Dr. Victor Herdt, 25. September 1949 - 27. Oktober 2023 

Nachruf

Am 27. Oktober 2023 verstarb in Göttingen nach langer und schwerer Krankheit unser früherer wissenschaftlicher Mitarbeiter Dipl. Germ. Victor Herdt. Er wurde am 25. September 1949 in der Familie von 1941 deportierten Wolgadeutschen in dem Dorf Boslawino (Friedental) in der Region Altaj geboren. Von 1967 bis 1969 studierte er Germanistik an der Pädagogischen Hochschule in Omsk. Darauf folgte bis 1973 das Studium der Kulturwissenschaften und Germanistik an der Karl-Marx-Universität Leipzig.

Seine berufliche Laufbahn begann Victor Herdt als Hochschullehrer an der Pädagogischen Hochschule in Minsk, Belarus (1973-1977). Nach gelegentlichen Leserbriefen und kurzen Beiträgen für die deutschsprachige Zeitung „Neues Leben“, wurde er 1980 festangestellter Mitarbeiter der Zeitungsredaktion in Moskau. Von 1982 bis 1988 leitete er die Literaturabteilung und wurde zum Ansprechpartner für die wenigen und über zwei Kontinente verstreut lebenden russlanddeutschen Dichter, Schriftsteller und Künstler. Von 1988 bis zu seiner Ausreise nach Deutschland 1991 war Herdt als freischaffender Journalist für die in Kasachstan erscheinende Zeitung „Freundschaft“ / „Deutsche allgemeine Zeitung“, vor allem aber als Übersetzer für verschiedene Verlage tätig.

In Deutschland angekommen, führte ihn der Weg nach Göttingen. Am Aufbau des Instituts für Deutschland- und Osteuropaforschung des Göttinger Arbeitskreises e. V. beteiligte er sich mit Engagement und dem ihm eigenen Humor. Hier fand er die Möglichkeit sich wissenschaftlich und publizistisch mit der Geschichte und Kultur der Wolgadeutschen zu befassen und in grenzüberschreitender Zusammenarbeit mit Kollegen in Russland die „weißen Flecken“ in der Historiographie mit Inhalt zu füllen. Sein besonderes Interesse galt den Beständen des Archivs der Wolgadeutschen in Engels, der früheren Hauptstadt des Autonomen SSR der Wolgadeutschen. Von 2002 bis zu seinem krankheitsbedingten Vorruhestand Ende 2012 war Herdt als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Nordost-Institut Lüneburg tätig. Er hat es sehr bedauert, durch die Erkrankung viele seiner Vorhaben nicht mehr umsetzen zu können.

 

Alfred Eisfeld 
Göttingen, den 2. November 2023