Regierung selbst die Einstellung der Beamten der Politverwaltung Lettlands spürbar beeinflusste. Es scheint daher, dass sogar ihre Berichte nicht ausreichend objektiv sind und in ihnen Versuche zu konstatieren sind, unter Berücksichtigung des Regierungsstandpunkts betont das positive Verhältnis der Letten zur Ausreise der einheimischen Deutschen hervorzuheben. Besonders kann man dies in den Berichten beobachten, die unter dem unmittelbaren Eindruck der Ulmanis-Rede vom 12. Oktober 1939 geschrieben wurden. In seiner Botschaft an das Volk wandte sich der Minister- und Staatspräsident scharf gegen die Erregung in der lettischen Gesellschaft wegen der Ausreise der Deutschbalten.      

Andererseits stehen dem Autor nur sehr wenige private Quellen zur Verfügung: persönliche Briefe, Tagebücher, Erinnerungen usw. Möglicherweise würden gerade diese Materialien das Verhältnis der Letten zu den Deutschbalten aus einem anderen Blickwinkel und auf einem anderen Niveau zeigen. Beispielsweise könnte man feststellen, wie sich die Letten gegenüber der Ausreise ihrer deutschen Nachbarn verhalten haben, und ob sie sich ihren Staat ohne diese vorstellen konnten oder auch nicht. Wegen des Mangels an entsprechenden Materialien und der fehlenden Erkenntnis bleibt uns diese Möglichkeit im Großen und Ganzen jedoch verwehrt.

       Wie die Dokumente der staatlichen Behörden Lettlands belegen, bewirkten die ersten Nachrichten über die Umsiedlung der Deutschbalten eine Zunahme der Erregung in der lettischen Gesellschaft. Im Staat wurde das Reden über einen möglichen Angriff der Truppen der Sowjetunion stärker. Am 11. Oktober 1939 teilte der stellvertretende Leiter der Politverwaltung des Bezirks Libau, D. Mergins, Jānis Fridrihsons mit: „Unter den Letten und den Einwohnern anderer Nationalitäten geht das Gerücht um, dass den einheimischen Deutschen weisgemacht würde, dass Hitler von der Regierung der UdSSR zwei Wochen Zeit erbeten habe, um die eigenen Landsleute aus den Staaten des Baltikums evakuieren zu können, weil danach die Kommunisten hier einzögen.“[54]

       Eine ähnliche Information findet sich auch in anderen Dokumenten. Beispielsweise schrieb der Oberaufseher N. Lapsiņš in einem Bericht vom 28. Oktober 1939 an den Leiter der Politverwaltung des Bezirks Riga, dass „der Vertrag mit der UdSSR [gemeint ist das erzwungene Stützpunktabkommen vom 5. Oktober 1939; I. F.] und die überhastete Umsiedlung der Deutschen unter den lettischen Arbeitern eine panische Stimmung hervorgerufen habe.“[55] Tatsächlich weist er im weiteren Verlauf seines Berichtes darauf hin, dass die Rede des Staatspräsidenten vom 12. Oktober und die Verzögerung der Umsiedlung der Deutschen diese „Aufregung fast völlig beseitigt haben“.[56] In der erwähnten Rede bezeichnete Ulmanis unter anderem die Behauptung, dass die Umsiedlung der Deutschen in irgendeiner Weise in Zusammenhang mit dem am 5. Oktober geschlossenen Beistandspakt zwischen Lettland und der Sowjetunion stünde, als völlig unsinnig. Er bemühte sich, dem lettischen Volk die Wahrheit zu verschweigen und ihm einzureden, dass die Ausreise der einheimischen Deutschen einzig aus Erwägungen der deutschen Regierung erfolgte und unabhängig von irgendwelchen anderen Umständen wäre.[57] Auf diese Art und Weise desinformierte und desorientierte Ulmanis bewusst die lettische Gesellschaft. Anstelle der bitteren und unangenehmen Wahrheit bot er ihr propagandistische Märchen an. Eine solche Haltung und Auswahl war objektiv von Vorteil für die Sowjetunion – die Großmacht, die die Unabhängigkeit Lettlands bedrohte.

       Sehr scharf, um nicht mehr zu sagen, wandte sich Ulmanis in der erwähnten Rede gegen Panikmacher. Er gab zu, dass die Aufregung in der lettischen Gesellschaft dazu führe, darüber zu reden, „dass manche Letten gemeinsam mit den Deutschen ausreisen wollen“, und sagte seine berühmten und sehr häufig zitierten Worte: „Wenn jemand fahren will, soll er fahren, aber er weiß, dass die Ausreise in diesen Tagen nur auf ähnlichem Wege wie für die Deutschen, die Staatsangehörige Lettlands sind, möglich ist, nämlich auf Nimmerwiedersehen.“[58] Diese Worte beinhalten auch die Möglichkeit als offene Missachtung des lettischen Volkes interpretiert zu werden.

