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Einleitende Bemerkungen von Victor Dönninghaus.pdfVictor Dönninghaus_Einleitende Bemerkungen zum Artikel von N. Kubik.pdf
Inhaltsverzeichnis
StartProjektbeschreibungEinleitende Bemerkungen

Archivdokumente über Kriegsgefangene des Ersten Weltkriegs im Bezirk Pavlodar (Kasachstan)

Ein Artikel von Nadežda A. Kubik

Einleitende Bemerkungen

von Victor Dönninghaus

Von Victor Dönninghaus

Einleitende Bemerkungen

PDF-Datei, 139 kB
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Der Erste Weltkrieg, einer der grausamsten Kriege des 20. Jahrhunderts, der viele Millionen Menschen das Leben kostete, ist bis zum heutigen Tag immer wieder Gegenstand des wissenschaftlichen Interesses. Was die Zahl der getöteten beziehungsweise verwundeten Soldaten sowie der zivilen Opfer betrifft, gehen die Schätzungen immer noch auseinander. Auch das Schicksal zahlreicher verschollener Soldaten bleibt bis zum heutigen Tag unbekannt. Bis 1917 gerieten etwa 2,2–2,4 Millionen Soldaten der Mittelmächte in russische Kriegsgefangenschaft, die verschiedenen nationalen Gruppen angehörten. Sie verlebten die Zeit ihrer Kriegsgefangenschaft in abgelegenen Regionen des Russischen Reiches, wo sie zweifellos erheblichen Belastungen ausgesetzt waren.

Bislang sind die verschiedenen Aspekte des Alltagslebens der in entfernte Regionen des Russischen Reiches verbrachten mitteleuropäischen Kriegsgefangenen des Ersten Weltkriegs nur sporadisch erforscht, insbesondere im Hinblick auf ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen, ihre familiären Verhältnisse, die während der Kriegsgefangenschaft ausgeübten Tätigkeiten sowie ihre Beziehungen zur lokalen Bevölkerung. Vor diesem Hintergrund bilden die in den Regionalarchiven verwahrten Dokumente einen umfassenden Quellenschatz, auf dessen Grundlage sich soziokulturelle Alltagsgeschichte und Adaptionsprozesse nachzeichnen lassen. In ihrem Beitrag „Archivdokumente über die Kriegsgefangenen des Ersten Weltkriegs im Bezirk Pavlodar (Kasachstan)“[1] unternimmt Nadežda A. Kubik den Versuch einer solchen Analyse. Dabei stützt sie sich vor allem auf Dokumente aus dem Staatlichen Archiv des Gebiets Pavlodar, konkret auf die Bestände des Revolutionskomitees des Bezirks Pavlodar (f. 1466), des Exekutivkomitees des Arbeiter-, Bauern und Soldatenrats des Bezirks (f. 12), der Wirtschaftsabteilung des Exekutivkomitees des Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrats des Bezirks (f. 49) sowie die Geburts-, Tauf- und Sterberegister der Kirchen und Moscheen und des Standesamts des Bezirks bzw. des Kreises Pavlodar (f. 1021). Darüber hinaus wurden Dokumente des Zentralen Staatsarchivs der Republik Kasachstan sowie zeitgenössische periodische Presse ausgewertet.

Die in dem Beitrag angeführten Daten illustrieren anschaulich die Lasten und Entbehrungen sowie die Beschränkungen der bürgerlichen Rechte, denen die kriegsgefangenen Soldaten und Offiziere der österreichisch-ungarischen Armee ausgesetzt waren, sowie die von den örtlichen Exekutivorganen zu deren Lösung ergriffenen Maßnahmen, die Lockerungen der Bedingungen der Gefangenschaft, Ansätze zur Lösung der Probleme der Arbeitsaufnahme, Unterbringung und Ernährung der Kriegsgefangenen sowie deren Beziehungen zur örtlichen Bevölkerung. Alles in Allem lässt sich das Bild einer den Umständen entsprechend erträglichen Existenz zeichnen, die es der großen Mehrzahl der Gefangenen immerhin ermöglichte, allen Härten zum Trotz zu überleben und nach Hause zurückzukehren, während eine kleinere Gruppe sogar beschloss, die Staatsangehörigkeit zu wechseln und im Bezirk Pavlodar dauerhaft Wurzeln zu schlagen.

Eine Besonderheit des vorliegenden Beitrags liegt in der umfassenden Analyse der herangezogenen Quellen, von denen ein großer Teil bislang unveröffentlicht ist. Dies ermöglicht der Autorin, ein weitgehend vollständiges Bild der während der Jahre 1914–1916 in Kriegsgefangenschaft geratenen Angehörigen der österreichisch-ungarischen Armee im Bezirk Pavlodar zu zeichnen.

