

Gedruckte Reiseführer sind Mittel, mit denen die Wahrnehmung von Tourist:innen gezielt gesteuert wird. Hiervon ausgehend analysiert Agnieszka Pufelska in ihrer Studie „Zurechtgeschneiderte Tour. Reiseführer als Vehikel der Geschichtspolitik“ deutschsprachige Reiseführer, die in den 1970er Jahren in der Volksrepublik Polen herausgegeben wurden. Die Sehenswürdigkeiten und die Kultur Polens wurden darin, so die Kernthese der Autorin, entlang eines deutsch-polnischen Antagonismus präsentiert. Insbesondere die Darstellung der sogenannten „Wiedergewonnenen Gebiete“, also jener Regionen, die vor 1939 dem Deutschen Reich zugehörig gewesen waren und nun zur VR Polen gehörten, sei davon geprägt. Sie wurden als urpolnisch bestimmt, ihre Denkmäler entsprechend gedeutet und die historische Präsenz von Deutschen als Okkupation beschrieben. Während dabei mit Blick auf die Besetzung Polens im Zweiten Weltkrieg der polnische Widerstand gegen die Okkupanten heroisiert wurde, blieben nicht-polnische Opfergruppen, etwa Juden, weitgehend unerwähnt. Diese Argumentationsstrategien sollten bei den deutschen Tourist:innen ein Eingeständnis der Täterschaft provozieren. Demgegenüber wurde der Sozialismus in Polen als Verheißung präsentiert. Dafür zierten die Einbände der Reiseführer nicht selten Darstellungen von Frauen. Als Bild der Emanzipation der Frauen in der VR Polen gemeint, waren sie gleichwohl in Motiv und Form sexualisiert und sollten auf diese Weise insbesondere männliche Touristen ansprechen.
Die Studie ist Teil unseres gemeinsamen Forschungsprojekt „Begegnungen nach Plan“, dessen Ergebnisse wir auf unserer Homepage im Open Access präsentieren. Wie Tourismus in Estland kontrolliert wurde, oder wie eine Reise ins Baltikum aus Sicht eines niedersächsischen Touristen verlief, erfahren Sie dort in weiteren Studien.Text