       Sowohl in Ulmanis‘ Rede vom 12. Oktober als auch in vielen anderen offiziellen Dokumenten spiegelt sich die positive Haltung der lettischen Regierung gegenüber der Tatsache der Umsiedlung der Deutschbalten wider. Es ist ziemlich schwierig, ohne Ausflüchte dem deutschen Historiker von Hehn zuzustimmen, der anmerkt, dass nach Ansicht der Regierung Ulmanis die Ausreise der einheimischen Deutschen im Wesentlichen „einen bedeutenden Fortschritt auf dem Weg zur Verwirklichung des Programms eines ,lettischen Lettlands‘“[59] darstellte. Regierungsvertreter erwähnten jedoch verhältnismäßig häufig auch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die durch die Umsiedlung der örtlichen Deutschen entstanden waren, obwohl sie allerdings auch nicht vergaßen, ebenso häufig zu betonen, dass das politische Leben Lettlands dadurch nur gewinnen werde.

       Berücksichtigt man die offiziell deklarierte Haltung, dann bemühten sich die staatlichen Behörden Lettlands, die Ausreise der einheimischen Deutschen zu fördern. Besonders aktiv in dieser Hinsicht war die Politverwaltung Lettlands. Am 30. November 1939 wurde durch ihren Leiter, J. Fridrihsons, die Anordnung erlassen, dass alle Bezirksleiter der Politverwaltung eilig klären müssten, welche von den in den Grenzen ihres Bezirks wohnhaften Deutschen nicht ausreisen wollten. Fridrihsons gab die Empfehlung, Beamte der Politverwaltung bei diesen Deutschen vorbeizuschicken, damit sie die Gründe, warum die Deutschen bleiben wollten, herausfanden und ihnen offiziell mitteilten, dass die Verweigerung der Ausreise eine Verleugnung ihres eigenen Volkstums bedeutete. Gleichzeitig war es die Aufgabe dieser Beamten, den Deutschen, die bleiben wollten, zu erklären, dass sie in Zukunft einzig als Konjunktur-Bürger des Staates Lettland angesehen werden würden, die dort nur durch wirtschaftliche Interessen gebunden seien.[60]

       In Ausführung dieser Anordnung sandten die Bezirksleiter der Politverwaltung Lettlands Fridrihsons bis zum 10. Dezember 1939 Listen derjenigen Deutschen zu, die nicht nach Deutschland umsiedeln wollten. In einer Liste, die der Leiter des Bezirks Libau, N. Roznieks, schickte, wurden beispielsweise 1 303 Personen aufgeführt. Es stellte sich heraus, dass in der Stadt Libau 534 Personen lebten, die nicht nach Deutschland ausreisen wollten, im Kreis Libau 325, im Kreis Hasenpoth [Aizpute; D. H.] 149 und im Kreis Goldingen [Kuldīga; D. H.] 295.[61] Es ist interessant, dass in der oben erwähnten Liste auch die Gründe für die Verweigerung der Umsiedlung angegeben wurden. Um welche handelte es sich? Ich werde nur die wichtigsten benennen: Die Angehörigen siedeln nicht um; Alter; materielle Umstände; Lettland ist die Heimat; negative Einstellung gegenüber der Staatsform Deutschlands; will nicht an die Front; will seine Immobilien nicht verlieren; Krankheit; Angst vor Hunger und Krieg; keine Angehörigen in Deutschland; keine Deutschkenntnisse; Befreier Lettlands u.a.[62]

       Es ist charakteristisch, dass die lettische Regierung hoffte, gleichzeitig mit der Durchführung der Ausreise der Deutschen auch die möglichen Anknüpfungspunkte einer künftigen deutschen Politik in Lettland zu beseitigen. Ein lebhaftes Zeugnis darüber legt beispielsweise die negative Haltung der staatlichen Behörden Lettlands gegenüber der Anregung von deutscher Seite ab, das Rigaer Herder-Institut durch Umwandlung in ein deutsches Kultur-Institut zu retten. Im November 1939 besprach der deutsche Gesandte in Riga, Ulrich von Kotze, dies mit Außenminister Vilhelms Munters und Bildungsminister Jūlijs Auškāps. In seinem Namen und dem der Regierung teilte Auškāps dem deutschen Gesandten mit, dass „ein solches Institut derzeit nicht zweckdienlich wäre“.[63]