Zweifelsohne ist der Beitrag auch unter dem Aspekt interessant, Informationen über das Schicksal jener Mitteleuropäer zu erhalten, die in Kasachstan blieben und später repressiert wurden, was nicht zuletzt für die Nachkommen jener Verwandten interessant sein dürfte, die damals in der Heimat zurückblieben. In diesem Sinne enthalten die Archivdokumente umfangreiche Informationen, auf deren Grundlage sich abgerissene verwandtschaftliche Beziehungen suchen und rekonstruieren lassen. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass die ausländischen Namen in den Dokumenten russifiziert sind, was die Identifikation der Kriegsgefangenen erschwert.

Nadežda A. Kubik ist Stellvertretende Leiterin des Staatlichen Archivs des Gebiets Pavlodar (Republik Kasachstan) und Mitglied der wissenschaftlichen Expertengruppe der Versammlung der Völker Kasachstans für das Gebiet Pavlodar. Schwerpunkte ihrer wissenschaftlichen Arbeit sind die Geschichte Kasachstans, Historiographie und Dokumentenkunde, die Geschichte der Region Pavlodar in verschiedenen historischen Perioden, die Prozesse der Herausbildung des polyethnischen kasachischen Volkes, die politischen Repressionen sowie die Deportation verschiedener Völker nach Kasachstan. Nadežda Kubik ist Autorin bzw. Herausgeberin mehrerer Dokumenten- und Quellensammlungen sowie von über 100 wissenschaftlichen und publizistischen Veröffentlichungen zur Geschichte Kasachstans.[2]


 

[1]       Der vorliegende Beitrag wurde im Jahr 2022 in russischer Sprache in der Zeitschrift „Fides, Ratio Et Patria. Studia Toruńskie“ (Polen) erstmals veröffentlicht. 

[2]          Istorija Pavlodarskoj oblasti. Sbornik archivnych dokumentov i materialov [Geschichte des Gebiets Pavlodar. Archivdokumenten- und Materialsammlung]. Hrsg. v. Nadežda A. Kubik. Almaty, 2025; Poljaki i pol’skie graždane v Pavlodarskom Priirtyš’e. 1930–1950-e gg. Sbornik dokumentov i materialov. [Polen und polnische Staatsbürger im Pavlodarer Irtyš-Gebiet. 1930er–1950er Jahre. Dokumenten- und Materialsammlung. Hrsg. v. Nadežda A. Kubik. Almaty, 2023; Nasil’stvennye političeskie kampanii sovetskoj vlasti v otnošenii krest’janstva v Pavlodarskom Priirtyš’e. 1920–1930-e gg. Sbornik dokumentov i materialov. [Gewaltsame politische Kampagnen der Sowjetmacht gegenüber der Bauernschaft im Pavlodarer Irtyš-Gebiet. 1920er–1930er Jahre. Dokumenten- und Materialsammlung]. Hrsg. v. Nadežda A. Kubik u. a. Pavlodar, 2022; Materialy Gosudarstvennoj komissii po polnoj reabilitacii žertv političeskich repressij (20–50 gody ХХ veka). Političeskie repressii v Pavlodarskom regione: tragedija naroda. T. XVII. Sbornik dokumentov i materialov [Materialien der Staatlichen Kommission für die vollständige Rehabilitierung der Opfer der politischen Repressionen (1920er–1950er Jahre). Die politischen Repressionen in der Region Pavlodar: Tragödie eines Volkes. Bd. XVII. Dokumenten- und Materialiensammlung]. Hrsg. des Bandes: Nadežda A. Kubik u. a. Astana, 2022; Političeskie repressii v Pavlodarskom Priirtyš’e: sud’by ljudej v archivnych dokumentach. Sbornik dokumentov [Politische Repressionen im Pavlodarer Irtyš-Gebiet: Menschliche Schicksale in Archivdokumenten. Dokumentensammlung]. Hrsg. v. Nadežda A. Kubik u. a. Pavlodar, 2023; Materialy Gosudarstvennoj komissii po polnoj reabilitacii žertv političeskich repressij (20-50 gody ХХ veka). T. XLII. Nasil’stvennye političeskie kampanii sovetskoj vlasti v otnošenii krest’janstva v Pavlodarskom Priirtyš’e. 1920–1930-e gg. Sbornik dokumentov i materialov. [Materialien der Staatlichen Kommission für die vollständige Rehabilitierung der Opfer der politischen Repressionen (1920er–1950er Jahre). Bd. XLII. Gewaltsame politische Kampagnen der Sowjetmacht gegenüber der Bauernschaft im Pavlodarer Irtyš-Gebiet. 1920er–1930er Jahre. Dokumenten- und Materialsammlung]. Hrsg. v. Nadežda A. Kubik. Astana, 2023.

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