       Gegen den Standpunkt von Auškāps wandte sich der lettische Gesandte in Berlin, Edgars Krieviņš. Er wies in einem Bericht an das Außenministerium am 12. Dezember 1939 darauf hin, dass es nicht ratsam wäre, den deutschen Vorschlag zurückzuweisen. Seines Erachtens müsste das lettische Volk in der weiteren Entwicklung enge Beziehungen mit der westeuropäischen Kultur unterhalten.[64] Zur Begründung seiner Haltung vermerkte Krieviņš: „Die Wege, welche die Letten einschlagen müssen, wenn sie nach dieser Kultur streben, führen größtenteils nach Deutschland. Dies liegt nicht nur in den historischen und geopolitischen Gegebenheiten begründet, sondern auch in Erwägungen rein praktischer Natur.“[65]

       Die hier skizzierte Episode ist ein Beleg dafür, dass innerhalb der herrschenden Kreise Lettlands ernsthafte Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Einstellung gegenüber den örtlichen Deutschen und deren Ausreise bestanden.[66] Auch hinsichtlich der Ordnung der wirtschaftlichen Angelegenheiten der Umsiedler herrschte keine wirkliche Einigkeit im Ministerkabinett Lettlands. Nach Informationen der Politverwaltung war Alfrēds Valdmanis (Finanzminister bis zum 25. Oktober 1939) der Meinung, dass die Regierung im Prinzip schon ihre Zustimmung zur Ausreise der Deutschen geben könne, dass es jedoch nicht nötig sei, einen Termin festzusetzen, und, was das Wichtigste war, dass die Regierung die Aufsicht über die Abwicklung ihres Besitzes nicht übernehmen und ihnen keinen Ausgleich zahlen müsse – „sollen sie sich doch selbst zehn Jahre lang abwickeln“.[67]

       Es wäre wohl besser gewesen, wenn die Regierung Ulmanis trotzdem versucht hätte, die Umsiedlung der Deutschen Lettlands zu vermeiden, denn dann wäre die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, wenn auch unwahrscheinlich gewesen, in irgendeiner Weise den im Molotow-Ribbentrop-Pakt programmierten und für die Unabhängigkeit Lettlands so schicksalshaften Verlauf der Ereignisse eventuell zu ändern. Hätte Lettland Berlins Plan zur Umsiedlung der Deutschbalten nicht zugestimmt und ihn nicht umgesetzt, hätte sich Deutschland vielleicht unter Berücksichtigung des so genannten Bromberg-Komplexes und der Fürsorge für die Deutschbalten zu einer Handlungsweise gezwungen gesehen, die den sowjetisch-deutschen Verträgen nicht wirklich angemessen gewesen wäre.

       Viele Quellen belegen, dass Ulmanis der Ernst der Situation und die entstandene Bedrohung für die Unabhängigkeit Lettlands sehr bewusst waren. Nicht umsonst übernahm die Regierung Ulmanis, die weiterhin die Aussichten auf eine Bewahrung der staatlichen Unabhängigkeit mit Deutschland und dessen Änderung seiner Haltung verband, die hohen Außenschulden für die Besitztümer der Deutschbalten, die diese in Lettland zurückgelassen hatten. Auf diese Weise plante man, das Interesse Berlins an Lettland zu erhalten und sogar zu steigern.

       Die von der Regierung Lettlands vertretene Handlungslinie gegenüber der Umsiedlung der Deutschbalten spiegelte sich in vollem Maße in der Presse wider. In den Zeitungen und Zeitschriften erschienen viele Artikel, in denen von ausgeprägt nationalistischen Positionen ausgehend mit offener Genugtuung betont wurde, dass Lettland nun noch nationaler würde, da das Deutschtum in Lettland auf alle Zeiten sein Ende gefunden habe. In einzelnen Publikationen wurde besonders auch der Gedanke hervorgehoben, dass mit der Umsiedlung der Deutschbalten das letzte mögliche Streitobjekt in den lettischen Beziehungen zu Deutschland verschwunden sei.[68]

       Der Ton in den Zeitungen Lettlands war den Deutschen gegenüber beleidigend. Das fiel auch den deutschen Staatsbehörden auf, die sorgfältig die in der lettischen Presse veröffentlichten Artikel über die Ausreise der Deutschbalten verfolgten. Am 4. Januar 1940 berichtete der Gesandte Lettlands in Berlin, Edgars Krieviņš, nach Riga, dass die Beiträge der Zeitungen Lettlands in den entsprechenden deutschen Behörden besprochen würden und die Deutschen „unangenehm überrascht seien“. Auch Krieviņš selbst war der Meinung, dass in mehreren Veröffentlichungen, die in der lettischen Presse gebracht worden waren, „einzig Hass und sogar ein Mangel an Selbstachtung des lettischen Menschen zum Ausdruck kommen“.[69]

       Krieviņš hatte damit hundertprozentig Recht. Aus den lettischen Pressematerialien konnte man den Eindruck gewinnen, die ausreisenden Deutschbalten seien große Feinde der Letten. Doch dies entsprach natürlich nicht der Wahrheit. Möglich auch, dass hier die Rede von einer speziell beabsichtigten Aktion war. Zumindest belegen manche Quellen, dass die Regierung Ulmanis vorhatte, mit Hilfe einer solchen Pressekampagne, mit dieser Ausrichtung gegen alles Deutsche eine neue Welle des Nationalismus zu erreichen, um die nationale Kraft und die Einigkeit des lettischen Volkes in diesem für Lettland so schwierigen Moment, als ihm sowjetische Okkupation und Sowjetisierung drohten, zu stärken.

       Natürlich waren nicht alle Publikationen in der lettischen Presse durch eine antideutsche Tendenz charakterisiert. Eine davon war der Artikel „Der Baltendeutschen jüngstes Gericht“ von Jānis Lapiņš, der 1939 in der Dezemberausgabe der Zeitschrift „Sējējs“ erschien. In dieser Veröffentlichung wurde im Großen und Ganzen eine mitfühlende und korrekte Haltung gegenüber den Ausreisenden zum Ausdruck gebracht. Nach Lapiņš‘ Meinung trennten sich 90 Prozent der Deutschbalten nur schweren Herzens von Lettland. „Was ist es, das die Deutschen in unserem Land zurücklassen?“, fragte er und gab die Antwort, dass „es die Gräber ihrer Vorfahren und die Geschichte Lettlands sind“.[70]

       Die in der Presse vertretene Sichtweise gegenüber der Ausreise der Deutschbalten beeinflusste die Stimmung in der lettischen Gesellschaft spürbar. Viele Bewohner Lettlands bewerteten die Ausreise der örtlichen Deutschen positiv, mit einem ausgesprochenen Gefühl der Erleichterung. In dem bereits oben erwähnten Bericht des stellvertretenden Leiters der Politverwaltung des Bezirks Libau, D. Mergins, stand, dass „die Letten und die übrigen Nationalitäten […] die Umsiedlung der Deutschen mit merklicher Freude aufnahmen.“[71] Anscheinend war der wichtigste Grund für eine solche Einstellung die in Lettland herrschende antinazistische und antideutsche Stimmung, die hauptsächlich infolge von Berlins herausfordernder Handlungsweise und seiner Außenpolitik, die Bedrohungsgefühle hervorrief, entstanden war. Zudem war unter den Bewohnern die Ansicht, dass die Deutschbalten die Agentur des Nationalsozialismus in Lettland seien, sehr tief verwurzelt, obwohl der von Kroeger geleiteten „Bewegung“ nur ungefähr 1 000 Genossen angehörten, der größere Teil der Deutschen Lettlands hingegen ihre Loyalität gegenüber dem Staat bewahrt hatten. Es darf auch nicht unerwähnt bleiben, dass sich auf dem Niveau des alltäglichen Bewusstseins die Umsiedlungsaktion für viele Letten mit Möglichkeiten verband, ihren eigenen Nationalstaat zu konsolidieren, die Spannung in den nationalen Beziehungen zu beseitigen und auch ihren eigenen wirtschaftlichen Status zu verbessern. Und letztlich ist es unzweifelhaft, dass die wohlwollende Einstellung, die ein großer Teil der lettischen Gesellschaft gegenüber der Ausreise der örtlichen Deutschen hegte, die Konsequenz war, die sich aus den antideutschen Tendenzen in der von der Regierung Ulmanis umgesetzten Innenpolitik in der Mitte und der zweiten Hälfte der 30er Jahre ergab.

       Zutreffend ist anscheinend auch die Ansicht, dass die Stimmung der lettischen Gesellschaft jener Zeit ein Resultat war, das von der Situation, die sich historisch entwickelt hatte, determiniert und von der Propaganda, die in Lettland jahrelang gegen die Deutschbalten als „Sklavenhalter des lettischen Volkes“ während vieler Jahrhunderte gerichtet worden war, bestimmt war. Am 29. Mai 1940 äußerte der lettische Innenminister, Kornēlijs Veidnieks, anlässlich einer Zusammenkunft der Kommandanten der Rigaer Garnison, dass „nur die Geschichte in der Lage sein wird, eine vollständige Bewertung darüber abzugeben, wie groß der Gewinn durch die Umsiedlung der Deutschen für unser Volk war.“[72] Er irrte sich allerdings bitterlich und täuschte sich heftig. Von unserem heutigen Standpunkt aus ist es völlig eindeutig, dass die Umsiedlung der Deutschen für Lettland ein unwiederbringlicher Verlust war, man könnte sogar sagen, der schwerste in seiner ganzen Geschichte. […]

 

Ende

Das Einvernehmen und die Zusammenarbeit Deutschlands und der Sowjetunion in den Jahren 1939 bis 1941 hat die gesamte europäische Geschichte entscheidend beeinflusst. Die von zwei aggressiven Großmächten geschlossenen Verträge und Geheimabkommen erwiesen sich mehrere Jahrzehnte lang als besonders schicksalshaft für Osteuropa. Die destruktive Rolle der erwähnten Dokumente zeigte sich deutlich am Ende des Zweiten Weltkriegs, als es dem sowjetischen Diktator Josef Stalin auf der Konferenz von Jalta, die vom 4. bis 11. Februar 1945 stattfand, gelang, von dem US-Präsidenten Franklin Delano Roosevelt und dem britischen Premierminister Winston Churchill de facto Territorien zu erhalten, auf die einige Jahre zuvor der deutsche Führer Adolf Hitler zu seinen Gunsten de iure verzichtet hatte.[73] Da die in Jalta begründete internationale Ordnung das Schicksal Europas sogar bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahre 1991 bestimmte, ist die Frage weiterhin eminent wichtig. Obwohl die Staaten des Baltikums ihre Unabhängigkeit nun schon seit recht langer Zeit zurückerhalten haben, liegt die Ironie der Geschichte darin, dass der Molotow-Ribbentrop-Pakt, oder genauer gesagt die darin vorgesehenen territorialen Veränderungen, die später in anderen Verträgen bestätigt wurden, weiterhin in hohem Maße die Grundlage der heutigen politischen Landkarte Osteuropas bilden.

       Der Molotow-Ribbentrop-Pakt hatte auch viele andere unwiderrufliche Veränderungen zur Folge, die sich in der historischen Sicht als sehr ungünstig für Lettland erwiesen. Es verlor seinen historisch gewachsenen nationalen Bestand an Einwohnern und damit einhergehend auch die stabile Verbindung zum Westen und zur westlichen Kultur. Die erste Sowjetokkupation, die nach der Ausreise der Deutschbalten stattfand, versetzte Lettland ein neuen vernichtenden Schlag: Die Deportation der Einwohner im Juni 1941 (sie betraf hauptsächlich die wirtschaftliche und politische Elite sowie die Intelligenz) vertiefte das intellektuelle Vakuum, das sich zu bilden begonnen hatte, und schuf gleichzeitig auch einen „leeren Raum“, den auszufüllen in der Zukunft Einwanderer aus dem Osten die Möglichkeit haben würden. Andererseits war das Hauptunglück, das die nationalsozialistische Okkupation mit sich brachte, der Holocaust: Lettland verlor auch seine jüdische Gemeinschaft. Die zweite sowjetische Okkupation hingegen rief die massenhafte Flucht der Bewohner nach Westen hervor. Mehr als 200 000 Menschen verließen Lettland und begaben sich in die Fremde. Ihren Platz nahmen Migranten aus der gesamten Sowjetunion ein.

       Das Antlitz Lettlands veränderte sich fast bis zur Unkenntlichkeit. Für Menschen, die nach der Wiederlangung der Unabhängigkeit Lettlands im Jahre 1991 in die Heimat ihrer Vorfahren zurückkehrten, war es schwierig, ja manchmal sogar unmöglich, sich einzuleben. Das gute alte Lettland, wie sie es gewöhnt gewesen waren und es in ihren Erinnerungen viele Male angerufen und vergöttert hatten, war in der Vergangenheit entschwunden, und diesmal ohne Wiederkehr. Heute leben wir in einer ganz anderen, sehr eigenen und sonderbaren Epoche. Man könnte sie als eine national gelockerte Epoche bezeichnen, faktisch als eine Epoche des Kosmopolitismus und des unter dem Eindruck der so genannten Siegerversion zutiefst missverstandenen oder nicht richtig verstandenen politischen Korrektness. Die Frage ist nur, wer daraus irgendeinen Nutzen gezogen hat und zieht. Die Antwort darauf lautet: wahrscheinlich nicht die Grundeinwohnerschaft Lettlands.

       Die Deutschbalten hingegen bemühten sich nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik Deutschland, die für annähernd 70 Prozent der Überlebenden zum Aufenthaltsort wurde, ihre Eigenart zu bewahren und aufrecht zu erhalten. Die Deutschbalten schufen sich ihre eigenen Organisationen, veranstalteten verschiedenartige Treffen, in Göttingen gründeten sie die Baltische Historische Kommission, die sich mit der Erforschung der deutschbaltischen Geschichte beschäftigte, und sie gaben auch ihre eigenen Presseorgane heraus. Auch nach mehr als 70 Jahren erscheint weiterhin das in Lettland recht populäre und viel gelesene Jahrbuch des baltischen Deutschtums.

Aus dem Lettischen übersetzt von Sabine Jordan, Münster

 

Empfohlene Zitierweise:
Inesis Feldmanis: Die Ausreise der Deutschbalten aus Lettland (1939–1941), in: Übersetzte Geschichte, hrsg. v. Nordost-Institut, Lüneburg 2016, URL: http://www.ikgn.de/cms/index.php/uebersetzte-geschichte/beitraege/umsiedlung-der-deutschbalten/feldmanis-die-ausreise.

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[*]   Da der Text in Auszügen und mit Auslassungen wiedergegeben wird, entspricht die Zählung der Fußnoten nicht dem Original, sondern geschieht hier aus technischen Gründen fortlaufend.

[1]   Die Historiker Lettlands Maksim Duhanov und Kārlis Daukšts wiesen im Jahr 1992 darauf hin, dass wir noch heute sehr weit davon entfernt seien, eine befriedigende Antwort auf die Frage der Bedeutung und der Rolle des deutschen Faktors in der Gesamtgeschichte Lettlands zu geben. Überwiegend gäbe es nur Wertungen einzelner Epochen. – K. Daukšts, M. Duhanov: Nachwort, in: Vācu faktors Latvijas vēsture [Der deutsche Faktor in der Geschichte Lettlands], Rīga 1992, S. 166.

[2]   Über die Umsiedlung der Deutschbalten haben verschiedene Autoren Lettlands oder lettischer Abstammung publiziert. Siehe zum Beispiel: Ē. Žagars: Ceļā uz revolūciju [Auf dem Weg zur Revolution], in: Dzimentes balss (1972–1974); E. Andersons: Latvijas vēsture 1920–1940. Ārpolitika II [Geschichte Lettlands 1920–1940. Außenpolitik II, Stockholm 1984, S. 269-282; I. Feldmanis: Vācbaltiešu izceļošana [Die Ausreise der Deutschbalten], in: Latvijas arhīvi (1994), Nr. 3, S. 32-42, Nr. 4, S. 35-46.

[3]   Nach dem Ersten Weltkrieg lebten die Deutschbalten in zwei Staaten – Lettland und Estland. Sie sahen sich als eine einheitliche Gruppe an mit gemeinsamer Geschichte und Traditionen.

[4]   In Quellen aus lettischer Herkunft (in Archivmaterialien, in der Presse, in Erinnerungen) und in der lettischen Geschichtsliteratur (bis 1989) wird die Ausreise der örtlichen Deutschen gewöhnlich als Repatriierung bezeichnet (Heimkehr in die Heimat). Dieser Begriff war jedoch nicht besonders glücklich gewählt. Der bekannte Rechtswissenschaftler deutschbaltischer Herkunft Dietrich André Loeber schreibt: „Die Umsiedler des Jahres 1939 aus Lettland waren keine Repatrianten. Sie waren keine Staatsangehörige Deutschlands, und selten hatte einer von ihnen jemals in Deutschland gelebt. Das bezieht sich auch auf die Vorfahren der Umsiedler, von denen ein großer Teil zu ihrer Zeit aus anderen Ländern nach Lettland eingewandert waren oder von den örtlichen Einwohnern abstammten. Außerdem existiert Deutschland erst seit 1871. Zudem muss beachtet werden, dass die deutschen Behörden die Umsiedler nicht in Deutschland, sondern im okkupierten Polen ansiedelten, Latvijas vēsture (1993), Nr. 1, S. 56.

[5]   Dem juristischen Status nach wurden die im Ausland lebenden Deutschen in zwei Kategorien eingeteilt: Volksdeutsche – Staatsbürger ihres Wohnlandes, und Reichsdeutsche – Staatsbürger Deutschlands.

[6]   „Volksgruppen“ – so werden in Quellen deutscher Herkunft die deutschen Minderheiten in verschiedenen Staaten Europas bezeichnet, unter Betonung ihrer Zugehörigkeit zum deutschen Volk.

[7]   Osteuropa (1954), H. 1, S. 81.

[8]   Zu diesen Fragen siehe ausführlich S. 19 f. [der Monografie].

[9]   H. Hecker: Die Umsiedlungsverträge des Deutschen Reiches während des Zweiten Weltkrieges, Hamburg 1971, S. 1.

[10]  Jürgen von Hehn: Die Umsiedlung der baltischen Deutschen – das letzte Kapitel baltisch-deutscher Geschichte, Marburg/L. 1982, S. 172-191.

[11]  Ebenda, S. 174.

[12]  J. Stradiņš: Vācbaltieši, Rīga un Latvija [Die Deutschbalten, Riga und Lettland], in: Latvijas Vēstures Institūta Žurnāls (1993), Nr. 1, S. 193.

[13]  Ebenda.

[14]  J. Bērziņš: Piektajam gadam – 100 [Zum Jahr Fünf – 100], in: 1905. gads Latvijā, Rīga 2006, S. 30.

[15]  Ritterschaft – titulierte Gutherrschaft, die im Mittelalter aus den Vasallenrittern entstanden. Die Livländische Ritterschaft entstand aus den ehemaligen Rittern des Deutschen Ordens und den Vasallen des Bischofs um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert.

[16]  L. Dribins, O. Spārītis: Vācieši Latvijā [Die Deutschen in Lettland], Rīga 2000, S. 67.

[17]  Der Freiheitskrieg Lettlands – die Kämpfe für einen unabhängigen Staat 1918–1920.

[18]  L. Dribins, O. Spārītis: Vācieši Latvijā [Die Deutschen in Lettland], Rīga 2000, S. 68.

[19]  Jürgen von Hehn: Die Umsiedlung der baltischen Deutschen – das letzte Kapitel baltisch-deutscher Geschichte, Marburg/L. 1982, S. 4.

[20]   Modus vivendi – (lat. Sprache – „Lebensweise“) – Ordnung, die zwei Seiten wenigstens auf Zeit die Möglichkeit eröffnet, normale und friedliche Beziehungen aufzunehmen.

[21]   R. Rexheuser: Die Deutschbalten. Ein Überblick über ihre Geschichte, Lüneburg 1991, S. 17.

[22]   Von den lettischen Historikern hat Raimonds Cerūzis viel über das korporative Prinzip unter den Deutschbalten ihrer Zeit publiziert. Siehe Raimonds Cerūzis: Vācu faktors Latvijā (1918–1939): politiskie un starptautiskie aspekti [Der deutsche Faktor in Lettland (1918–1939)], Rīga 2004, S. 36-43.

[23]   Ceturtā tautas skaitīšana Latvijā 1935. gadā [Die vierte Volkszählung in Lettland 1935], Rīga 1939, S. 296.

[24]   Die erwähnte These äußert H. von Rimscha in dem Buch „Aufgabe und Leistung der Baltendeutschen“ (1940). Siehe: H. von Rimscha: Aufgabe und Leistung der Baltendeutschen, Berlin 1940, S. 36.

[25]   H. von Rimscha: Zur Frage der Umsiedlung, in: Baltische Briefe (1957), Nr. 1, S. 17 f.

[26]   Baltische Hefte (1958), H. 4, S. 243.

[27]   W. Wrangell: Die Vorgeschichte der Umsiedlung aus Estland, in: Baltische Hefte (1958), H. 3, S. 141-152.

[28]   Baltische Hefte (1958), H. 4, S. 246.

[29]   Ebenda, S. 242.

[30]   F. Buchardt: Im Interesse des Reiches. Zur politischen Vorgeschichte der Umsiedlung, in: Baltische Briefe (1964), Nr. 11, S. 19-22.

[31]   Baltische Briefe (1965), Nr. 5, S. 3 f.

[32]   E. Kroeger: Der Auszug aus der alten Heimat, Tübingen 1967, S. 50.

[33]   Ebenda, S. 96.

[34]   Dietrich A. Loeber: Diktierte Option, Neumünster 1972, S. 49.

[35]   Ebenda, S. 50.

[35]   A. von Taube, E. Thomson: Vācbaltieši Latvijā un Igaunijā [Die Deutschbalten in Lettland und Estland], Rīga 1993, S. 34.

[37]   Jürgen von Hehn: Die Umsiedlung der baltischen Deutschen – das letzte Kapitel baltisch-deutscher Geschichte, Marburg/L. 1982, S. 30 u. 199.

[38]   M. Garleff: Die Deutschbalten als nationale Minderheit in den unabhängigen Staaten Estland und Lettland, in: Deutsche Geschichte im Osten Europas. Bd. 4: Baltische Länder, Berlin 1994, S. 482-499; Ders.: Die Deutschbalten. Schicksal und Erbe einer eigenständigen Gemeinschaft, in: Die Deutschbalten. Studienreihe der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat. Bd. 6, München 1995, S. 87-89.

[39]   R. Rexhäuser: Die Umsiedlung der Deutschbalten 1939. Versuch einer historischen Einordnung, in: Jahrbuch des baltischen Deutschtums (1989), S. 9-25.

[40]   L. Bosse: Vom Baltikum in den Reichsgau Wartheland, in: Deutschbalten, Weimarer Republik und Drittes Reich. Bd. 1, Köln 2001, S. 302.

[41]   Ebenda.

[42]   M. Schröder: Die Umsiedlung der Deutschbalten im Kontext europäischer Zwangsmigrationen, in: Nordost-Archiv XIV (2005), S. 108 f.

[43]   Ebenda, S. 110 f.

[44]   Ebenda, S. 112.

[45]   Latvijas Valsts Vēstures Arhīvs [Lettlands Staatsarchiv für Geschichte, LVVA], Fond 2574, Verzeichnis 4, Akte 7567, Blatt 119; Brief des lettischen Außenministers V. Munters an den Gesandten in Berlin E. Krieviņš, 18. Dezember 1939.

[46]  Jürgen von Hehn: Die Umsiedlung der baltischen Deutschen – das letzte Kapitel baltisch-deutscher Geschichte, Marburg/L. 1982, S. 128 f.

[47]  LVVA, F. 3235, Verz. 2, Akte 7426, Bl. 12 f.

[48]  Jürgen von Hehn: Die Umsiedlung der baltischen Deutschen – das letzte Kapitel baltisch-deutscher Geschichte, Marburg/L. 1982, S. 128.

[49]   Valdības Vēstnesis, 10. November 1939.

[50]   Ebenda, 28. November 1939.

[51]   LVVA, F. 5969, Verz. 1, Akte 389, Bl. 3.

[52]   Ebenda, Bl. 4.

[53]   Der Außenminister Lettlands an den deutschen Geschäftsträger über eine Nachumsiedlung von Deutschen aus Lettland, in: Jürgen von Hehn: Die Umsiedlung der baltischen Deutschen – das letzte Kapitel baltisch-deutscher Geschichte, Marburg/L. 1982, S. 235.

[54]   LVVA, F. 3235, Verz. 1/8, Akte 343, Bl. 142.

[55]   Ebenda, Verz. 1/22, Akte 523, Bl. 2.

[56]   Ebenda.

[57]   Brīva Zeme, 13. Oktober 1939.

[58]   Ebenda.

[59]   Jürgen von Hehn: Die Umsiedlung der baltischen Deutschen – das letzte Kapitel baltisch-deutscher Geschichte, Marburg/L. 1982, S. 165.

[60]   LVVA, F. 3235, Verz. 1/8, Akte 357, Bl. 142.

[61]   Ebenda, Bl. 145.

[62]   Ebenda, Bl. 150-158.

[63]   Ebenda, F. 2574, Verz. 4, Akte 7567, Bl. 116.

[64]   Ebenda, Bl. 132.

[65]   Ebenda.

[66]   Die Haltung der lettischen Regierung zur deutschbaltischen Umsiedlung kritisierte der bekannte Politiker und Staatsmann Marģers Skujenieks. Im November 1939 schrieb er in einem Brief an den Gesandten Lettlands in Schweden, Norwegen und Dänemark, Voldemārs Salnais: „Die Ansicht des ehemaligen Finanzministers Alfrēds Valdmanis war die einzig richtige. Nämlich einer freiwilligen Ausreise der Deutschen keine Hindernisse in den Weg zu legen, jedem zu erlauben seine Angelegenheiten zu ordnen, das Eigentum Verwaltern zu überlassen usw., aber ohne dass der Staat neue Lasten und Pflichten übernimmt. Stattdessen eröffneten sich für Deutschland kolossale Kreditierungsmöglichkeiten in unserem Land. Wir füttern die Deutschen kostenlos in Kriegszeiten. Außerdem wird seitens der Regierung und der Presse nichts getan, um eine Ausreise der Deutschen einzuschränken. Wir brauchen Menschen in so hohem Ausmaß. Natürlich ist die Ausreise von nationalsozialistischen Chauvinisten zu begrüßen, aber wir haben so viele Tausende tüchtige und ehrliche Deutsche, deren Ausreise das Niveau unserer materiellen Kultur in vielen Bereichen senkt. So reisen alle qualifizierten Waffenmeister aus, die besten Uhrmacher (A. Berg mit Personal), Buchbinder (Haselberg), Optiker (Ernsdorf). Manch guter von Ihnen bliebe, aber es wurde der Eindruck geschaffen, dass ihr Bleiben unerwünscht sei. Daher fahren viele, besonders die älteren, mit giftigem Pulver in der Tasche und Tränen in den Augen fort.“ Zit. nach E. Andersons, Latvijas vēsture 1920–1940. Ārpolitika II [Geschichte Lettlands 1920–1940. Außenpolitik II], Stockholm 1984, S. 279.

[67]   LVVA, F. 3235, Verz. 1/22, Akte 1835, Bl. 5.

[68]   Brīva Zeme, 21. Dezember 1939; Rīts, 17. Dezember 1939.

[69]   LVVA F. 2573, Verz. 4, Akte 7671, Bl. 18.

[70]   J. Lapiņš: Baltvācu pastara diena [Das jüngste Gericht der Baltendeutschen], in: Sējējs (1. Dezember 1939), Nr. 12, S. 1242.

[71]   LVVA, F. 3235, Verz. 1/8, Akte 343, Bl. 275.

[72]   Ebenda, F. 1368, Verz. 3, Akte 1307, Bl. 3.

[73]   J. Lipinskij: Sekretnye protokoly Stalina i Gitlera – neskončaemaja istorija c 1939 g. [Die Geheimprotokolle von Stalin und Hitler – eine unendliche Geschichte seit 1939], in: Meždunarodnoj krizis 1939–1941 gg.: ot sovetskoj-germanskich dogovorov 1939 goda do napadenie Germanii na SSSR, Moskva 2006, S. 23.

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Letzte Aktualisierung: 14.04.2016